Gegen Mittag des 1. Dezembers erreichte ich bei bedecktem Himmel Kaliakra.
Kaliakra liegt auf einer rund vier km langen Halbinsel. An ihrer
Spitze, dort wo Kaliakra liegt, ist diese Halbinsel nur etwa 100m
Breit. Auf der Landkarte schaut es so aus als sei Kaliakra ein kleines
Dorf. Aber dieser Eindruck täuscht. In Wirklichkeit handelt es sich
nur um ein paar alte Ruinen welche vom vierten bis sechsten
Jahrhundert nach Christus entstanden sein sollen. Also natürlich nicht
die Ruinen, damals haben die Menschen wohl schon Häuser und vor allem
Kirchen erbaut. Ruinen wurden diese Bauwerke dann im laufe der Zeit
von alleine. Heute ist bis auf die Wehrmauer nur noch unkenntlicher
Schrott vorhanden. Dafür zieren unzählige Verkaufsstände das Gelände.
"Original authentik handmade souveniers" kann man zum Beispiel auf
einem lesen. Wie gut das ich außerhalb der Saison hier bin um mir die
herrliche Landschaft ganz ohne Touristenmassen anschauen zu können.
Ungefähr 50m hoch erheben sich die rot-braunen Klippen, in welche
Zahlreiche Höhlen eingemeißelt wurden, und auf deren Spitze sich die
touristisch erschlossene Ruinenstadt sowie ein militärisches
Speergebiet befinden, aus der See. Ich verbringe viel Zeit damit über
Felsen zu klettern, Absperrungen und "Atentione danger" Schilder zu
ignorieren, die Aussichten zu genießen und mir die unzähligen Höhlen
anzuschauen.
Gegen Nachmittag beginnt es wieder zu regnen und ich verkrümele mich
in meinen Wagen. In der Nacht zieht ein Sturm auf. Der Wagen
schaukelt, Holz knirscht auf Holz, Regen peitscht lautstark gegen die
Fahrzeugwände und prasselt auf meinem transparenten Kunststoffdach. Im
Kamin knistert ein wärmendes Feuerchen. Vor mir steht ein reichlich
gezuckerter Pfefferminztee, der Laptop arbeitet mit internem
Batteriestrom und ich schreibe diese Zeilen.
Nach dem erwachen hatte sich das Unwetter gelegt. Ich packe
Regenbekleidung und eine Packung Kekse in den Rucksack und wandere
nordwärts - Richtung Kamen briyag. Einige hundert Meter folge ich der
Asphaltstrasse. Dann biege ich rechts ab und spaziere über eine
Weidefläche Richtung Küste. Schon bald versperrt mir ein Zaun den Weg.
Zwischen Zaun und Abgrund verbleibt ein rund zwei Meter breiter
Streifen. Ich folge ihm und genieße kurz darauf diese Aussicht.
Einige Steinstuffen beginnen an der Stelle an welcher ein Tor in den
Zaun eingelassen ist. Sie führen mich hinunter in die paradiesische
Bucht. Ein kleiner Hund begrüßt mich laut bellend. Das arme Kerlchen
ist an einer viel zu kurzen Kette angebunden. Einziger Wetterschutz;
ein Wohnwagen unter den er sich verkrümeln kann. Schekis Kaustreifen
schmecken ihm hervorragend. Wenigstens hat er ein Schälchen Wasser.
Ich spaziere die Mole entlang, erkunde zwei halb eingestürzter Häuser
und die Höhlen die sich in dem Fels befinden auf welchem die Häuser
erbaut sind, klettere auf eine weitere Klippe um die Aussicht zu
genießen und ärgere mich darüber dass es nicht 20 Grad wärmer ist um
in dem azurblauen Wasser ein erfrischendes Bad nehmen zu können. Mein
Weg führt mich weiter nordwärts, Kamen briyag entgegen. Recht bald
muss ich die Küste verlassen. Ein eingezäuntes Areal zwingt mich dazu.
