Chisinau Moldawien - Reisebericht

Chisinau; mit einer kleinen Unterbrechung sollte Chisinau meine Heimat für etwas mehr als einen Monat werden.
Durch meinen Umweg den ich mit Belüne gefahren war, war ich spät dran. Eigentlich wollte ich etwas früher in der Hauptstadt eingetroffen sein. Es gab viel zu tun in Chisinau. Zunächst einmal würde ich mich um so etwas wie ein Hotelzimmer für meine Mutter bemühen müssen welche mich in wenigen Tagen besuchen kommt. Dann brauche ich auch noch ganz dringend neue Reifen für meine Vorderachse. Ein Geschäft, so ein richtiges Geschäft für einen Großeinkauf wäre auch nicht zu verachten.
Gegen 4 Uhr passierte ich das Ortseingangsschild. Die Hauptsrasse wirkt auf den ersten Blick sehr europäisch, erst auf den zweiten Blick bzw. beim Befahren der sechs-spurigen Asphaltroute bemerkt man, dass es einem fast das Fahrwerk zerreist. Langsam ziehe ich auf Parkplatzsuche meine Bahnen durch den chaotisch wirkenden Straßenverkehr. Noch in Bukarest hatte ich mit meinem alten und leicht verbeult wirkenden Wagen einen klaren Vorteil. Alle hatten Angst um ihre auf Hochglanz polierten Autos. Hupen und fahren, genau wie die Einheimischen das machen, diese Strategie wirkte dort. Aber hier! Hier wird auch gehupt und gefahren, auch hier scheint das Recht des Stärkeren zu gelten. Dummerweise gehöre ich in der Blechlawine aus Zil, Taz und anderen alten, russisch anmutenden LKW weiß Gott nicht zu den stärkeren.
Ich fahre vorbei an prunkartigen Palästen, Regierungsgebäude wie sich später herausstellt, an großen Parks, hinweg über einen Blumenmarkt und gelange schließlich in einen Kreisverkehr. Ich wäre am liebsten ausgestiegen und hätte geheult. Im Grunde halte ich mich für einen guten Autofahrer, aber aus dem Kreisel unfallfrei wieder herauszukommen, das schafft man nur mit Glück und Gottes Hilfe. Ich weiß nicht wie viele Fahrspuren der Kreisverkehr hat. Fahrbahnmarkierungen sind hier, wie so oft, ein Fremdwort. Ich weiß auch nicht ob diejenigen Vorfahrt haben welche sich im Kreisverkehr befinden, oder diejenigen die dort hineinfahren möchten. Augenscheinlich liegt das Recht der Vorfahrt bei denjenigen welche die lauteste Hupe, und das älteste und größte Auto ihr Eigen nennen. Links Autos, rechts Autos. Es hupt aus allen Richtungen. Ich setze den Blinker um irgendwie auf die rechte Seite zu gelangen. Im dichten Stadtverkehr versuche ich eine Lücke zum Vorausfahrenden zu schaffen, damit ich, im Falle einer sich auftuenden Möglichkeit rechts hinüber zu fahren, ein wenig Platz habe um mein untermotorisiertes Fahrzeug zu beschleunigen. Die anderen Verkehrsteilnehmer erkennen dieses winzige Stück ungenutzter Fahrbahn und fahren in halsbrecherischen Manövern beidseitig an mir vorbei um dann, mehr oder weniger zeitgleich, aus beiden Richtungen vor mir einzuscheren. Ich beobachte die zahlreichen Beinaheunfälle die sich unmittelbar vor meiner Windschutzscheibe ereignen nur aus dem Augenwinkel. Mein Blick klebt am rechten Rückspiegel. Ein Autofahrer hat Erbarmen und lässt mich einscheren. Wenige Minuten später parke ich mein Zuhause schweißgebadet gegenüber eines großen Non Food Marktes.
Unmittelbar vor meiner Eingangstüre befindet sich ein kleiner 24 Stunden Laden. Dahinter eine schmale und ungepflegte Grünanlage und abermals dahinter, keine 50 Meter von meinem Wagen entfern erheben sich elfgeschossige Wohnhausanlagen. Auf der anderen Seite meines Wagens die vierspurige Hauptstrasse. Dahinter der Markt. Ein schmaler Gehweg ist von heruntergekommenen, fahruntüchtigen Kraftfahrzeugen zugeparkt. Lagerräume für die Markthändler.
Ich esse eine Kleinigkeit und breche auf mir die Stadt anzuschauen.
Hotels gibt es hier. Ich betrete ein solches Etablissement und frage nach dem Preis. 94 Euro die Nacht! Geschockt verlasse ich das Hotel. Ich betrete ein Weiters, auch hier liegt der Preis pro Nacht jenseits von gut und böse. Die Suche nach einer kleinen privaten Unterkunft scheitert. Die preisgünstigste Übernachtungsmöglichkeit die ich in den nächsten Tagen auf natürlichem Weg finden sollte lag bei 43 Euro, und sie war für den benötigten Zeitraum bereits ausgebucht.
Es ist schon dunkel als ich endlich das Stadtzentrum erreiche. Auf dem Vorplatz dieser Kirche

sitzt eine größere Gruppe junger Menschen. Sie sind mit Gitarre und Gesangbuch ausgerüstet und verbreiten eine gute Stimmung. Ich setze mich und applaudiere am Ende eines ihrer Lieder. Niemand schenkt mir Beachtung. Ich lausche zwei oder drei weiteren ihre Songs als ich plötzlich auf Englisch angesprochen werde. "Can I make a picture?" "Na, also mir ist das egal, ich bin auch nur Tourist, ich kenne die gar nicht." Mein Gesprächspartner kam aus Schweden. Er ist gestern in Chisinau angekommen und hat die erste Nacht auf dem Bahnhof verbracht. Dann hat er sich notgedrungen das preisgünstigste Hostel genommen das er finden konnte. 28 Euro die Nacht für ein Mehrbettzimmer erzählt er mir. Von Couchsurfing hat er noch nie etwas gehört. Gemeinsam machen wir die Stadt unsicher, finden aber keinen Punkt an dem wir bleiben.
Am nächsten Tag schlendere ich zunächst einmal über den Markt direkt gegenüber meines Wohnorts. Pracktischerweise ist es nicht weit, so dass ich Scheki im Wagen lassen kann. Ich benötige weder neue Handtücher noch Bettwäsche. Auch eine neue Wolldecke, Vorhänge oder Bekleidung kann ich nicht gebrauchen. Dieser Markt ist nichts für mich. Hier gibt es nichts was mich auch nur annähernd interessiert. Außer natürlich das bunte Treiben an sich, und der Blick über das provisorische Foliendach zurück in Richtung meines Wohnmobils.

Ich schnappe mir meinen Hund und begebe mich zurück in die Stadt. Überall sind Märkte, überall wird verkauft, gehandelt und gefeilscht. Zu meiner Belustigung trägt die Zapfanlage für Cvas bei.

Cvas ist ein russischer Brottrunk der geschmacklich irgendwo zwischen Coca Cola und Malzbier anzusiedeln ist. Auf jeden Fall wird Cvas aus Wasserhähnen gezapft.
Ich folge der "Stefan cel Mare", der Hauptgeschäftsstrasse in der Innenstadt, bis an ihr Ende und biege im Kreisel links ab. Eine Frau treibt ihre kleine Ziegenherde mitten durch Chisinau. Ich halte es nicht für ausgeschlossen dass sie ihre 6 Tiere auf dem Balkon hält und mit ihnen täglich in die öffentlichen Parkanlagen spaziert. Kurz darauf sehe ich zu meiner Rechten einen See.

