Bei einem Selbstversorger

Donnerstag, 30. September 2010
Jetzt bin ich schon seit über 2 Wochen zurück aus Sofia und mein Wagen parkt immer noch auf dem Berg auf den ich ihn einen Tag nach meiner Rückkunft gefahren habe. Als erstes wanderte ich zu der kleinen Quelle die das Haus meines Aufpassers mit Wasser versorgt und füllte meine tragbaren Wasserreserven auf.

Auf dem Rückweg trug ich einen Rucksack dessen Gewicht das meines Reisegepäcks bei weitem überstieg. Anschließend startete ich den Motor und fuhr auf diesen, rund 2 km entfernten, Berggipfel.

Den ersten Tag an meiner neuen Heimat verbrachte ich damit aufzuräumen. Die oberflächliche Ordnung, die ich am Flughafen Burgas geschaffen hatte, wollte auch in eine tiefgründige Sauberkeit verwandelt werden. Danach verbrachte ich 3 Tage vor meinem PC. Ich hatte lange keine Gelegenheit mehr meine Erlebnisse niederzuschreiben. Erst war meine Mutter da, dann lenkte mich die Parkplatzsuche von dieser Aufgabe ab und zu guter letzt war ich mit meinem Rucksack unterwegs.
Am 22. beschloss ich, dass Umland zu erkunden. Mein Weg führte mich in eine kleine Ortschaft die ich bereits bei einem Spaziergang von einem Berg gesichtet hatte. Die Temperaturen lagen um die 22 Grad bei herrlichem Sonnenschein, so dass es richtig Freude machte über die weitläufigen, schattenlosen Weideflächen zu wandern und die Aussicht zu genießen.

Ich kreuzte einen idyllisch gelegenen Bergsee und erreichte nach einer knappen Stunde Fußmarsch den Ort. Ein Hirte trieb eine Herde Kühe die Hauptstraße hinunter, und nachdem er diese passiert hatte glich sie mehr einer Kuhtoilette als einer Strasse. Linker Hand war ein Geschäft, ich betrat es und kaufte ein Brot und ein Glas Lutenitza. Wegzehrung für meine weitere Wanderung. Kaum hatte ich das Geschäft verlassen, lernte ich Rocko kennen. Rocko ist der Grund warum ich diesem Standort so lange treu geblieben bin.
Rocko trat aus einem garagenähnlichen Bau, ich war gerade damit beschäftigt meinen Hund los zu binden. Irgendwelche bulgarischen Worte drangen aus seinem Mund, sie waren eindeutig an mich gerichtet. "Sorry, nixe komprende! German? Englisch? Germanski Tourist!" Ich deutete auf mich. "komme, komme, sitze, sitze, Bira, Bira" wiederholte sich Rocko. Ich betrat die "Garage" und nahm an einer Bierzeltgarnitur Platz. Bereits sieben oder acht ältere und auch jüngere Bulgaren saßen dort. Kurz darauf hatte ich ein Bier in der Hand. Wild gestikulierend versuchten wir uns zu verständigen. Es ist erstaunlich wie viele Informationen man durch Gestiken und mit Hilfe eines Filzstiftes, der Bildchen auf eine alte Tageszeitung malt, austauschen kann. Nach einer guten Stunde wusste ich, wer wie viele Kinder gezeugt hatte, wer welchen Beruf ausübt, und auch ich hatte meinen neuen Freunden erklärt bekommen wer ich bin und was ich hier tue. Irgendwann packte mich Rocko am Arm und sagte etwas wie: "komme, komme, happa, happa." Bei diesen Worten führte er eine imaginäre Gabel an seinen Mund. Rockos Mutter lebt in Belgien, hin und wieder besucht er dieses Land um dort zu arbeiten, habe ich in Erfahrung gebracht. Wahrscheinlich haben ihn die Erlebnisse in diesem Land dessen Sprache er nicht spricht zu einem wahren Meister der Handzeichenkonversation gemacht. Unmissverständlich lässt er mich nun auf einer nahezu nonverbalen Ebene wissen, dass er mich zum Essen einladen möchte. Ich folgte ihm. Kurz darauf erreichten wir sein Haus. Haus ist beim Anblick dieser Bruchbude vielleicht ein bisschen viel gesagt, auch wenn Rocko "Spezialista" in Sachen Hausbau ist wie er mich durch wildes Gestikulieren wissen lies. Nichts desto trotz gab es hier alles. Auch wenn nichts, aber auch absolut gar nichts westeuropäischen Standards entspricht. Im Werkzeugschuppen befindet sich eine Schleifmaschine die Rocko irgendwann einmal aus einer alten Waschmaschine selbst gebaut hat. Daneben steht ein altes Mofa. "Antika" lässt mich Rocko wissen und Antik ist ein beschönigendes Wort für diesen fahrenden Schrothaufen. Aus Ästen ist ein Regal geflochten in welchem sich mindestens 200 Einmachgläser mit selbst eingekochten Paprika, Tomaten, Gurken und anderem Gemüse stapeln. Anstelle von Lichtschaltern baumeln abisolierte Kabel aus der Wand, will man nun das Licht anschalten greift man zur isolierten Kombizange die griffbereit auf einem Sideboard liegt und tüddelt die Kabel damit aneinander. An einem abenteuerlichen Wäscheleinenkonstrukt baumeln Chilischoten und diverse Kräuter zum trocknen. Ein gutes Dutzend Hühner scharrt auf seinem riesigen Gelände zwischen Tomatenpflanzen, Mais, Auberginen, Apfel- sowie Pflaumenbäumen, Knoblauchgewächsen, Zwiebeln und allem was man sonst noch so braucht. Neun Kaninchen zähle ich in seinem Stall. Kurz und knapp, Rockos Bude ist exakt das, wovon jeder Deutsche träumt der an einen Selbstversorgerhof denkt.
Nachdem das Werkzeug geschliffen wurde, begann Rocko mit der Nahrungszubereitung. Es gab Kaninchen.