Ich laufe über Felder, über schmale Landwirtschaftswege, vorbei an den
Bauwagen und Bienenstöcken eines Imkers. Am Nachmittag sichte ich eine
Ortschaft. Ich bewandere die Asphaltstraße, die serpentinenreich die
Klippen hinab auf eine tiefer gelegene Terrasse führt, doch noch bevor
die Häuser beginnen stehe ich vor einer geschlossenen Schranke. Auf
einem Schild ist ein durchgestrichener Hund zu erkennen. Ich schaue
mich um und sehe keinen Kläger. Wie heißt es doch so schön? Wo kein
Kläger da kein Richter. Ich folge der Küste zurück in die Richtung aus
der ich gekommen bin. Nur eben eine "Etage" tiefer. Vielleicht finde
ich eine Möglichkeit die Klippen hinaufzuklettern die ich auf dem
Hinweg übersehen habe. Ich komme nicht weit als sich doch ein Kläger
findet der mich recht unhöflich hinauskomplimentiert. Ich gehe zurück.
An einer Kreuzung deutet ein Schild in die Richtung aus der ich komme.
"Rusalka all inklusive Ressort" steht darauf zu lesen. Eine
Hotelanlage die so groß ist das sie selbst auf meiner Landkarte
eingezeichnet ist.
Ich biege links ab Richtung Balgarevo, der Ortschaft in welcher die
Stichstrasse nach Kaliakra abgeht. Vor dem Tor einer Firma die allem
Anschein nach Windräder zur Stromproduktion montiert bleibe ich
staunend stehen. Der Generator, also der Teil der Anlage an welchem
die Rotorblätter montiert sind, und der vom Boden so unscheinbar klein
ausschaut, ist so gigantisch groß, dass ich beinahe meinen Truck
dahinter verstecken könnte. Der deutschsprachige Pförtner quatscht
mich an. Der Mast eines solchen Windrades ist 95 Meter hoch, wenn ein
Rotorblatt senkrecht nach oben zeigt erreicht die Anlage eine
Gesamthöhe von 150 Metern.
Um kurz nach sechs erreiche ich todmüde nach 29,40 Kilometern meinen
Wagen. Dennoch, ein sehr schöner Tag.
Am morgen des 3. Dezembers ist es diesig und Wolkenverhangen. Die
Regenbekleidung verbleibt vorsichtshalber im Rucksack. Ich wandere
südwärts Richtung Kavarna. Der Weg ist nicht ganz so schön. Überall
finde ich alte Fundamente, Brunnenanlagen und Ruinen. Nur zwei Mal
bietet sich mir die Möglichkeit auf Tuchfühlung mit dem Wasser zu
kommen. Hier sind die steilen Klippen nicht immer unbedingt aus diesem
porösen rot-braunen Felsen mit weißen Sedimenteinlagerungen, teilweise
bestehen sie aus einem Glattgewaschenen, lehmartigen Material. Aus
allen möglichen und unmöglichen Ritzen und Spalten dringt Wasser
hervor und stürzt in die Tiefe.
Gegen 14 Uhr 30 blicke ich auf den Fischereihafen von Kavarna den ich
bereits vor einigen Tagen besichtigt hatte. Ich mache mir nicht die
Mühe die letzten Meter auch noch zu laufen sondern gehe Heimwärts.
Am 4. Dezember regnet es wie aus Eimern. Praktisch, frisches Wasser
zum Duschen und abspülen. In den kurzen Schauerpausen gehe ich mir
noch einmal das nähere Umfeld anschauen.
Am morgen des 5.12.2010 hat sich der Regen verzogen. Ich starte meinen
Motor und fahre nach Kamen briyag. Etwa 2 Kilometer hinter dem
Ortsausgangsschild beziehe ich Quartier hinter den Ruinen verlassener
Fabrikgebäude.
Kamen briyag begrüßt mich mit herrlichstem Sonnenschein. Ich werfe nur
einen flüchtigen Blick auf die atemberaubende Küstenlinie,
die sich in unmittelbarer Fahrzeugnähe erstreckt bevor ich am Morgen
des 6. Dezembers zu einer Wanderung aufbreche.
Weit komme ich nicht an
diesem Tag. Zu eindrucksvoll ist das Gebiet, zu schöne die Landschaft
um zügigen Schrittes hindurchzueilen. Ich ziehe es vor über die
steilen Felsen zu klettern und unzählige Höhlen zu erforschen, einen
Wachturm zu besteigen um die Landschaft von oben betrachten zu können
oder einfach auf den Stühlen, die sommerliche Camper an "ihrer" Höhle
zurückgelassen haben eine kleine Rast zu machen.