Eine kleine Brücke führt an einer Stelle über das Gewässer an welcher zwei Seen durch so eine Art Kanal miteinander verbunden sind. Kanus rudern auf dem See, Jogger sind unterwegs und Menschen bummeln durch das Naherholungsgebiet. Ich bewundere die Brücke. Vor und hinter dem Bauwerk sind zwei hohe Säulen errichtet. Von ihnen führen schwere Stahlseile links und rechtsseitig der Brücke entlang. Massive Stahlstangen verbinden Brücke und Seil. Zumindest manchmal! Irgendwie machen diese Stahlstangen auf mich den Eindruck statisch eine sehr wichtige Funktion zu übernehmen, aber anscheinend kommt die Brücke auch ohne diese Stabilisierungsmaßnahme aus, denn viele dieser Stahlstangen sind gebrochen und baumeln lose in der Luft.

Das hat zur Folge, dass man eine massiv anmutende Betonbrücke durch simples auf- und abhüpfen in sehr lustige Schwingungen versetzen kann. Bis zum Einbruch der Dunkelheit bleibe ich in diesem Park, dann gehe ich zügig heimwärts.
Ich schalte den Computer an. Hier in Chisianu gibt es flächendeckendes W Lan. Wenn ich flächendeckend sage, dann meine ich auch flächendeckend. An keinem Ort innerhalb der Stadtgrenzen an dem ich meinen Rechner eingeschaltet habe -und das waren viele- hatte ich es nicht. Das "Starnet WiFi". Ich bin mir nicht sicher ob es sich um einen Service der Stadt handelt, oder um ein privates Unternehmen. Jedenfalls gibt es hier überall kostenloses Internet. Nachdem sich der Rechner mit dem Netzwerk verbunden hat, wird man auf eine Log In Seite weitergeleitet. Am untersten Seitenrand gibt es 3 Schaltflächen. Ich habe keine Ahnung was auf ihnen geschrieben steht, aber ich habe sie ausprobiert und wenn man auf die mittlere Taste drückt erscheint die englischsprachige Meldung: "You are logd in. If nothing happens, klick here". Dann wartet man noch 2 Sekunden und dann, dann ist man auf der Seite welche man in seinem Browser als Startseite konfiguriert hat. Das Manko an der Sache ist, dass man in unregelmäßigen Abständen aus dem Netz fliegt und sich neu einloggen muss. An und für sich nicht weiter schlimm, aber wenn das genau in dem Moment passiert in welchem man seine Homepage neu hochläd, dann hat das zur Folge, dass diese vollkommen abstürzt und bis zum erneuten Hochladen, etwa 2 Minuten später, von niemandem mehr erreicht werden kann.
Jedenfalls hatte ich Post von zwei Couchsurfern die gerne mal vorbeischauen wollten. Ich sandte ihnen ein Bild von der Kirche und wir vereinbarten, dass wir uns um 20 Uhr des nächsten Tages an diesem Ort treffen wollten.
Den Vormittag verbrachte ich recht erfolglos mit der Suche nach einem preisgünstigen Hotel für meine Mama. Außerdem fragte ich bei dem ein oder anderen Reifenhändler den ich passierte nach passenden Reifen für meinen Wagen. Reifenhändler wirken hier häufig ein kleines bisschen abenteuerlich.

Bei meiner Einfahrt aus Richtung Norden nach Chisinau passierte ich unzählige dieser kleinen Händler. Die Einfallstraße scheint das Zentrum für Reifenhändler und KFZ Werkstätten zu sein. Selbst eine riesengroße Iveco Vertretung ist dort ansässig. Aber zu Fuß habe ich diese Stelle bis jetzt noch nicht wieder gefunden.
Pünktlich um 8 wartete ich vor der großen Kirche deren Glockenturm in einem separaten Gebäude untergebracht ist. Auch die Verkaufsstätten für Ikonen und anderen christlichen Kitsch sind recht diskret in diesem Nebengebäude. Ich wartete vergebens. Um halb neun schaltete ich den Rechner ein und versuchte die Beiden via Skype anzurufen. Auch dieser Versuch scheiterte. Später erfuhr ich, dass die Zwei mir zwar ihre Handynummer geschickt hatten, sie aber nicht bedachten, dass ihr Guthaben nicht mehr ausreicht um im Ausland Gespräche annehmen zu können. Ich sandte eine SMS und eine E Mail, dann wartete ich eine weitere halbe Stunde. Ich war gerade in Begriff heimwärts zu laufen als ich meinen Namen vernahm. Da waren meine beiden Gäste! Die Kirche sei nicht im Zentrum, ließen sie mich wissen. Das Zentrum sei gut und gerne 5 Kilometer von hier entfernt. Ich traute meinen Ohren kaum, da war ich bereits 2 Tage in Chisinau und hatte noch nicht das Zentrum entdeckt? Ich konnte es kaum glauben. Egal, wir hatten uns gefunden und das wurde mit einem Bier gefeiert welches meine Gäste spendierten. Der Priester verscheuchte uns mit unsrem Getränk von Kirchenvorplatz, so dass wir im Park auf der gegenüberliegenden Straßenseite Platz nahmen.
Dort ist ein riesiges gelbes Transparent zwischen den Bäumen gespannt. "Free Wirles Zone" ist darauf zu lesen. Damit nicht genug, nein, hinter den öffentlichen Bänken in diesem Park befinden sich Steckdosen damit der Surfer seinen Laptop auch laden kann. Bis zu 40 Menschen mit Laptops auf ihren Knien zählte ich dort zu Bestzeiten gleichzeitig.

Auch ich verbrachte viele Stunden in diesem ruhigen und hübschen Park

und nutzte die kostenlose Elektrizität.
Wir blieben bis spät in die Nacht. Meine jungen Gäste waren, genau wie ich, eher nachtaktive Menschen. Doch genau wie mit meinem schwedischen Freund zogen wir auch diesmal planlos durch die Gegend ohne eine Stelle zu finden die uns zum Verweilen einlud. Obgleich die nächtlichen Temperaturen noch recht sommerlich sind ist bei aller Suche kein Platz zu finden an welchem sich junge Menschen treffen. Ein Cliquentreffpunkt wo man Anschluss an die lokale Bevölkerung finden könnte. Nichts! Wenn dann tatsächlich mal eine Gruppe Menschen beisammensitzt, so kann man davon ausgehen, dass keiner von ihnen der englischen Sprache mächtig ist. Schade! Gegen 3 Uhr in der Früh und nach gut und gerne 10 Kilometern Spaziergang durch das nächtliche Chisinau erreichten wir meinen Wagen. Nach dem Frühstück wurde ich dann auch schon wieder verlassen. Man beachte das gigantische Gepäck der beiden Polen mit welchem sie 3 Wochen unterwegs sein wollten. Ein kleiner Rucksack für beide, mehr nannten sie nicht ihr Eigentum.

Vergleichen wir ihre Ausrüstung doch einmal mit der von Sarah.
Ich machte mich auf in die andere Richtung. Das Stadtzentrum finden! Es ging über ärmlich wirkende (Floh)Märkte.

Meist ältere Händler boten hier Gebrauchtwaren an. Von Bekleidung bis hin zu Elektronik konnte man hier alles kaufen was es auf dem deutschen Sperrmüll umsonst gibt. Ich betrachtete ausgiebig die angebotenen Waren, immer auf der Suche nach einem Schnäppchen. Aber ich wurde beim besten Willen nicht fündig.
Am Ende der Märkte befand sich der Bahnhof. Dort war eine alte Dampflokomotive liebevoll restauriert und diente nun als Ausstellungsstück.

Nicht nur auf den Märkten fand ich kein Schnäppchen, nein, auch das Stadtzentrum fand ich in diese Richtung nicht. Zwar gibt es dort eine weitere Einkaufsstrasse, aber diese Gegend Zentrum zu nennen wäre wirklich übertrieben. Dafür machte ich Bekanntschaft mit einem Hundehalter. Viele Stunden ließen wir unsre Tiere in einem kleinen Park spielen und unterhielten uns über die rassistische Deutsche Kampfhundeverordnung und die Geschichte Moldawiens.
Die Hauptstrasse "Stefan cel Mare" ist nach einem alten König benannt. Dieser König führte mehr oder weniger andauernd Krieg gegen die Türken. Immer wenn er eine Schlacht erfolgreich beendet hatte, stiftete er eine Kirche. Als Dank für seine Großzügigkeit wurde er irgendwann von der orthodoxen Kirche heilig gesprochen. Eine Blasphemie, so mein Gesprächspartner, denn Stefan cel Mare war neben seinen Kreuzzügen für einen recht unchristlichen Lebenswandel bekannt. Mehrere Dutzend uneheliche Kinder soll er, meist mit Prostituierten in die Welt gesetzt haben. Statuen des heilig gesprochenen Königs finden sich im gesamten Stadtgebiet.