"Natural" lobt Rocko seine Speisen. Und "Natural" ist hier wirklich alles. Hier beginnt Kochen beim Tomatenernten und ich bin erstaunt welche eigenartigen Grünpflanzen mein Gastgeber da ans Essen schnipselt. Diese grünen Kriechgewächse die unter den Chilipflanzen wachsen sind gar kein Unkraut, wie ich zu erst annahm, nein es handelt sich um wohlschmeckende Kräuter für den Kaninchenbraten. Wenn man die Tomatenstauden ein wenig beiseite schiebt erblickt das geschulte Auge Pilze welche man hervorragend grillen kann. Ein verrosteter Eimer mit durchlöchertem Boden ist nicht etwa Schrott, nein es handelt sich um ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem welches durch die hauseigne Quelle gespeist wird. Von den Ideen kann Gardena noch lernen.
Ein Feuer wurde entfacht und kurz darauf gab es Essen. "Jesus" sprach Rocko als er mit seinen schmierigen Fingern das Brot "brach". Anschließend wurde die Mulinette rausgekramt um ein wenig Tabakfeinschnitt zu produzieren. Aus eigenem Anbau natürlich. Mich plagte eine laufende Nase. Eine allergische Reaktion auf das Kaninchen das ich ausgiebig streichelte bevor es auf den Grill wanderte. Auch dagegen kannte Rocko ein Hausrezept. Er streute einen gut gehäuften Löffel Zucker in die Glut des ausglimmenden Lagerfeuers und ließ mich die Dämpfe inhalieren. Das hat tatsächlich genützt. Mit aufziehender Dämmerung verabschiedete ich mich von Rocko. Am nächsten Tag waren wir für 10 Uhr in der Früh verabredet. Wir wollten angeln gehen.
Pünktlich stand ich vor dem Haus meines Freundes. Alles wirkte verlassen. Ich öffnete die Gartenpforte und setzte mich. Nach etwa 10 Minuten hielt ein alter Lada vor Rockos Haus. Der Fahrer drückte zwei Mal auf die Hupe und Augenblicke später stand mein Freund in Nachthemd und Unterhose vor der Türe. Bei einem ausgiebigen Frühstück wurde der Tagesablauf besprochen oder besser gesagt aufgemalt. Schließlich sollte ich in die Tagesplanung mit einbezogen werden. Das Ergebnis unsrer kleinen Zeichenstunde sah folgendermaßen aus: Mit dem "brum brum" von Rockos Freund fahren wir einen etwa 10 km langen Strich entlang zu einem runden Kreis mit "aqua". Zwischendrin machen wir "Stop" bei "Magazina" und kaufen "Bira". Am Kreis angekommen machen wir "fidsche" (bei dem Wort wird eine imaginäre Angelrute ausgeworfen) bis 15 Uhr. Danach geht es "brum brum" den Strich zurück zu Rockos Haus wo "bzz bzz" (die ausgestreckte Handfläche wird über einem gedachten Feuer gewendet) gegrillt wird. Beim Essen hilft uns dann "Baby" und "Big Baby" (Bei dem Wort "Big Baby" werden die Hände zu Fäusten geballt und an leicht angewinkelten Armen etwa in Brusthöhe vor den Körper gehalten, der Unterleib macht dabei leicht federnde Bewegungen). Für alle, die diese wortkarge Konversation noch nicht kapiert haben: Rocko ließ mich wissen das seine Frau und seine Tochter zum Essen vorbeikommen. Des Weiteren erfuhr ich: "Big Baby perfekt English!"
Gesagt getan, gegen 1 Uhr erreichten wir den See.