Dennoch erreiche ich am Nachmittag ein Gelände auf welchem Höhle neben
Höhle liegt. Anders als die Urzeitbehausungen die ich bis Dato hier
gesehen habe sind diese Höhlen nicht in steile Felswände geschlagen.
Sie sind auch viel kleiner als die die ich bisher entdeckt hatte. Auf
einem Plateau rund 50 Meter oberhalb des Meeresspiegels sind unzählige
Löcher gegraben, sie sind rund 80cm tief und haben einen Durchmesser
von weit unter einem Meter. Am Boden dieser nicht abgesicherten
"Fallgruben" befindet sich der Eingang zur eigentlichen Höhle. Ich
muss kein Archäologe sein um klar zu erkennen dass diese
unterirdischen Behausungen keines natürlichen Ursprungs sind. Kleine
in den Fels geschlagene Treppen führen hinab in die Tiefe. Wenn man
sich sehr verrenkt kann man durch einen quadratischen Eingang ins
innere der etwa zwei Mal zwei Meter großen Höhle klettern. Nicht
selten ist an deren Ende so etwas wie eine Bank in den Fels
geschlagen. Fünf oder sechs dieser Höhlen besichtige ich von innen.
Dann gebe ich auf, schließlich ist der Einstieg sehr mühsam und sie
sehen alle gleich aus. Einem Schild entnehme ich das es sich nicht um
Wohnräume, sondern um Familiengräber handelt welche im 2. Jahrhundert
nach Christus angelegt wurden.
Ich gehe weiter nordwärts. Hier beginnt ein ausgezeichneter
Rundwanderweg von etwa 5km Länge dem ich folge. Er führt mich hinunter
an die Küste, auf die untere Terrasse. Rechter Hand erheben sich die
Klippen. Deutlich erkenne ich unzählige schwarze Löcher, die Eingänge
zu Höhlen, in den senkrechten Felswänden. Linker Hand ist so etwas wie
eine Stadtmauer angelegt, unmittelbar dahinter geht es steil Bergab.
Am Fuße der Klippe rauscht das Meer. Ich interessiere mich mehr für
die Höhlen und klettere kreuz und quer durch die Steilwand um
möglichst viele von innen zu betrachten. Eine erregt mein besonderes
Interesse. Ihr Felsüberhang ist mit unzähligen Eisenstangen
abgestützt, der eigentliche Eingang vergittert. Ich bahne mir einen
Weg über Stock und Stein, durch Brombeeren und Buschwerk. Dann stehe
ich vor einer alten Felskirche. Das Vorhängeschloss, das einstmals die
Gittertüre verriegelte, lag aufgebrochen daneben. Ich konnte
ungehindert eintreten. Ein großer Raum lag vor mir. Einige Fresken und
Heiligenbildchen schmückten die Wände. Durch einen schmalen Gang
gelangte man in einen weiteren Raum. Ein Lüftungsschacht war senkrecht
in den Fels geschlagen, darunter eine Feuerstelle die mit Sicherheit
auch in unserem Zeitalter noch hin und wieder Verwendung findet.
Ich folgte dem Touristenpfad und machte mich auf den Heimweg.
Auch am 7. Dezember wanderte ich südwärts. Das gestern entdeckte
Gelände war zu groß und zu interessant um von mir in nur einem Tag
erforscht zu werden. Ich war noch keine halbe Stunde unterwegs, als
ich eine große, künstlich angelegte Steinmauer sichtete. Eine runde,
mannshohe Steinmauer umgab irgendetwas. Der Durchmesser des
"Umzäunten" Gebietes betrug wohl so um die 5 Meter. Ich bog von der
Küste ab und ging darauf zu.
Eine zweite, versetzte Mauer grenzte den Eingang ab. Im Zick Zack
konnte man eintreten. Im inneren des Steinkreises befand sich das
"Olympische Feuer" von dem ich schon Bilder gesehen hatte.