Darüber hinaus ist der gute Stefan auf allen Geldscheinen der Republik Moldawiens abgebildet.
Außerdem gäbe es rund 30 Kilometer nördlich von Chisinau den größten Weinkeller der Welt. Mehrere Einhundert Kilometer sollen die unterirdischen Gänge lang sein. Shuttlebusse fahren zahlende Besucher vorbei an ungezählten, von Neonlicht beleuchteten Weinfässern. Selbst Weinflaschen, die einstmals bekannten politischen Größen aus dem dritten Reich gehörten, sollen dort lagern und zu besichtigen sein. Der Eintrittspreis solle umgerechnet um die 20 Euro betragen. Weinprobe inklusive und laut meines Gesprächspartners eine lohnenswerte Investition.
Als ich am Abend nach Hause kam, hatte ich schon wieder Post von einem Couchsurfer. Diesmal hieß mein werdender Gast Anna. Genau wie mit meinen anderen Gästen verabredeten wir uns für 9 Uhr am Abend vor der Kirche mit dem separierten Glockenturm.
Was ich zum Zeitpunkt der Verabredung nicht wissen konnte war, dass zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Treffpunkt ein christliches Mega Event stattfinden würde. Der orthodoxe Papst besuchte Chisinau. Ein Ereignis das ich auf keinen Fall verpassen durfte.
Bereits gegen Mittag bemerkte ich, dass hier Vorbereitungen für eine größere Feierlichkeit getroffen wurden. Bühnen wurden errichtet, Videoleinwände aufgebaut und hunderte, nein tausende von wehrlosen Blumen zu Dekorationszwecken getötet.

Eine Frau, welche einige Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika lebte und so der englischen Sprache mächtig war erzählte mir, dass ein hoher russischer Priester zu Besuch käme. Das Event sei für 9 Uhr am Abend geplant. Also hatte ich Zeit noch einmal nach Hause zu laufen um mir einen weitern Pullover zu hohlen. Von gestern auf heute ist es irgendwie empfindlich kühl geworden.
Als ich zurückkehrte war der Kirchenvorplatz von unzähligen Polizeibeamten abgeschottet. Im Abstand von wenigen Metern bildeten sie einen geschlossenen menschlichen Zaun rund um das ansonsten offene Gelände. Von den vielen offiziellen Zugangswegen waren nur wenige nutzbar. Besucher mussten sich dort einer Leibesvisitation unterziehen. Mit Metalldetektoren wurde mein Körper gescannt. Es piepste! "It´s a cam!" Ich zeigte meinen Fotoapparat. Dann war mein Rucksack an der Reihe. Es piepste abermals. "It´s a Laptop PC!" Ich zeigte meinen Computer und durfte passieren.
Rund um die eigentliche Bühne stand eine weitere menschliche Barriere, damit dem heiligen Vater auch ja niemand zu nahe kommen konnte.

Der Kirchenvorplatz füllte sich langsam mit Menschen. Für die Größe der Lokalität, blieb er aber verhältnismäßig leer. Eine große Videoleinwand, welche Menschen auf dem hinteren Teil des Geländes mit Bildern versorgen sollte, war absolut überflüssiger Weise errichtet worden. Denn auf dem riesigen Platz befand sich kein einziger Mensch.

Gegen viertel vor 9 Uhr begannen die Kirchturmglocken melodisch zu läuten. Kurz darauf marschierte eine größere Prozession schwarz gekleideter Mönche, Priester, Pfaffen (oder so welche) Richtung Kirche. Punkt 9 begann der hohe russische Priester mit seiner Ansprache welche nicht länger als 20 Minuten dauerte.
Was ich über diese Ganze Aktion denke, das habe ich als Audio für den VIP Bereich aufgezeichnet und da ich es niemals so gut niederschreiben könnte, habe ich mich dazu entschlossen einen Teil dieser Worte auch hier zu veröffentlichen.

Kurze Zeit später traf Anna ein. Der kleine Menschenauflauf hatte sich bereits aufgelöst, so dass es kein größeres Problem war uns zu finden.
Anna kommt aus Rumänien, genauer genommen aus Sibiu. Als Rumäniendeutsche spricht sie meine Muttersprache akzentfrei, so dass es keinerlei Kommunikationsprobleme gab. Gemeinsam wandern wir zu meinem Wagen.
"Ich muss morgen ein Hotel für meine Mama finden, die kommt in 2 Tagen und ich hab ihr versprochen, dass ich ihr eine Bleibe organisiere. Bis jetzt war ich recht erfolglos, aber ich hab da was über Hostelworld gefunden das recht viel versprechend klingt. Ich muss da hin und mit den Vermietern sprechen."
"Klar, da komm ich mit. Ich helfe dir beim Suchen. Ich mag es eh mir die Außenbezirke einer Stadt anzuschauen."
Mehr Glück hätte ich gar nicht haben können. Ich hatte jemanden bei mir der die lokale Landessprache beherrscht und mir beim Auffinden der privaten Unterkunft behilflich sein konnte. An dieser Stelle noch einmal Danke Anna! Ohne dich hätte ich das nie gefunden.
Mein fast einheimischer Gast schaute sich die Landkarte im Internet an. Dann gingen wir los. Ungezählte Male fragte Anna nach dem Weg und ungezählte Male schalteten wir den Computer an um noch einmal einen Blick auf die Karte werfen zu können. Unser Weg führte uns in eine heruntergekommene Hochhausanlage. Hier soll das sein? Meine Mutter kriegt die Krise! Genau wie in Rumänien wird eine Adresse hier aus Strasse, Blocknummer, Hausnummer und Apartmentnummer beschrieben. Anna müsste dieses System eigentlich von zuhause her kennen. Aber es scheint selbst für Einheimische so verwirrend zu sein, dass ohne Fragen nichts geht. Selbst die Gefragten wissen häufig nicht weiter. Dann stehen wir vor dem richtigen Haus. Kein Hotel, kein Hostel, nein ein ganz normales Hochhaus im Plattenbaustiel. Stand im Internet nicht etwas von modern und komfortabel? In dieser Gegend kann ich meine Mutter nachts nicht alleine nach Hause schicken. Dunkle und verwinkelte Gassen in einer Gegend welche selbst tagsüber schon bedrohlich wirkt.
Wir geben den Code, welchen wir im Internet nachgelesen haben, auf so etwas wie einer Telefontastatur ein. Es ertönt ein klacken und wir können die Haustüre öffnen. Was hier so modern klingt, ist alles andere als modern. Werfen wir einen Blick ins Treppenhaus:

Im zweiten Stock befinden wir uns eindeutig vor der richtigen Apartmentnummer. Nichts, aber auch wirklich gar nichts deutet darauf hin das wir es hier mit so etwas wie einem Hotel zu tun haben. Wir klingeln. Nichts geschieht. Wir klingeln ein zweites und ein drittes mal an der soliden, mit unzähligen Sicherheitsschlössern versehenen Eingangstüre. Nichts! Wir wollen gerade wieder gehen als zwei Frauen die Treppe hinauf kommen. Anna spricht sie an. Wir haben es mit den Wohnungseigentümern zu tun. Aber ja doch, das Zimmer sei frei und könne gemietet werden. Erst heute Morgen habe die Frau "viele Menschen und einen Hund" im Kaffeesatz gesehen. Erzählt uns die sympathische Vermieterin. Auf ihrem Arm trägt sie einen kleinen Pudel. Sie entriegelt die Türe und wir betreten die zukünftige Bleibe meiner Mutter. Ein großer Raum mit einer Schlafcouch sollte ihr Reich werden. Altertümlich möbliert, aber sauber. Normalerweise wohl das Wohnzimmer der Familie. WC und Dusche in Gemeinschaftsnutzung mit der Familie. Ebenfalls sauber. Über Skype stelle ich Kontakt zu meiner Mutter her. Ich schalte die Webcame ein und führe sie virtuell durch ihr temporäres Zuhause. "Das hier für 15 Euro die Nacht oder ein richtiges Hotel für über 70. Mehr kann ich dir nicht anbieten." Glücklicherweise versteht mich außer Anna hier niemand, so dass ich ganz frei reden kann. Nach einigen Minuten Bedenkzeit entscheidet sich Mutter für die WG.
Am nächsten Tag kann ich ganz ungezwungen durch die Stadt laufen und Anna die wenigen mir bekannten Attraktionen zeigen. Ich bin erleichtert, das wäre erledigt! Auf unsrem Weg kreuzen wir die Behausung eines Obdachlosen. Er ist gerade nicht daheim, so dass ich es wage ein Foto zu schießen.