Mit von der Partie ist Karo, Rockos niedlicher Welpe

dem ich das Stück Flohhalsband schenkte das für meinen Schecki zu lang war. Für Karo war der Rest zwar eigentlich ein Stück kurz, aber ich bohrte zwei Löcher in das Band und verlängerte es mit einem alten Schnürsenkel. Rockos alte Hündin wurde vor wenigen Monaten erschossen als sie Nachts um die Häuser streunerte erzählt er mir, und deutlich erkenne ich wie seine Augen bei dem Gedanken feucht werden. Karo hat das große Los gezogen, auch wenn er in seinem höchstwahrscheinlich relativ kurzen Leben niemals einen Tierarzt zu Gesicht bekommen wird. Wovon auch? Rocko lebt von 150 Leva, umgerechnet 75 Euro im Monat, wie er mir aufmalt. Dieses Geld spart er während seines Belgienaufenthaltes an. Dort arbeitet er 2 Monate im Jahr als Erntehelfer. Ansonsten ist er, wie fast alle hier im Dorf, arbeitsloser Selbstversorger. Hin und wieder ergattert er einen Aushilfsjob auf einer bulgarischen Baustelle. "Rocko Spezialista" betont er. "Stefan Spezialista too" mit einer imaginären Farbrolle pinsel ich einen Baum an. "Buisness Sunny Beach, Stefan Rock companion?" Fragt er. Mit seinem Finger schreibt er "1,5Leva" in den Sand. Daneben malt er ein kleines Viereck und beschriftet dessen Seiten mit "1m". Durch Gestik gibt er mir zu verstehen, dass für diesen Betrag verputzt und angestrichen werden muss.
In Deutschland würde ich jedem Arbeitgeber den Mittelfinger zeigen, aber hier willige ich ein ohne auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu überlegen. Der Gedanke mit Rocko, einem sympathischen Typen mit dem ich keine gemeinsame Sprache finden kann, zusammen auf einer bulgarischen Baustelle zu arbeiten reizt mich dermaßen, dass ich es wahrscheinlich sogar umsonst machen würde. Alleine der Erfahrung wegen.
Wie im Flug vergeht die Zeit. In unsrem kleinen Eimer zappeln gut und gerne 15 Fische. Keiner größer als 10cm. Ich frage mich schon was mein Freund von diesen Tierchen kochen will. Zurück in Rockos Häuschen sehe ich es. Die Tiere werden von Kopf, Schwanz und Flossen befreit, die Innereien kommen für die Hunde in die Mikrowelle und die Körper nebst Gräten in die gleiche Mulinette die gestern noch zur Tabakherstellung diente. Der Fischbrei wird mit Brot und allerlei Grünzeugs aus Rockos Garten vermengt und wenig später brutscheln köstliche Fischfrikadellen in der Bratpfanne.