Eine Bratpfanne, ein Topf sowie ein Grillrost lagen zur allgemeinen
Verfügung bereit. Deutlich erkannte ich das dicke Eisenrohr durch
welches das Gas ins innere des Steinkreises geleitet wird. Seinen
Ursprung ausfindig zu machen gelang mir jedoch nicht. Ich frage mich
ob das Erdgas tatsächlich natürlichen Ursprungs ist oder ob die
Stadtverwaltung irgendwo nen Gastank verbuddelt hat und es sich
lediglich um eine künstlich geschaffene Touristenattraktion handelt.
In Gedanken ging ich weiter. Plötzlich blieb Scheki stehen, er hob ein
Pfötchen in Vorsteherstellung und blickte angespannt nach vorne. Auch
ich hob meinen Kopf und sah eine kleine Gruppe Ziegen die unweit von
uns friedlich graste. "Scheki, hier!" Mein Hund reagierte nicht.
"Scheki, komm mal schnell! Komm hieeer!" Noch einige Sekunden
überlegte mein Tier daran ob es auf mich hören, oder doch lieber
seinem Jagdinstinkt folgen soll. Schließlich drehte es bei und kam zu
mir. Ich bin stolz auf meinen Hund! Vorsichtshalber leinte ich ihn an.
Brav ging er bei Fuß und machte auch keine Anstallten sich daneben zu
benehmen als ich mich vorsichtig an die Tiere anschlich um ein Foto zu
schießen.
Hätte er nicht auf mich gehört, hätte es wohl ein Blutbad gegeben.
Denn den Ziegen war mit ihren eisernen Fußfesseln, die mich irgendwie
an die dicke Eisenkugel von gefangenen in Piratenfilmen erinnern, eine
Flucht nur schwerlich möglich.
Eine halbe Stunde später erreichte ich das Areal an welchem ich meine
Wanderung am Vortag abbrach und setzte meine Höhlenerkundungen fort.
Am frühen Nachmittag erreichte ich ein verlassenes Hotel. Ich nutze
die Straße, durch deren Asphaltdecke vereinzelte Bäumchen gen Himmel
wuchsen südwärts und kam in ein Gebiet mit heruntergekommenen
Ferienbungalows. Kurz darauf lief ich dem Typ in die Arme der mich
schon vor einigen Tagen von dem Grund und Boden das "Rusalka all
inklusiv" Ressorts vertrieben hatte. "No fence, no sign! Comming from
there." Ich deutete hinter mich. "No dogs, private!" Wurde ich
vertrieben. Ich verließ das Gelände auf dem gleichen Weg auf dem ich
es betreten hatte und machte mich auf den Rückweg.
Am achten wanderte ich nordwärts. Auch hier ist die Küstenlinie
einzigartig und auch in diese Richtung entdeck ich zahlreiche Höhlen
deren Innenleben ich erforschen musste. Kurz hinter Tyulenovo, ich
bewandere einen schmalen Feldweg, riecht es mal wieder nach faulen
Eiern. Ich schaue mich um und entdecke ein Rohr aus welchem große
Mengen warmes Wasser austreten und ungenutzt ins schwarze Meer
geleitet werden. Ich beschließe hier her umzuziehen, schließlich ist
warmes Wasser sehr praktisch für einen Waschtag. Ich folge dem Feldweg
Richtung Hauptstrasse und muss schon bald feststellen dass ein
problemloses befahren dieser Strecke mit meinem Fahrzeug nicht möglich
ist. Im Sommer, bei Trockenheit, ja, kein Problem. Aber in der Nacht
hatte es geregnet und der Weg glich einem Schlammfeld. Ich ging
weiter. Schon bald endete die Steilküste. Felswände und Klippen wichen
einem seichten, felsigen Übergang zwischen Wasser und Land. Durch das
Areal einer Bauwagen und Hüttensiedlung erreichte ich das "Shabala
Lighthous". Der älteste und höchste Leuchtturm an der bulgarischen
Küste. Viel interessanter als der Leuchtturm ist allerdings ein von
Naturgewalten zerstörter und in sich zusammengefallener Steg der
einstmals wohl auf so etwas wie einen Schiffsanlegeplatz führte. Die
Ortschaft Kariya, welche in unmittelbarer Nähe von Leuchtturm und Steg
erbaut ist, gleicht einer Geisterstadt. Entweder die Häuser sind so
baufällig das niemand darin wohnt, oder sie befinden sich im Rohbau.