Unwillkürlich muss ich an den Papst Besuch und die Kosten für die unzähligen Blumen und die vielen Sicherheitsbeamten denken. Ich weiß nicht wie es in der orthodoxen Kirche abläuft, aber die Katholische hätte für den armen Herrn sicherlich eine Hostie übrig und ne halbe Million Euro um ein paar Taubenschutzgitter am Kölner Dom anzubringen.
Schneller als wir gucken können geht der Tag vorüber. Am nächsten Morgen schmeiße ich Anna raus. Es ist das erste Mal das ich einen Couchsurfer rausschmeiße, und es lag nicht an Anna. Bereits in meinem Profil konnte man lesen, dass ich nur bis zum Morgen des 11. Oktobers Zeit hätte Menschen zu beherbergen da am Nachmittag des 11. Oktobers meine Mutter käme. Anna nutz ein letztes Mal meine komfortable Internetverbindung um sich selber eine neue Bleibe zu suchen. Dann starte ich meinen Wagen und fahre zum Flughafen.
Mit nur 10 Minuten Verspätung trifft meine Mutter ein. "Mensch bin ich froh, dass ich durch den Zoll bin." "Warum? Hast doch nix verbotenes dabei." "Doch habe ich," flüstert meine Mutter "Zeig ich dir später."
Ich kann es nicht fassen! Meine Mutter schmuggelt verbotene Dinge durch den Zoll? Drogen? Waffen? Ich bin mehr als neugierig, aber hier ist weiß Gott nicht der richtige Ort um darüber zu sprechen.
In meinem Wagen erfahre ich dann um welche schrecklichen, verbotenen Dinge es sich handelt. Meine Mutter hatte eine Currywurst geschmuggelt!

Beim reinen Anblick des Bildes läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Ne echte deutsche Currywurst! Es gab Zeiten, als ich noch über ein geregeltes Einkommen verfügte, da hab ich mich nahezu ausschließlich von dem Zeug ernährt. Zugegeben, damals wog ich auch knapp 100 Kilo.
Mein Vater hat mich ja in Galati mit seinem Kumpel, dem Betreiber meiner Stammcurrywurstbude besucht. Ich habe ihn ziemlich zur Sau gemacht, dass er mir keine Wurst mitgebracht hat und er hatte mir versprochen, dass ich meine Wurst bekommen sollte. Jetzt war sie da. 5 Würstchen, eine riesige Flasche dieser geilen, schleimigen Soße und Curry sowie Chilipulver in einer mehr als ausreichenden Menge in kleinen Plastikdöschen. Ein absolutes Festessen! Danke an alle Beteiligten.
Was am Transport eine Currywurst jetzt aber illegal sein sollte, das musste ich mir erst erklären lassen. Ich sehe schon die Schlagzeile vor mir: Deutsche Touristin wegen Currywurstschmuggel in Moldawien zum Tode verurteilt.
Irgendwo gäbe es eine Verordnung, erzählt mir meine Mutter, die die Einfuhr von Fleischerzeugnissen nach Moldawien verbiete. Ich für meine Person würde mich freuen mit einer Wurst beim Zoll erwischt zu werden. Weniger weil ich so auf die Prozedur stehe, als mehr weil ich nen lustigen Bericht drüber schreiben könnte. Mal ehrlich, "Currywurstschmuggel", das hab ich ja noch nie gehört!
Auf jeden Fall schloss ich nach über einem Jahr meine Mutter in die Arme. Wir wechselten ein wenig Geld, zum besten Kurs den ich je in Moldawien bekommen habe, und gingen zu meinem Wagen. Am Flughafen Ausgang wurden wir von einem Taxifahrer angesprochen. "Taxi?" fragte dieser. In der Aufregung hat meine Mum das wohl irgendwie falsch verstanden. Sie stöhnte: "schon wieder!" und zeigte dem Mann ihren Reisepass. Sehr lustig wie ich finde.
Am Wagen angekommen packte meine Mutter ihre Koffer aus. "Dann ist das gleich nicht so schwer zu tragen!" Neben einer lecken Currywurst befanden sich 2 Bücher, 3 Paar Schuhe, 2 Glas Rollmöpse und die LED Lampen vom Andre für mich in ihrem Koffer.
Schuhe, bereits Vater hatte mir ein Paar mitgebracht. Meine Alten sind aber auch wirklich alle durchgelaufen.

Ich zeigte die hübschen Stücke meiner Mutter. "Warum um alles in der Welt wirfst du die denn nicht weg?" "Ich wollte die noch Fotografieren!" Jetzt habe ich es endlich getan.
Dann starteten wir den Motor und ließen uns vom GPS Gerät zurück zu Mutters Quartier leiten.
Der Kreisverkehr, der mir schon alleine Schwierigkeiten bereitete war mit Mutter noch schwieriger zu meistern. Brav hielt sie ihren Mund, aber ich konnte sehen wie sie ihre Farbe verlor. Ihre Farbe verlor sie auch beim Anblick ihrer Herberge. Aber als sie sie von innen sah, konnte sie glaube ich einigermaßen damit leben. Wir stellten das Gepäck in Mutters Zimmer, fragten vergeblich nach einem Wohnungsschlüssel (wir sollen einfach klingeln, so die Auskunft der Vermieterin) und dann gingen wir zurück in meinen Wagen. Bei anregenden Gesprächen beschäftigte ich mich mit der Zubereitung von Currywurst. Currywurst, echte deutsche Currywurst! Hat jemand Verständnis für meine Euphorie? Ich muss das Bild noch einmal zeigen.

Currywurst! Meine erste richtige Currywurst seit knapp 5 Jahren. Lecker!
Gegen Mitternacht brachte ich Mutter heim. Ihre Vermieterin war tatsächlich noch wach.
Am nächsten Tag zeigte ich Mutter die Stadt. Von ihrer Unterkunft bis ins Zentrum waren es etwa 40 Minuten Fußweg. Wir spazierten vorbei an den unzähligen Regierungsgebäuden, die Stefan cel Mare hinunter. Dann wollte ich Mutter den Park mit dem hübschen See und der leicht lädierten Brücke zeigen. Aber irgendwie habe ich ihn nicht wieder gefunden. Dafür fanden wir den Botanischen Garten.