Wir sitzen bis spät in der Nacht zusammen. Als ich aufbrechen möchte, werde ich festgehalten. Rocko führt mich in ein ungenutztes Zimmer. "Sleepe here, nix Caravan." Rocko zieht den Zimmerschlüssel vom Schloss und steckt ihn in meine Hosentasche. Es kostet mich einige pantomimische Überredungskunst ihm zu erklären, dass das eigene Bett das Beste ist. Ich lud meinen Freund und seine Familie für den kommenden Tag zu mir ein. Schließlich möchte ich mich irgendwie revanchieren.
Ich wartete den ganzen Tag, doch niemand kam. Erst gegen Mittag des 26. klopft es an meiner Türe. Draußen steht Rocko. Schweißüberströmt! "Problema, problema" schimpft er. Er setzt sich auf sein Mofa artikuliert das Geräusch "brumm, brumm" und sagt dabei: "Stefan? Stefan? Stefan?" Bei jedem Stefan schaut er in eine andere Richtung und hält sich die Hand über die Augen. "Nix", er klopft gegen seinen Tank und deutet an sein Moped zu schieben. "Problema, big Problema, phu! Anscheinend hat er meinen Standort doch nicht so genau anhand des Photos bestimmen können das ich ihm zeigte, wie er vor 2 Tagen beteuerte. "Rocko, nix Problema!" beruhigte ich meinen Freund, schloss mein Fahrerhaus auf und übereichte ihm den Reservekanister für meine Kettensäge. Erst als ich die Zahlen "1 : 50" auf einen Zettel schrieb kehrte Gelassenheit in den Gesichtsausdruck meines Freundes zurück.
Wir saßen lange zusammen bei Kaffee, Tee und Bratkartoffeln. Ich erfuhr, dass Rocko gestern einen Anruf von seinem "Chef" bekommen habe und er nach Sunny Beach gefahren sei um mit ihm zu sprechen. Übermorgen müsse er noch einmal dort hin, dann entscheide es sich ob wir Anfang Oktober anfangen könnten zu arbeiten.
Den 27. ließen wir ruhig angehen. Bereits um 9 Uhr in der Früh stand Rocko vor meiner Türe. Nach einem gemütlichen Kaffee nahm ich als Sozius auf seinem Zweirad Platz. Baby Karo klemmte ich unter den Arm, damit wir etwas schneller fahren können und Schecki rannte uns hinter her. Im Dorf angekommen setzten wir uns auf die Stühle vor dem kleinen Geschäft, beobachteten Menschen, tranken Kaffee und später Bier und vertrieben uns die Zeit mit einem Schachspiel nach dem nächsten.
Den 28. verbrachte ich, wie vereinbart, alleine. Ich ging wandern. Jetzt parke ich hier schon so lange, aber vom Umland habe ich noch nicht viel gesehen. Ich wollte die Küste erreichen. Ich kann das Meer von meinem Wohnzimmerfenster aus sehen, ich will da auch mal hin laufen. Nach wenigen Kilometern passierte ich eine kleine Ortschaft. Kleine halbfertige Einfamilienhäuschen wurden im respektvollen Abstand zueinander errichtet. Auf der unbefestigten Schotterstraße herrscht gähnende Leere. Ich gehe weiter. Vor einem Haus sitzt eine Gruppe Menschen. Ich grüsse mit einem freundlichen "Dobre den". Mein Gruß wird erwiedert, ihm folgt ein mir unverständlicher Wortschwall fremdländischen Kauderwelsches. "Tourist, nixe comprende! German? Englisch?" "Sit, Sit" ein Mann rutscht ein Stück auf seiner Bank und klopft neben sich auf die Sitzfläche. Ein kleines Mädchen rennt in das Haus und kommt Augenblicke später mit einem Glas zurück. Ungefragt wird mir ein Bier gereicht. Ich setze mich. Es beginnt eine nonverbale Kommunikation, nach einem ähnlichen Muster wie ich es bei Rocko geschildert habe. Eine alte Frau bringt mir einen Teller mit Weißkraut und zwei Chevapchichi oder auch Köfte wie der Türke sagen würde. Ich bin alles, nur nicht hungrig. Aber eins habe ich während meiner Reise gelernt, die Leute sind eingeschnappt wenn man nicht mit einem gesunden Appetit zulangt. Und lecker war der Krempel, das muss man sagen. Kaum hatte ich aufgegessen bekomme ich eine Kanne Kaffee. "Schecker?" werde ich gefragt. Ich stutze. Schecker ist türkisch, auf Bulgarisch heißt Zucker Sacher. Ich frage meine Gastgeber ob sie Türken seien. "Nix türkisch, nix bulgarisch, Gipsy!" erhalte ich als Antwort. Gipsy, also Zigeuner. Die Menschen vor denen mich hier alle warnen. Die Menschen die mit ihren Pferdefuhrwerken jeden Anhalter aufsammeln der sie mit ihrem Daumen freundlich fragt. Nach einer guten Stunde verlasse ich diese freundlichen ziehenden Gauner. Ich bin mal wieder nicht bestohlen worden. Zwei Stunden später erreiche ich einen leerstehenden Industriekomplex den ich natürlich erforschen muss. Vom Dach hat man eine phantastische Aussicht. Das Innere ist verwüstet, aber dennoch interessant. Nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich mein Fahrzeug.