Dafür gibt es auch hier eine öffentliche Warmwasserdusche. Die Suche
nach einem Geschäft um mir ein Mittagessen kaufen zu können, verlief
erfolglos.
In der Nacht zog ein dichter Nebel auf und die Temperaturen vielen um
knappe 20 Grad. Am nächsten Tag regnete es wie aus Eimern und ich
nutzte die Elektrizität welche mir die Sonne in den vergangenen Tagen
geschenkt hatte für meinen PC. Am morgen des 10. Dezembers hatte ich
Hörbücher aufgezeichnet, Reiseberichte in HTML umgeschrieben und
Zeitsteuerungen programmiert. Ich machte mich auf Richtung W Lan. Ein
eisiger Wind blies mir um die Nase als ich auf einer Mauer vor dem
Hotel "Dephin" in Tjulenovo platz nahm. Scheki hatte ich angeleint,
denn hier gibt es Hühner. Bei Hühnern springen meinem Hund ein paar
Drähte aus der Mütze und er wird zum Massenmörder. Allerdings gibt es
hier nicht nur Hühner, sondern auch Straßenhunde die sich allen
Anschein nach besser mit dem Federvieh verstehen und nun meinen Scheki
zum spielen auffordern. Es war kalt und windig, ich hatte einen
zappelnden Hund an der Leine welcher verständlicher weise viel lieber
mit seinen Artgenossen gespielt hätte als brav neben mir in der Kälte
zu liegen und die Internetverbindung war nicht die schnellste. Kurz
und knapp: Ich war mit der Situation nicht sonderlich zufrieden,
machte mich unverrichteter Dinge auf den Rückweg, kratze die seit
Ewigkeiten abgelaufene Straßenvignette von meiner Windschutzscheibe,
startete den Wagen und fuhr an einen Ort mit Internetanbindung im
Wohnzimmer.
Diesen fand ich in Vaklino. Die schnellste
Internetanbindung die ich seit Monaten gefunden habe. Da es auch am
11. regnete und stürmte verbrachte ich meine Zeit im Wagen.
Telefonieren, recherchieren, HP-Promotion usw. Mit Internet im Auto
wird einem nie langweilig. In der Nacht zum 12. vielen die
Temperaturen auf -7 Grad. Dafür begrüßte mich der Tag mit herrlichem
Sonnenschein. Zeit die Gegend zu erkunden! Ich packte mich warm ein,
schloss meine Türe auf und …, nix und! Ich hatte die Türe zwar
entrigelt, dies war aber nicht gleichbedeutend mit der Tatsache nun
meinen Wagen verlassen zu können um ein wenig spazieren zu gehen. Das
Türblatt war am Rahmen festgefroren, ich war gefangener in meinen
eigenen vier Wänden. Mehrmals warf ich mich mit meinem ganzen
Körpergewicht gegen die Türe um selbige zu öffnen. Irgendwann nach
fünf oder sechs versuchen gab das Eis nach, die Türe flog auf und ich
landete ein wenig unsanft auf dem Gehweg. Bei genauerer Betrachtung
stellte ich fest dass gar nicht das Eis nachgegeben hatte, sondern
meine Türdichtung. An mehreren Stellen war sie nun eingerissen und
klebte an der Türe anstatt am Rahmen. Scheiße, aber egal. Ich habe
noch Ersatzdichtung.
Ein Stückweit folgte ich der Hauptsrasse, dann bog ich rechts ab und
setzte meinen Weg durch einen vereisten Bewässerungskanal, der
parallel zur Asphaltroute verlief, fort. Bald darauf erreichte ich ein
Vogelschutzgebiet, das Ziel meiner heutigen Wanderung.