Neben dem Eingang so etwas wie ein Kassenhäuschen. Ein Schild verbietet Hunde. "Da können wir nicht einfach so rein laufen!" meint Mutter. "Wir können es ausprobieren!" meine ich. Ich gehe vor. Ein Mitarbeiter der Parkanlage fordert mich auf Scheki an die Leine zu nehmen. Von Eintritt, oder gar "Hunde verboten" sagt er kein Wort. Mutter staunt und folgt mir. Einige Stunden verbringen wir in dem sehr gepflegten Park. Dann verlassen wir ihn über einen schmalen Trampelpfad welcher vor einem Zaun endet. Nur wenige Meter muss man an der Einfriedung vorbeilaufen bis man ein riesiges Loch entdeckt durch welches man problemlos ein und ausgehen kann.
Mutter benötigt eine Toilette, also kehren wir in ein Restaurant ein. Die Portion ist mickrig aber lecker. Allerdings finde ich einen Preis von umgerechnet 25 Euro für 2 Essen für moldawische Verhältnisse mehr als unangemessen.
Mit einigen Schachspielen lassen wir den Tag ausklingen.
Am 14. Oktober 2011 ist Stadtfest in Chisinau. Das erzählt uns zumindest Mutters Vermieterin. Einen Wohnungsschlüssel hat Mutter immer noch nicht, dafür bekam sie eine Moldawische SIM Karte, so dass sie ihre Vermieterin anrufen kann bevor sie kommt. Sie habe immer so ein ungutes Gefühl in der Nacht die Türe zu öffnen wenn sie nicht wüsste wer davor steht; lässt sie uns Wissen.
Ich frage was denn gefeiert wird, woraufhin mir die gute Frau sagt das ich wahrscheinlich mehr über Chisinaus Stadtgeschichte wüsste als sie. Sie irrt sich!
Im Stadtzentrum herrscht Tumult. Unzählige fliegende Händler bieten ihre Waren an. Hauptsächlich wird für das leibliche Wohl gesorgt. Spanferkel drehen sich langsam über glühender Holzkohle. Bauern stellen ihre dicksten Kürbisse und Kartoffeln aus. Es gibt Stände mit selbstgebackenem Kuchen und lokalen Köstlichkeiten.
Aber auch Stände mit Kunsthandwerk, traditioneller Bekleidung, Blumen, Teppichen und billigem Schrott aus Fernost, wie man ihn auch auf deutschen Flohmärkten findet, sind anzutreffen.
Den Grund der Feierlichkeit herauszufinden stellt keine größere Schwierigkeit dar. 575 Jahre Chisinau. Die Stadt feiert Jubiläum. Man kann es überall lesen.
Ein fliegender Schuhhändler hat ein paar Stiefel die mir gefallen. 20 Euro sollen sie kosten. Ich ringe mich zu einer Anprobe durch. Beim zubinden der Schuhe reiße ich eine Öse aus dem (Kunst)Leder. Glücklicherweise macht der Verkäufer keinen Aufstand. Ich muss die Schuhe nicht bezahlen, obwohl ich sie ja kaputt gemacht habe. Bei dieser Schuhanprobe trat der Garantiefall halt noch vor dem Kauf ein.
Ein Gewichtheber scheint es darauf abgesehen zu haben einen neuen Weltrekord im Gewichtheben aufzustellen. Im strömenden Regen stemmt er eine schwere Eisenkugel vor der Kulisse unzähliger Pokale und Medaillen unermüdlich in die Höhe.
Wir beobachten ihn während wir zusammen mit vielen anderen Menschen Wetterschutz unter dem Vordach eines öffentlichen Gebäudes suchen.
Uns ist kalt. Mutter möchte einen Kaffee in einem beheizten Kaffeehaus trinken. Doch es gelingt uns nicht ein solches zu finden in welchem wir mit meinem Hund willkommen gewesen wären.
Notgedrungen entscheiden wir uns für einen Fleischspieß von einem der aufgebauten Stände und tragen so zur Vermüllung des Festgeländes bei.
Tja Chisinau. Du hattest Pech. Dein Jubiläum ist so ziemlich ins Wasser gefallen. Egal, wir waren da. Wir haben es gesehen. Das Stadtfest zum 575 jährigen Geburtstag der Stadt Chisinau.
Noch 5 Tage verweilten meine Mutter und ich in der Hauptstadt Moldawiens bevor wir Mutters Quartier kündigten und ich sie in meinem Fahrzeug beherbergte um ein wenig mobiler im Land sein zu können.
Am sehr frühen Morgen des 16. Oktobers, meinem 31. Geburtstag, war für mich Bescherung angesagt. Ich bekam das was ich mir schon immer gewünscht hatte. Nein, kein Päckchen Gesundheit und ein langes Leben aber einen ganzen Koffer Geld.

Noch bevor ich Chisinau endgültig verlassen sollte hatte ich es ausgegeben und noch einmal 200 Euro drauflegen müssen.
Auch der Zufall hielt für mich ein kleines Geburtstagsgeschenk parat. Zwischen schmuddelig wirkenden Häuserblocks entdeckte ich einen kleinen Umsonstladen welcher allerdings nichts im Angebot hatte das mir gefiel.

Wie man deutlich erkennt war ich nicht der einzige Kunde.
Am frühen Nachmittag des 16. Oktobers, meinem 31. Geburtstag, musste ich mich dann notgedrungen Stundenweise von meinem besten Freund trennen. Scheki musste im Wagen warten während sich meine Mutter und ich aufmachten ein Speiselokal aufzusuchen.
Ich verkneife es mir vom Preis - Leistungsverhältnis zu sprechen. Ich möchte auch nicht davon erzählen wie unwohl ich mich in dem Laden mit den weißen Tischdecken, dem noblen Ambiente und dem sich in einer Nische drehenden Wasserrad gefühlt habe. Was ich aber unbedingt erzählen möchte ist folgendes: Meine Coca Cola (unter normalen Umständen versuche ich die Coca Cola Kompanie so gut es geht zu boykottieren aber ein Bier wollte ich um diese Zeit nicht und Wasser ist zum Waschen da) bekam ich in der vornehmen, kleinen, 0,33 Liter Glasflasche geliefert. Der Kellner bemühte sich sehr etwa die Hälfte des Flascheninhalts so in das Glas zu kippen, dass sich auch eine Colapfütze am Glasboden absetzte und die Flüssigkeit nicht nur die Glasränder benetzte. Ich nippte vorsichtig an dem Getränk da ich den Preis gesehen hatte und es mir einfach nur wehtat. Egal wer es bezahlt. Dann kam das Essen. Ich trank das Schlückchen Cola im Glas aus damit es während des Essens nicht völlig aussprudelt. Dann begann ich die in der Größe auf die Getränkeflasche abgestimmte Portion Nahrung sehr vornehm mit dem Messer in handliche Stückchen zu zerlegen und möglichst ohne etwas auf die Tischdecke zu kleckern mit der Gabel in die Richtung meines Mundes zu führen. Ich hatte gerade den dritten oder vierten Happen hinuntergeschluckt als der Kellner kam und mein Glas wieder auffüllt. Da grabscht der, während ich esse, über meinen Teller hinweg und kippt das Glas wieder voll, und so etwas nennen wohlhabende Menschen mit Kultur dann auch noch schön bzw. vornehm. Jetzt sprudelte meine Cola jedenfalls wieder aus, und ich hätte mir das kleine Fleischstück auf meinem Teller am liebsten zwischen die Finger geklemmt und herzhaft hineingebissen. Wenn sich schon die Mitarbeiter dieses Restaurants nicht benehmen können, warum soll ich es dann?
Am 17. bewegten wir uns nicht Richtung Stadtzentrum. Unweit hinter Mutters Quartier blickte man auf einen großen bewaldeten Berg. Dort gibt es auch eine Quelle welche von einheimischen Menschen häufig mit einer großen Anzahl von Kanistern und Flaschen aufgesucht wird. Moldawisches Wasser kann man nicht trinken, aber dieses ist gut. Mit Mutter zusammen, und später alleine in der Nacht trug ich über 100 Liter zu meinem Wagen um in Zukunft wieder über ein wenig kostenloses Wasser zum Kaffee kochen zu verfügen.
Der Berg ist so etwas wie ein riesiger Park. Am Fuße des Berges, dort wo sich auch die Quelle befindet, gibt es gepflegte Wanderwege sowie einen hübschen See. Weiter bergan verlieren sich die gut ausgebauten Wege und enden in Trampelpfaden und teilweise auch im Nirgendwo. Mutter ist gut zu Fuß und so entdeckten wir das ganze Areal und warfen einen Blick vom Berggipfel auf die Stadt.

Auf dem Rückweg passierten wir ganz nebenbei die Einfallsstrasse nach Chisinau auf welcher sich die zahlreichen Reifenhändler befinden.