Am 29. warte ich auf Rocko. Doch niemand kommt. Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg, schließlich interessiert es mich ob ich ab Anfang Oktober einen Job habe oder nicht. Rocko bittet mich herein, ich komme pünktlich zum Essen. "Nix buisness, Boss nix Money !" erfahre ich auf meine Frage. Gegen halb 7 verabschiede ich mich. "Stefan buisness Internet" erkläre ich. Ich hatte mir fest vorgenommen um 9 Uhr deutscher Zeit, also um 10 Uhr bulgarischer Zeit im Chat zu sein. Als ich aus der Türe schaue regnet es in strömen. "Stefan nix buisnes Internet! Buisnes Internet, aqua - drop, drop, drop - big Problema Computer shit!" "Computer Problema?" fragt mein Freund. "Aqua -drop, drop, drop Computer shit!" Antworte ich und werfe schwungvoll einen gedachten Laptop gegen Rockos Wand. "Nix Problema." Rocko kommt mit einem gut und gerne 15 Jahre alten Laptop unter dem Arm auf mich zu, überreicht mir das Antiquariat und sagt: "Stefan, new Computer." Ich brauche bestimmt 20 Minuten um meinem Freund zu erklären, dass mit meinem Rechner alles in Ordnung ist, dass er nur kaputt geht wenn ich mich mit ihm in den Regen setze. Irgendwann begreift mein Freund. Ich erkläre ihm weiter dass ich morgen abreisen werde. "Stefan Varna?" fragt er nach. Ich nicke. "Stefan Varna, Rocko uhuh. Stefan good" Mein Freund reibt sich die Augen als würde er Tränen wegwischen. "Rocko nix uhuh, Rocko Party! Komme!" Spontan lade ich meinen Freund auf eine kleine Abschiedsparty in die Dorfkneipe ein.