Einem Hinweisschild an der Hauptstrasse konnte ich entnehmen das
dieses Schutzgebiet als Touristische Sehenswürdigkeit ausgeschildert
war. Was der normale Durchschnittstourist hier allerdings sehen soll
bleibt mir ein Rätsel. Schließlich ist das gesamte Gebiet eingezäunt
und ein Betreten nur an einer Stelle möglich. Ich folgte dem Zaun auf
dessen Außenseite und kletterte durch vereiste Sumpfgebiete und
Schilfgürtel. Nach rund 2 stündiger, mühsamer quer Feld ein Tour hatte
ich das Gebiet umwandert und fand mich an einem herrlichen Sandstrand
wieder. Einige Bau und Wohnwagen waren dort als Fischerhütten
abgestellt, ein kleines Häuschen diente augenscheinlich als
Aufenthalts und Partyraum für Fischer und deren Freunde. Ich folgte
dem Feldweg bis zu einer riesigen vereisten Pfütze. Da ich es für eine
dumme Idee hielt mit meinem Wagen auf die Eisfläche zu fahren ohne zu
wissen was sich darunter befindet brach ich meine Suche nach der
Einfahrt zu diesem traumhaften Platz ab, ging zurück, und wanderte,
dem Sandstrand folgend, nordwärts. Paradiesisch! Ich entdeckte noch
einen weitern, allerdings nicht so schönen Parkplatz bevor ich nach
Einbruch der Dunkelheit mein Fahrzeug erreichte.
Leider war der 12. Dezember der einzigste Sonnentag den ich in Vaklino
erlebte. Drei weitere Tage verbrachte ich vor meinem PC um meine
kleine Website ein wenig bekannter zu machen.
Das einzigste nennenswerte Erlebnis das ich in diesen Tagen hatte war
meine Entdeckung der lokalen Abfallentsorgungsstrategie. Unweit des
Stadtzentrums, mitten auf einem Feld befindet sich ein eingezäuntes
Gebiet. Schlammige Zufahrtswege führen zu einem Loch im Zaun. Hinter
dem Zaun wird Unrat jeglicher Art abgekippt. Hausmüll, Bauschutt,
Sperrmüll. Einfach alles was nicht mehr benötigt wird landet auf
diesem Feld. Ein herumstehender Bagger dient allen Anschein nach dazu
die Abgekippten Güter gelegentlich auf den schwelenden Haufen zu
schieben von dem permanent ungefilterte Rauchwolken von verbranntem
Plastik, Gummi, Gartenabfällen und anderem Unrat aufsteigen.
Am Morgen des 15. wollte ich meine Fahrt fortsetzen. Mein Ziel hieß
Rumänien. Von Vaklino bis zur Grenze sind es nur etwa 20km und Vaklino
dürfte die letzte größere Stadt sein in der ich eine gültige Vignette
kaufen kann. Ich verließ also mein Fahrzeug um eine solche zu
erwerben. Kaum hatte ich die Türe geöffnet, staunte ich nicht
schlecht. Es lag Schnee!
Jetzt ist es nicht unbedingt ein Hobby von mir über vereiste Strassen
zu fahren, aber mit der ganzen "vor dem Computer sitzerrei" hatte ich
meine Batterien leer gespielt und fahren, bzw. Motor laufen lassen ist
derzeit meine einzige Möglichkeit die Dinger wieder voll zu bekommen.
Also machte ich mich auf zur Tankstelle um eine Vignette zu erwerben.
"Da, Poschta." Erhielt ich zur Antwort. Ich ging also zur Post und
fragte nach dem Straßenmautpikerl. Die freundliche Postmitarbeiterin
verstand auch gleich mein Anliegen, konnte mir aber nicht helfen. 2010
schrieb sie auf einen Zettel um im unmittelbaren Anschluss diese
Jahreszahl fett durchzustreichen und 2011 daneben zu schreiben. Wenn
ich das jetzt richtig verstanden habe, wollte sie mir mitteilen das
die Vignetten im Jahre 2010 ausverkauft seien und ich bis zum neuen
Jahr warten müsse. Das sind ja nur noch 17 Tage! In einem Land in dem
vor noch gar nicht allzu langer Zeit eine "Kommunistische Weltordnung"
herrschte mag so etwas ja zumutbar sein, ich hingegen hatte mir
eigentlich vorgestellt heute abzureisen. Ich ging zur
Touristeninformation und bat um Hilfe. Touristeninformation und
Internetkaffe sind in Vaklino die gleichen Geschäfte. Da um diese
Jahreszeit allerdings keine Touristen anwesend sind, hielt es der
Geschäftsinhaber anscheinend nicht für nötig eine englischsprachige
Mitarbeiterin einzustellen. Ein junger Kunde des Internetladens
dolmetschte. Kurz darauf hatte ich eine Wegbeschreibung zu einem Laden
der angeblich Vignetten führt. Mittlerweile war es aber 12 Uhr
geworden, und das Geschäft hatte bis 13 Uhr Mittagspause. Aber um 5
Minuten nach eins hielt ich eine gültige Vignette in meinen Händen.