Jetzt kannte ich den Fußweg. Sobald ich wieder alleine war würde ich neue Reifen erwerben.
Am 18. bewegten wir uns ein letztes Mal in Richtung Stadtzentrum. Wir sichteten Schattenbalkone

und gelangten später in eine mir bis Dato unbekannte Parkanlage mit verfallenen, griechisch anmutenden Säulen und Kathedralen.

Von einer Anhöhe beobachte ich einen Mann. Er ging mit einer Plastiktüte bewaffnet geradewegs auf ein Welpenrudel zu. Erst dachte ich er wolle die Tiere füttern, aber er verhielt sich irgendwie eigenartig. Er versuchte die Tiere anzulocken, tat das aber auf eine Art und Weise welche schon von weitem so aussah als ob sie zum Scheitern verurteilt sei. Wenn man einen fremden Hund anlocken möchte, dann geht man in die Knie, man macht sich klein, damit das Tier die Angst verliert. Dieser Herr hingegen blieb stehen und versuchte es mit rufen. Es dauerte lange bis sich ein Hundekind in seine Nähe wagte. Kaum war der kleine in Reichweite griff der Mann danach, blickte sich ein wenig ängstlich um, (so hätte zumindest ich diesen Blick interpretiert) stopfte den Kleinen in die Plastiktüte und ging zügigen Schrittes davon. Ich schaute Mutter an, Mutter schaute mich an. "Was wird denn das? Los hinterher!" Doch Mutter stoppte meinen Tatendrang. "Was willst du denn machen? Dich mit dem Prügeln?" "Na erst mal gucken was der mit dem Kleinen so macht und notfalls - ja, notfalls würde ich mich mit dem prügeln." "Mach das wenn ich nicht dabei bin!" Mama sprach ein Machtwort und ich gehorchte. Dabei hatte ich rein zufällig mein Pfefferspray dabei. Es ist eh abgelaufen. Hätte ich den Herrn damit eingepfeffert, hätte ich einen guten Grund gehabt ein neues zu erwerben.
Am Morgen des nächsten Tages verabschiedete sich meine Mutter mit einem Blumenstrauß bei ihrer Vermieterin. Ich half ihr, ihre Sachen zu meinem Wagen zu tragen und dann kauften wir alles ein was wir die nächsten Tage zu verzehren gedachten.
Ich hatte Mutter Bilder der Felskirchen und der Landschaft in Tipova gezeigt und Mutter meinte: "Das würde ich ja auch gerne sehen." Ich erklärte ihr, dass sie dann mindestens eine Nacht in meinem Wagen schlafen müsse, oder dass wir einen Leihwagen mieten müssten da die Strassen dorthin so schlecht seien dass es mit meinem Fahrzeug unmöglich sei in einem Tag hin und zurück zu fahren. Mit einem Leihwagen, also einem Fahrzeug wo mir die Stoßdämpfer nicht selber gehören, könnten wir allerdings problemlos an einem Tag hin und zurückreisen. Mutter entschied sich für mein Wohnmobil und so zogen wir nach einem ausgedehnten Frühstück los.
Ich staunte nicht schlecht, ein großer Teil der noch vor wenigen Wochen nahezu unbefahrbaren Straße war frisch geteert. Dennoch war es stock finster als wir Tipova erreichten. In der Dunkelheit verfehlte ich die Einfahrt zu meinem schönen Stellplatz mit dem Brunnen vor dem Wagen. Also fuhren wir durch den Ort hindurch und parkten direkt am Abgrund zur Nistru. Bis zum Einbruch der Dunkelheit war Mutter eine gute Beifahrerin. Aber jetzt, hier auf der großen Wiese an dessen Ende es recht steil bergab ging schrie sie: "Ich steig aus! Ich kann das nicht sehen!" Nachdem ich mein Fahrzeug ca. 100 Meter hinter dem "Durchfahrt verboten" Schild endgültig geparkt hatte sah sie ein, dass in keinem Moment Grund zur Sorge bestand. Aber ich hätte mir auch nicht vertraut, hatte ich doch wenige Stunden vorher bei einem Tankstopp im Beisein meiner Mutter die massive Metallstange, welche die Zapfsäule vor Kollisionen schützt, ein kleines wenig verbogen. Glücklicherweise hatte der Tankwart beim Betanken meines Fahrzeugs die Zapfpistole losgelassen, diese war aus dem Tank gesprungen und so wurde meine halbe Fahrzeugseite leicht mit Dieselkraftstoff eingeölt. Deswegen verzichtete er wahrscheinlich auf ein größeres Theater und lebte einfach mit seiner verbogenen Zapfsäulenschutzstange.
Wir hatten gerade den Kamin eingeheizt und saßen im nun langsam wärmer werdenden Wagen als wir von draußen ein Stimmengewirr und ein eigenartiges Geklapper vernahmen. Irgendetwas ereignete sich vor meinem Wohnmobil was sich an dieser Stelle um diese Uhrzeit normalerweise nicht ereignen sollte. Ich schlüpfte wieder in meine Schuhe, griff nach der massiven Stabtaschenlampe neben meiner Türe und sprach die Worte: "Mutter, du wartest! Scheki, du kommst mit!" Dann verließ ich mein Fahrzeug.
Was ich draußen sah war allerdings alles andere als besorgniserregend. Eine Gruppe von 7 jungen Leuten trugen schwer bepackte Fahrräder die Uferböschung hinauf. Einen Weg der schon ohne Fahrräder mehr als beschwerlich ist. "Were are you from? Waht are you doing here?" Die Jungs waren aus Moskau und wollten bis Chisianu radeln. Von dort hatten sie in 2 Tagen ein Rückflug in ihre russische Heimat. Irgendwo ein Stück oberhalb des Flusses hatten sie sich hoffnungslos verfahren. Ein freundlicher Fischer hatte sie und ihre Räder für ein paar Leva auf seinen Kutter verladen und ein Stück weit mitgenommen. Dort unten habe er sie einfach rausgeschmissen und gesagt da oben sei die Strasse nach Chisinau.
"You like some bere?" Schon hatte ich eine Flasche meines Lieblingsgetränkes in der Hand. "I think now you look for a place to sleep." "Yes!" "Hier ist absolut ideal für euch. Da unten, keine 5 Minuten von hier gibt es riesige Höhlen. Da könnt ihr euch das Zeltaufbauen sparen. Eure Räder könnt ihr hier an meiner Karre anschließen und alles Gepäck das ihr nicht braucht schmeißen wir einfach in mein Fahrerhaus."
Ich informierte Mutter über das unerwartete Ereignis und begab mich Minuten später mit 3 von den Jungs auf den Weg ihnen die Höhlen zu zeigen. Meine neuen Freunde mochten meinen Vorschlag und luden mich ein noch ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen. Ich lehnte ab und erklärte gerade meine Mutter zu Besuch zu haben. Für sie sei das nichts und wenn ich sie alleine im Wagen lasse fürchte sie sich wahrscheinlich halb zu Tode. Wir gingen wieder zurück. Schnell die Räder verkettet und Gepäck verstaut, noch ein tiefer Schluck aus der Bierflasche meiner Freunde und dann war ich wieder mit Mutter allein. Am nächsten Morgen betrachtete ich unsren Wohnort.