Gegen Mitternacht sind wir beide sturzbetrunken, es hat aufgehört zu regnen und ich habe eine Rechnung von 8 Leva zu begleichen. Erneut werde ich eingeladen bei meinem Freund zu nächtigen, und erneut lehne ich sein Angebot ab. Ich verspreche morgen noch einmal kurz vorbeizuschauen um die Jacke zurückzugeben die mir Rocko geliehen hat, dann mache ich mich auf den Weg. Ein fataler Fehler.
Bis zur öffentlichen Trinkwasserstelle ist alles kein Problem. Ich befülle die drei Wasserflaschen die ich bei mir trage und beginne den Feldweg hinauf zu laufen. Bald darauf erreiche ich die kleine Tanne an der sich der Weg gabelt. Mann muss sich hier links halten. Ich bin den Weg schon einige Male gegangen, und hätte mir das grundsätzlich auch im Suffkopf zugetraut. Wie ich es für richtig halte, halte ich mich links. Bald darauf stehe ich im Dickicht. Ich gehe den Weg zurück und finde nach einigem Suchen die kleine Tanne. Ich versuche es erneut. Dasselbe Spiel. Ein dritter Versuch. Diesmal wähle ich den rechten Weg, vielleicht irre ich mich ja. Dieser Weg endet nicht, allerdings führt er auch nicht an dem idyllischen Bergsee vorbei. Verdammt, ich bin hier falsch! Ich gehe zurück und will es ein viertes Mal probieren aber im weißen Licht der LED Lampe, welches alle Farben unnatürlich kalt wirken lässt, finde ich noch nicht einmal den Rückweg. Ohne Lampe ist es stock finster. Der Himmel ist wolkenverhangen, der Mond ist nicht zu sehen. Jeden Moment kann es erneut anfangen zu regnen und ich habe nicht die leiseste Ahnung wo ich bin. Ich drücke auf den Auslöser meines Photoapparates um die Uhrzeit zu ermitteln. 1 Uhr und sechsundzwanzig Minuten. Ich irre orientierungslos durchs Unterholz. Hätte ich doch nur das GPS Gerät mitgenommen. Bald höre ich das Plätschern eines Baches. Ich erinnere mich, wenn ich den See passiere muss ich über einen kleinen Bach hüpfen. Es hatte Wochenlang nicht geregnet, in dieser Nacht aber gut und gerne 4 Stunden ohne Unterbrechung. Vielleicht ist das kleine Bächlein jetzt angeschwollen und plätschert. Ich folge dem Bachlauf in der Hoffnung so den See zu finden. Ergebnislos! Ich drehe um und folge ihm in die andere Richtung. Ebenfalls ohne Erfolg! Mittlerweile bin ich wieder nüchtern und mehr oder weniger Herr meiner Sinne. Wie blöd bin ich eigentlich. Ich kenn doch den Weg. Aber nicht von hier. Mich berühren Regentropfen. In der Ferne sehe ich ein Licht. Ich beschließe in diese Richtung zu laufen. Licht gleich Zivilisation - Zivilisation gleich Dach! Ich schieße erneut ein Photo: 2 Uhr 25! Ich bin mir ziemlich sicher in die falsche Richtung zu laufen, aber ich wäge die Risiken ab. Besser trockenen Fußes eine Bushaltestelle erreichen als planlos durch die Gegend zu irren und sich pitsch nass regnen zu lassen. Ich bin jetzt so viel hin und her gelaufen, dass ich im Grunde überhaupt keine Orientierung mehr habe. Es ist so dunkel das selbst Berggipfel nicht mehr als Landmarke auszumachen sind. Selbst der Mond als solches versteckt sich und ist mir keine Orientierungshilfe. Die Hoffnung meinen Wagen in der Dunkelheit zu finden habe ich aufgegeben, ich werde bis Sonnenaufgang warten müssen. Glücklicherweise hat es wieder aufgehört zu regnen. Ich gelange in ein Tal, von hier kann ich die Lampe nicht mehr sehen auf die ich zugelaufen bin. Fuck of! Wäre ich doch bei Rocko geblieben. Bald führt der Weg wieder bergauf. Hoffentlich bleibt es trocken! Ich erreiche die Bergkuppe und einige Gehöfte liegen hell erleuchtet vor mir. Ich nehme Schecki an die Leine und halte nach so etwas wie einem Vordach Ausschau. Das erste Gebäude ist eingezäunt. Hinter dem Zaun befinden sich Gänse. Das zweite Gebäude ist so baufällig, dass mir sein Dach keinen Schutz bieten würde. Etwas abseits befindet sich ein weiterer Bau. Schon von weitem erkenne ich, dass die Fenster fehlen. Das schaut so aus als ob ich Glück hätte. Ich gehe zur Türe, greife durch das Loch welches einstmals durch eine Fensterscheibe verschlossen wurde, drehe einen umgebogenen Nagel zur Seite der die Türe hält und betrete das Gebäude. Zu meiner Linken ein türloser Raum. Auf dem Boden befindet sich ein großer Berg von etwas dass ich als Hühnerfutter einordnen würde. Zu meiner Rechten eine verschlossene Türe. Ich drücke die Klinke herunter und erschrecke. Da steht ein Bett! Hier wohnt einer! Vor Schreck lasse ich die Klinke los, ein Windstoss schlägt die Türe lautstark ins Schloss. Fluchtartig verlasse ich das Haus.
Nichts geschieht! Vorsichtig schleiche ich mich ans Fenster, klettere auf einen Eimer und blicke ins Innere. Da ist niemand! Ich gehe zurück und setze mich auf das Bett.

Kaum hatte ich eine herumliegende Cola Flasche abgeschnitten um einen provisorischen Wassernapf für meinen Hund zu erhalten ertönt ein Donnerschlag. Im gleichen Moment beginnt es zu regnen. Ich schließe die Türe, stelle einen Stuhl vor selbige um rechtzeitig geweckt zu werden sollte jemand den Raum betreten, entwende einige Arbeitsjacken von einem Haken um sie als Wolldecke zu missbrauchen und lege mich schlafen.
Ich schlafe hervorragend. So etwas nenne ich Glück im Unglück. Rockos Bett wäre sicher gemütlicher und um einiges sauberer gewesen, aber ich wollte ja unbedingt nach Hause. Um kurz vor sieben wecken mich menschliche Lautäußerungen. Ein Schäfer treibt lautstark seine Herde vor sich her. Schecki, halt bloß die Schnauze! Mein Hund ist brav und verrät mich nicht. Ich beseitige die Spuren meiner Anwesenheit und verlasse schnellen Schrittes das Gelände.