Ich klebte sie auf meine Windschutzscheibe, startete den Motor und
fuhr zur nahe gelegenen Tankstelle. Ich hatte noch knapp 150Leva im
Portmonai und mir viel nix bessres ein als von dem Geld zu Tanken. Bei
100Leva zog ich die Tankpistole aus meinem Wagen da ich entdeckt hatte
dass diese Tankstelle auch über eine Gasflaschenfüllstation verfügt.
Ich übereichte meine leere Pulle und bat darum sie aufzufüllen. Die
Versuche der Tankstellenbetreiberin scheiterten. Eine Wulst am
Flaschenhals verhinderte den Anschluss des Füllventils. Ich kramte
nach meiner alten griechischen Buddel. Sie konnte gefüllt werden. Ich
beglich die Rechnung und fuhr zurück zur Zapfsäule. Ich hatte immer
noch einige Leva übrig, für Sie wollte ich jetzt Diesel. Ich
überreichte meine letzten Scheine der Verkäuferin und schüttete ganz
großzügig den Inhalt meines Kleingeldfaches als Trinkgeld auf den
Tresen. Aber anstatt sich zu freuen wurde die Kassiererin pampig. Mit
Nachdruck zeigte sie auf die Scheine und auf den Monitor der den
Betrag anzeigt für den ich getankt hatte. Scheiße! Ich hatte mich
verzählt! Mir fehlten ganze 6 Leva! "Äh, sorry - isvingnette!" Ich
zeigte meine leere Geldbörse. "Policia" erwiderte die
Tankstellenmitarbeiterin und griff zum Telefonhörer. "No! No Policia!"
Ich überreichte ihr meinen abgelaufenen Personalausweis, wedelte mit
einer 50 Euro Note und gab ihr zu verstehen dass ich in die Stadt
laufe um Geld zu wechseln. Eine halbe Stunde später konnte ich meine
Rechnung bezahlen und erhielt meinen Ausweis zurück. Jetzt hatte ich
aber wieder Geld übrig, also fuhr ich noch einmal an die Zapfsäule.
Dummerweise lief mein Tank über bevor mein Geld alle war. Ich befüllte
noch einen 5 Liter Kanister mit Sprit für Generator und Kettensäge und
fuhr mit 30 Leva in der Tasche der Grenze entgegen.
Noch bevor mir der Zöllner "Guten Tag" sagte warf er einen prüfenden
Blick auf meine Vignette. Dann kam er an mein Fenster und ich
überreichte ihm Pass und Fahrzeugpapiere. "Sticker Vigneta" sagte er.
Sticker Vigneta?! Was soll das den sein? Ich gab ihm die Quittung die
ich beim Vignettenkauf erhalten habe. "Sticker Vigneta" sagte er
erneut. Ich zuckte mit den Schultern. "Sticker, Sticker" wiederholte
er sich. Es dauerte eine Weile bis ich die transparente Folie, auf der
die Vignette klebte bevor ich sie an meiner Frontscheibe anbrachte aus
meiner Mülltüte hervorzog und dem Zöllner übereichte. Zufrieden
verkrümelte er sich in sein Zollhäuschen und wünschte mir 5Minuten
später eine gute Fahrt. Da hatte ich echt Glück das ich auf meinem Weg
keinen Abfalleimer passiert hatte, sonst hätte ich den Sticker, auf
dessen Rückseite ein Barcode aufgedruckt ist, nämlich nebst einiger
andere Abfälle dort hineinbefördert.
Der rumänische Zöllner fragte mich in gutem English was ich geladen
hätte und ich antwortete: "Caravan". Drei Grenzer warfen einen
flüchtigen Blick durch die geöffnete Fahrzeugtüre in den Innenraum
meiner mobilen Behausung ohne diese allerdings zu betreten. Dann lagen
rumänische Strassen vor mir.
U. Berger von reisefox für die Verlinkung meiner Reiseberichte. Er hat sich einen Daihatsu Cuore Zum Wohnmobil ausgebaut und ist damit immer mal wieder auf Tour.