Kurz darauf kamen auch meine Freunde zurück und ich zog mit Mutter los ihr die Höhlen zu zeigen. Ich möchte an dieser Stelle gerne auf ausführliches Fotomaterial verzichten, da ich diese Gegend fotografisch schon in meinem Wohnmobil Reisebericht Tipova vorgestellt habe.
Auch diesmal lud uns der Paffe ein, seine Kirche zu besichtigen und diesmal besichtigte ich auch. Mit einer Art Prittstift bekamen wir ein Kreuz mit einer übel riechenden aber transparenten Flüssigkeit auf unsre Stirn gemalt. Dann wurde ich vom Priester genötigt eine Runde durch seine baufällige Kirche zu drehen und all die Heiligenikonen zu küssen. Steht in der Bibel nicht: "Du sollst keine Götzen anbeten!"?
Wie ich es vermutet hatte kamen wir nicht ohne Spendenaufforderung davon. Im Betteln war der Pfaffe besser als jeder Straßenpunk. Ein enttäuschter Blick als meine Mutter nur eine 10 Leva Note in den Opferstock stecke. Wir wurden in ein Gespräch ohne Worte verwickelt, bekamen das Bild eines eindeutig kranken Kindes gezeigt und mussten uns den Enttäuschten und bittenden Blick des Gottesdieners anschauen. Ich schaute mehr auf den teuer erworbenen Bierbauch. Dann bemerkte der Paffe das wir Deutsche sind. Von all den vielen Worten die er sprach verstand ich nur eines: "Hitler". Bei diesem Wort hob der Orthodoxe Priester anerkennend seinen Daumen in die Luft. "Hitler" vernahm ich ein zweites Mal. Als ich meinen Daumen nach unten richtete und die Worte "Hitler schitt!" sprach war der Gesichtsausdruck des Pfaffen fast noch enttäuschter als der, den er zeigte, als wir nur 10 Leva spendeten.
Fakt ist: In der Felskirche von Tipova predigt ein heiliger Nazi!
Nach diesem Erlebnis machten wir uns auf Richtung Wasserfall. Mit Belüne hatte ich eine Eidechse beobachten können und mit Mutter hatte ich Gelegenheit eine Schlange zu betrachten.

Gefährlich fauchte das Reptil in die Richtung meiner Kammara als ich es fotografierte. Dann gingen wir weiter.

Gegen 4 Uhr erreichten wir wieder meinen Bus und ich kochte leckere Zucchinischnitzel. Nach Einbruch der Dunkelheit verließ ich meinen Wagen um meine Blase zu entleeren. "Komm mal gucken! Dahinten ist ein Waldbrand."

Was dort brannte konnten wir leider nicht in Erfahrung bringen. Aber wir beschlossen dass dieser Brand so weit weg ist und außerdem noch auf der anderen Seite des Flusses, dass er uns nicht gefährlich werden kann.
Am nächsten Morgen machten wir uns auf Richtung Lalova. Mit Belüne war ich nicht dazu gekommen in diese Richtung zu spazieren, aber mit Mutter hatte ich Gelegenheit.
Bis zur Straßenkreuzung nutzen wir einen hübschen Waldweg. Von dort an folgten wir der nahezu verkehrsfreien Haupt - äh, Schotterstraße. Nach knapp 2 Stunden erreichten wir Lalova. Die Ortschaft begrüßte uns mit schwelenden Feuern am Straßenrand. Die Anwohner verbrannten hier das herbstliche Laub. Der Hauptsrasse folgten wir hinab bis an die Nistru. Sollen wir mal versuchen am Fluss entlang zurückzukommen?" fragte ich meine Mutter. "Meinst du denn da gibt es einen Weg?" "Keine Ahnung, mehr als das wir umkehren müssen kann ja nicht passieren und es ist ja noch früh." Über wunderschöne schmale Straßen und Viehpfade folgten wir dem Fluss. Mutter, eine begnadete Steineanguckerin bewunderte die Muscheleinlagerungen in den Felsen und ich die Landschaft. Irgendwann endete auch der letzte Pfad aber das Flussufer war noch gut begehbar. Doch schon bald endete die Begehbarkeit des Ufers. Mittlerweile war es nicht mehr früh. Mutter stand vor einem umgestürzten Baum, schaute ganz entsetzt und sagte: "Ich geh keinen Schritt mehr weiter, ich bin keine 30 mehr." "Warte hier! Ich guck mal ob es da vorne wieder besser wird." Doch es wurde nicht besser. Selbst für mich wurde der Weg bald unbegehbar. "Ja, lass uns zurückgehen, da geht es nicht weiter." Irgendwann beschlossen wir einen steilen Abhang zu erklimmen um die oberhalb gelegene Strasse zu erreichen. Meine arme Mutter! Der Weg war nun wirklich nichts für Sie. Alles in allem waren es höchstens 300 Meter off Road die wir zu bewältigen hatten, aber es waren 300 Meter die gut und gerne 150 Höhenmeter überwanden. Ich gab helfende Hände und zog meine Mutter wie eine Lokomotive hinter mir her. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass sie das Gleiche mit mir tat als ich noch sehr klein war wenn mir während einer Wanderung die Puste ausging oder eine Wegpassage besonders steil bergan ging. So wendet sich das Blatt. Irgendwann erreichten wir dann unbeschadet den Gipfel. Tapfere Mama! Von dort führte ein hübscher Weg, den ich bereits kannte, zurück zum Wagen. Scheki fand ein halb verwestes Ziegenbein welches ich ihm schon mit Belüne wegen all zu großer Stinkerei wieder abgenommen und zurück in die Botanik befördert hatte. Jetzt, über 2 Wochen später schien er sich an die Stelle zu erinnern, denn er ging zielstrebig auf das ekelige Teil zu.
Am nächsten Tag war dann auch schon die Abreise angesagt. Wir fuhren bis Ohrei. Ich kannte mich aus und parkte das Fahrzeug vor einem Parkkaffee mit WiFi Anbindung. Ohne Scheki machten wir uns auf, zum Busbahnhof. Von der Anfahrt wussten wir, dass es dort eine gute Pizzeria gibt. 2 große und leckere Pizzen sowie zwei große Bier für weit unter 10 Euro. Auch in Ohrei soll es Felskirchen geben hatte ich mittlerweile in Erfahrung gebracht. Diese wollten wir uns anschauen. Aber niemand den ich nach dem Weg fragte sprach deutsch oder englisch. Eine junge Frau erklärte uns irgendetwas, doch Felskirchen fanden wir nicht. Dafür einen lustig bemalten und eingezäunten Stein

und einige Höhlen welche ich besichtigte.

Mutter wartete. Da man zum Höhleneingang über eine kleine Schlucht klettern musste. Meine Begeisterung für dieses hübsche Fahrzeug

welches ich in Gedanken schon zu meinem neuen Zuhause umbaute teilte Mutter nicht.
In der Nacht hatten wir einen Logenplatz um ein Feuerwerk zu bewundern welches direkt vor meinem Wagen gezündet wurde. In der Gaststätte vor welcher ich parkte fand eine Hochzeit statt. Bis 5 Uhr in der Früh wurden wir angeblich mit der Musik der Feiernden beschallt. Ich hörte nichts, ich habe geschlafen. Wir umwanderten noch einmal den See welchen ich schon alleine umwandert hatte, und dann startete ich den Motor. Kurze Zeit später quälten wir uns wieder durch das Verkehrschaos Chisinaus Richtung Flughafen.

Eine letzte Nacht verbrachte Mutter in meinem mobilen Zuhause. Dann ging ihr Flieger und ich war wieder alleine.
Einen weiteren Tag verbrachte ich am Flughafen und betrachtete das Umland. Am Straßenrand bieten fliegende Händler nicht nur Plastikwaren an, sondern auch Obst und Gemüse oder auch Getränke bzw. Motoröl.

Dann fuhr ich zurück ins Stadtzentrum. Meinen Wohnort bezog ich unmittelbar vor einem riesigen Markt welchen ich bis Dato noch nicht erkundet hatte. Hier kann man nicht nur Handys, PVC, Baumaterial, Gardinen, Stoffe, Lederwaren und Bekleidung, Lampen und Leuchtmittel, Brautmoden und Lebensmittel kaufen sondern auch Hunde.

Unweit des Marktes parken ungezählte Zil und Taz. Auf ihren Ladeflächen befinden sich Brennholz oder Steine welche man gleich inklusive Anlieferung erwerben kann. Oder die Fahrer bieten einfach nur ihre Dienste an auf dem Markt gekaufte Großwaren zum Bestimmungsort zu fahren. Bilder dieses Ortes habe ich bereits ganz am Anfang meines Moldawien Reiseberichtes gezeigt. An dieser Stelle nur ein Bild wo ich auf eine Probefahrt eingeladen wurde.