Auch bei Tageslicht finde ich keine Orientierungspunkte die mir bekannt vorkommen. Aufs Geradewohl folge ich dem Weg den ich in der Nacht gekommen bin. Wie heißt eigentlich die Ortschaft in deren Nähe ich parke? Ich weiß es nicht! Ich wühle in meinem Portemonnaie ja, ich habe ihn, den kleinen Werbezettel mit der Adresse meines Fahrzeugbewachers. Nach diesem Punkt kann ich fragen. Aber wen? Ich folge einem hübschen Feldweg, Sonnenstrahlen fallen durch den wolkenverhangenen Himmel.

Bald darauf sehe ich eine Hauptstraße. Ich wandere quer über ein abgeerntetes Feld und erreiche die Asphaltroute. Kein Hinweisschild weit und breit. In grob geschätzten 3 km sehe ich die Häuser einer Ortschaft. Ich beschließe dort hin zu gehen. Ich habe es nicht eilig, das Wetter hat sich gebessert, Regen ist nicht mehr zu erwarten und wenn ich einen Ort erreiche, in welchem ich mir und meinem Hund etwas zu beißen kaufen kann, steht einer ausgedehnten Fahrzeugsuche eigentlich nix im Wege. Bis zum Einbruch der Dunkelheit werde ich den Karren schon wieder finden. Ich erreiche den Ort und halte Ausschau nach einem Geschäft. Recht bald werde ich fündig. Wie es hier so üblich ist befinden sich vor dem Geschäft einige Stühle und Tische. Menschen sitzen davor. Ich weise meinen Hund an: "Du wartest hier fein!" "Ein Deutscher" ertönt es von einem der Tische. "Was machst du denn hier?" "Ich such mein verdammtes Auto, hab die Nacht im Schafsstall gepennt und hab nen mords Kohldampf" antworte ich. Mein neuer Bekannter lacht. "Kauf dir erst mal was zu essen, und dann erkläre ich dir den Weg." Mit einem Brot in den Händen verlasse ich das Geschäft und übereiche meinem neuen Freund den kleinen Zettel auf dem die Adresse meines Fahrzeugbewachers gedruckt ist. Er lacht abermals. "Keine 5 Minuten mit dem Auto von hier! Eß auf, und ich fahr dich hin."
Um kurz vor 12 am Mittag lade ich meinen Taxifahrer auf einen frischen Kaffee ein.

Was für eine Nacht, ich hatte mir nach meiner Anhaltertour ja fest vorgenommen öfters mal etwas ohne mein Auto zu unternehmen. Ich hatte zwar eigentlich an abenteuerliche Bergwanderungen oder romantische Schlauchbootexkursionen auf hübschen Flüssen und zu einsamen Inseln gedacht. Geplante Touren eben, Touren bei denen ich eine Zahnbürste und einen Schlafsack im Gepäck habe, aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Mittlerweile haben wir schon Oktober. Als ich den Rechner anschaltete um diese Worte niederzuschreiben war noch September. Ich hoffe Rocko macht sich keine Sorgen um seine Jacke. Ich habe sie ihm nicht wie versprochen zurückgebracht. Ich bin eingeschlafen und erst nach Einbruch der Dunkelheit aufgewacht. Aus verständlichen Gründen wollte ich da nicht noch einmal los laufen. Ich werde ihm morgen die Bilder auf meinem Fotoapparat zeigen. Er wird die Geschichte auch ohne viele Worte verstehen, wir werden viel Lachen und wahrscheinlich komme ich dann erst übermorgen hier weg.
3 Uhr 30. Gute Nacht aus Bulgarien.
Rocko verstand die Geschichte auch ohne Worte. Die Sorgen um seine Jacke hielten sich anscheinend in Grenzen. Symbolisch verpasste er mir eine angedeutete Ohrfeige: "Sleepe here!" Er zeigte mir einen Vogel und schubste mich freundschaftlich gegen die Schulter.
Die Verabschiedung dauerte länger als geplant. Ich musste noch helfen seine Kaninchen zu füttern sowie Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und dergleichen zu ernten. Das Erntegut wanderte in große Plastiktüten, nach der Ernte feierten wir bei einer Tasse Kaffee Ernte Dank. Als es begann zu dämmern verabschiedete ich mich mit Nachdruck. "Varna, brumm brum, time to go, Mercie Rocko, good bey!" Aber so einfach kam ich nicht davon. Lieblos stopfte Rocko eine der Tüten mit dem Gemüsekram in meinen Rucksack. Sechs!!! Weitere drückte er mir in die Hand. Dann holte er ein Kaninchen aus dem Stall und wollte es mir in einer weitern Tüte um den Hals hängen. "No! Rocko, jetzt aber wirklich nicht. Ich hab hier gut und gerne 15 Kilo Tomaten, kannst du mir mal sagen was ich damit soll? Für lebende Nahrungsmittel hab ich keinerlei Aufbewahrungsmöglichkeiten, ich müsste das Viech heute Abend essen, ich will aber heute kein Schlachtfest feiern sondern nach Varna fahren. Ist ja lieb gemeint, aber wirklich nicht!" Selbstverständlich verstand Rocko den Inhalt meines deutschen Wortschwalles nicht, aber das mit dem Kaninchen konnte ich ihm dennoch ausreden. Schwer bepackt machte ich mich auf den Heimweg. Die Idee nach Varna zu fahren verwarf ich. Ich hatte zu viele Tomaten! Am nächsten Morgen machte ich mich auf in den Ort und kaufte Zucker und Essig. Danach verbrachte ich einen vollen Tag hinter dem Herd um Tomatenketchup, Luteniza, und Sambal Olek einzukochen.

Am morgen des 3. Oktobers brach ich endgültig auf. 19 Einmachgläser mit leckersten Speisen stapelten sich in meinen Vorratskisten. Als erstes tankte ich Wasser.

Danach wollte ich eine Straßenvignette erwerben. Mann soll sein Glück ja nicht herausfordern, und ich bin bereits oft genug ohne diese Plakette gefahren. Mein Vorhaben erwies sich allerdings schwieriger als gedacht. Ich parkte meinen Wagen auf dem Dorfplatz und ging zu Fuß zur nahe gelegenen Tankstelle. "Vignetta; Truck - one day!" Ich hob meinen Daumen in die Luft und deutete auf die entsprechende Stelle der aushängenden Preisliste. Tagesvignetten hätten sie nicht, wurde mir klar gemacht, ich müsse eine Wochenvignette kaufen. Eine Wochenvignette wollte ich allerdings nicht, ich verabschiedete mich und ging zu den beiden anderen sich im Dorf befindlichen Tankstellen. Die Gespräche mit deren Mitarbeitern habe ich aufgezeichnet. Tagesvignetten könne man nur auf dem Postamt kaufen, erfuhr ich. Heute habe es aber geschlossen da Sonntag sei. Guten Gewissens startete ich ohne Vignette meinen Wagen. Was soll ich tun? Mit der Tonbandaufzeichnung habe ich einen Beweis für meine Bemühungen sollte ich von der Polizei kontrolliert werden. Was nicht geht das geht nicht! Es kann ja keiner von mir erwarten bis Montag zu warten weil die keine Vignetten haben. In anbetracht meiner illegalen Fortbewegungsweise beschloss ich nur die wenigen Kilometer bis "Sunny Beach" zu fahren. Sunny Beach muss ein riesiges, pottenhässliches Touristenressort sein. Hotel neben Hotel, Strandbar neben Strandbar und Pool neben Pool. Viele Reisende und auch Bulgaren haben mir von der hässlichen, zubetonierten Stelle erzählt. Dort für ein oder zwei Tage halt zu machen ist bestimmt ein Erlebnis. Leider verpasste ich dieses Ressort. Ich sah zwar unzählige Hotelbauten, aber keinen Wegweiser mit der Aufschrift: "Sunny Beach". Dafür entdeckte ich ein Schild mit den Worten: "swimming verboten" Also was denn nun, Deutsch oder Englisch?
Weiter geht´s in Varna.

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