Nein, gelogen. Ich durfte nur mal hinter dem Lenkrad sitzen. Die Besitzer der alten, aber topp gepflegten, Fahrzeuge freuen sich wie ein kleines Kind wenn ein Tourist ihre Wagen fotografiert. Sie sind regelrecht beleidigt wenn ich gerade ihr Fahrzeug nicht vor die Linse nehme. Leider spricht nicht ein einziger englisch oder deutsch.
Bereits bei meinem ersten Rundgang über den Markt freunde ich mich mit dem Händler eines Standes für Sanitärzubehör an. Er verkauft Waschbecken, Toiletten, Wasserhähne und ähnlichen Krempel. Außerdem ist er Alkoholiker wie mir der Typ vom Nachbarstand, der Lampen und Leuchtmittel verkauft, durch Gestiken zu verstehen gibt. Einige Stunden verbrachte ich bei dem englischsprachigen Alkoholiker. Als ich ging hatte ich mich nicht nur mit allerhand Köstlichkeiten voll gefuttert sondern ich war auch restlos besoffen. Die nächsten Tage machte ich einen weiten Bogen um den Verkaufsstand meines Freundes.
Am 1. November kaufte ich hier nach langer Suche und zähen Verhandlungen eine neue Kettensäge zum Preis von umgerechnet 50 Euro.

Neue Reifen! Ich brauche neue Vorderreifen! Schon seit der Abreise meiner Mutter trage ich einen kleinen Zettel mit mir herum auf welchem ich die Reifengröße notiert habe: 9,5 R 17,5. Ungezählten Händlern zeigte ich diesen Zettel, dazu ein passendes Foto meiner Reifen damit sie mich unter keinerlei Umständen falsch verstehen können. Die Antwort welche ich auf meine Frage erhielt war immer ein Kopfschütteln. Nur der freundliche und obendrein auch noch englischsprachige Herr einer großen Mercedes Benz, LKW Reparaturwerkstatt meinte er könne die passenden Pneus bestellen. Mit 2 Wochen Lieferzeit müsse ich aber rechnen. Ich lehnte dieses Angebot jedoch ab. Schließlich hatte ich an der großen Hauptstrasse, welche in den Ort hineinführt, eine Iveco Vertretung gesehen. Im Grunde würde ich zwar lieber bei einem der kleinen fliegenden Händlern kaufen, aber wenn es sein muss, dann würde ich auch Kunde von Iveco werden. Genau aus diesem Grund startete ich den Motor und fuhr die wenigen Kilometer zu der Strasse an welcher sich all die vielen Reifenhändler befanden. Dort gab es nicht nur Reifenhändler in der Art wie ich schon Bilder von ihnen gezeigt habe, sondern auch einen großen KFZ Teile Markt.

Zwei ganze Tage lief ich erfolglos von Händler zu Händler und fragte nach Reifen in meiner Größe. Doch niemand konnte mir helfen. Auch nicht die Mitarbeiter der sehr westlich anmutenden Iveco Vertretung. Unglaublich! "Whels for Iveco truck!" sagte ich ein kleines wenig entrüstet. Aber als Antwort erhielt ich nur ein Kopfschütteln. Ein weitaus freundlicherer privater Händler konnte mit der Reifengröße nichts anfangen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe fehlte ihm eine weitere Angabe um meine Reifengröße erkennen zu können. Nachdem ich ihm ein Bild meines Parkplatzes gezeigt hatte, folgte er mir bis zum Wagen und überzeugte sich selbst davon, dass die Größe meiner Reifen nur durch zwei Angaben definiert wird. Außer Reifenhändler in meiner Nähe gab es natürlich diese sehr praktische kostenlose Internetverbindung. So hatte ich die Möglichkeit einen weiteren Couchsurfer zu beherbergen bevor ich Chisinau endgültig verlassen sollte. Genau wie mit allen Anderen traf ich mich mit ihm an der Kirche und informierte ihn per Mail, dass es von dort ca. 60 Minuten zu meinem Wagen sind. Wir fanden uns problemlos. Am nächsten Tag zogen wir durch die Stadt. Die Suche nach Reifen hatte ich eigentlich aufgegeben. Wir nutzen eine Strasse welche ich bis dahin noch nicht entdeckt hatte. Dort gab es einen kleinen Reifenhändler. "Wait, I have to aske for wehls!" Meine Reifengröße hatte ich auf einen kleinen Zettel niedergeschrieben. Er trug eine Werbebeschriftung der Dresdner Bank. "Njematsk?" Wurde ich gefragt. Ich bejahte. Kurz darauf stand ein Deutschsprachiger Verkäufer vor mir. Ja, genau 2 Reifen hätten sie in meiner Größe auf Lager. Inklusive Monatage betrug der Preis pro Rad umgerechnet 190 Euro. Ich schluckte heftig, erinnerte mich aber daran, dass die Reifen die ich vor Jahren in Deutschland erwarb noch teurer wahren. Gegen Mittag des nächsten Tages ließ ich meinen Couchsurfer vor dem Reifenhändler "frei" betrat das Geschäft und blätterte den größten Betrag auf die Theke welchen ich während meiner Reise je zusammenhängend ausgegeben hatte. Kurz darauf lagen zwei nagelneue Bridgestone Reifen unter meinem Wohnzimmertisch und ich bekam eine ausführliche Wegbeschreibung zur wenigen Kilometer weit entfernten Werkstatt aufgemalt wo ich die Reifen montiert bekommen sollte. Problemlos fand ich die Werkstatt. Es war die Werkstatt für LKW. PKW Reifen konnte der Händler direkt vor Ort montieren. Nur LKW Fahrer mussten den kleinen Umweg zur Werkstatt in kauf nehmen. Diese Werksatt lag am Ende einer Sackgasse. Zu beginn dieser Sackgasse stand ein Schild: "Durchfahrt für LKW verboten" Ist das nicht lustig? Eine LKW Werkstatt in einer für LKW gesperrten Strasse. Ich hielt vor der Werkstatt, zeigte meine Quittung und der Werkstatinhaber schüttelte mit dem Kopf. Er deutete weiter geradeaus, ich hatte vor der falschen Reifenwerkstatt gehalten. 5 Minuten später stand ich vor der Richtigen. Alles war kein Problem. Ich konnte mich zwar mit niemandem unterhalten, aber die Mitarbeiter waren telefonisch über mein Kommen informiert und wussten Bescheid. Einmal um die Werkstatt rumfahren und auf dem Hof dahinter parken wurde mir suggeriert. Minuten später stand mein Fahrzeug auf einem hydraulischen Wagenheber, ein Druckluftschrauber wurde an meine Radmuttern angesetzt und die Reifen wurden nebst Felge demontiert.

30 Minuten später waren zwei brandneue Pneus auf meiner Vorderachse montiert. Mir wurde ein Telefon gereicht und der deutschsprachige Verkäufer informierte mich darüber dass ich nach 50 Kilometern die Radmuttern nachziehen müsse. Danke, aber das hätte ich auch selbst gewusst.
Es war teuer, aber Reifen gehören, genau wie die Bremsen oder die Lenkung, zu den lebenswichtigen Dingen am Fahrzeug da möchte ich wirklich keine Kompromisse machen und meine alten Pneus hatte ich wirklich bis zum Letzten heruntergefahren.

Ich bedankte mich, startete den Motor und verließ noch am gleichen Tag Chisinau.

Weiter geht es in Transnistrien.

Derzeit im Chat :



Bild: Danke








Du hast meinen Reisebericht
"Chisinau Moldawien - Wohnmobil Reisebericht"
bis an dessen Ende gelesen.
Pleace be social - share waht you like!
Mit einem klick auf diesen Link teilst du meinen Reisebericht "Chisinau Moldawien - Wohnmobil Reisebericht" auf deiner Facebook Pinnwand und empfiehlst ihn so deinen Freunden.
Thank´s for your fairness :-)

© myhomeismycar Wohnmobil Reiseberichte
Empfehle mich
Bitte!

myhomeismycar.com - nonstop unterwegs seit: 10 Jahren, 6 Monaten und 4 Tagen