Wohnmobil Reisebericht Moldawien

Moldawien oder auch Moldau bzw. Moldova; 33.843 Quadratkilometer, 3.560.000 Einwohner, Grenzen zu den Ländern Rumänien im Westen und im Süden; und zur Ukraine im Norden und im Osten. Seit 1991 unabhängige Republik. Zwischen 1918 und 1940 war Moldawien ein Teil Rumäniens. Die Landessprache ist rumänisch und auch die Währung heißt Lei. Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen rumänischen Lei und moldawischen Lei. Während der Wechselkurs in Rumänien ca. 1:4 beträgt, beträgt er in Moldawien etwa 1:16.
Bis zu drei Monaten ist es EU Bürgern gestattet mit ihrem Reisepass im Land zu verweilen. Das Visum gibt es in Form eines Stempels in den Pass direkt an der Grenze. Ausländer sind verpflichtet sich innerhalb von 3 Tagen nach der Einreise bei der für ihren Aufenthaltsort zuständigen Polizeidienststelle (Sectia de pasapoarte) anzumelden. Die Promillegrenze liegt bei 0,0 Promille, und die zulässige Höchstgeschwindigkeit für meinen Truck beträgt im Ort 60 und außerorts 90 km/h.
Interessiert das irgendwen? Wenn ja bei Wikipedia und dem ADAC gibt es weit mehr von der bürokratischen Kacke.
Ich schreib das eigentlich nur weil mir mein Vater entsprechende Reiseinformationen da gelassen hat und mich diese Polizei-Anmelden-Geschichte doch stark an Kroatien erinnert. Besser wäre ja gewesen ich hätte es erst gar nicht gewusst.
Die für meinen Aufenthaltsort zuständige Polizeidienststelle …, na mein Aufenthaltsort ändert sich doch laufend. Kann mir mal jemand sagen wie ich das machen soll? Ich bin schon jetzt gespannt ob ich Ärger bekomme. Aber noch gespannter bin ich ob die mich überhaupt rein lassen. Ich stehe nämlich zwischen den Grenzen.
Der moldawische Grenzposten wirkte verlassen. Ich reihte mich hinter einem anderen LKW ein und wartete. Nichts geschah. Ich stieg aus und schaute mich um. Leere, weit und breit keine Menschenseele. Ich setzte mich wieder auf den Fahrersitz und wartete. Nach ca. 20 Minuten kam ein Zöllner. Im Schlepptau hatte er den Fahrer des Trucks vor mir. Zielstrebig ging er zur Vorderachse des Trucks und schaute irgendetwas an den Reifen. Oh Fuck! Die kontrollieren die Profiltiefe. Meine Reifen sind runter, ich weiß es ja selbst. Moldawien bzw. die Ukraine sind die Länder in denen ich neue erwerben möchte. Bitte, bitte lieber Zöllner, hab ein Einsehen. Der Truck vor mir startete und der Zöllner kommt zu mir. Ich überreiche die Papiere. Auch bei mir ging der Beamte als erstes an die Vorderachse. Zu meiner Erleichterung kontrollierte er nicht die Profiltiefe sondern verglich die Fahrgestellnummer. „It´s not stolen!“ Versuchte ich ihn abzulenken. Doch das erkannte der Zöllner anscheinend selber. „Bagage?“ wurde ich gefragt. „Caravan! You like to take a look inside?“ fragte ich. Der Zöllner nickte und ich entriegelte die Türe. Genau wie beim rumänischen Zollposten warf auch dieser Beamte nur einen flüchtigen Blick ins Fahrzeuginnere. Dann lief er mit meinen Papieren davon und deutete mir an ihm zu folgen. Mit Fahrzeug; so gab er mir zu verstehen. Unglaublich, rund eine halbe Stunde zuvor lotste mich ein anderer Zöllner in diese Reihe, jetzt wurde mir erklärt dahin fahren zu müssen wo sie mich eben nicht hin gelassen hatten. Ich startete den Wagen und reihte mich in die PKW Schlange ein. Schnell erblickten wir unsren Zöllner mit den Papieren. Er gab uns zu verstehen wir sollen uns gedulden. Zeit für einen netten Plausch mit einem schwer bepackten Schweizer Radfahrer der bis an die Krim radeln wollte. Dann vernahm ich meinen Vornahmen aus einem Grenzhäuschen. Ich trat ein. „Marka?“ wurde ich gefragt. „Iveco!“ „Next Window, Custom Control!“ wurde ich aufgefordert und erhielt meine Papiere zurück. Am nächsten Fenster bekam ich einen Wisch ausgehändigt mit dem ich zur „Banka“ gehen sollte. Die Bank befand sich in einem Nebengebäude. „The Custom Officer send us to here!“ Ich übereichte das Wischblatt. “5 Euro!” entgegnete die Bankangestellte.
Dass Moldawien glaubt es sei ein Vergnügungspark und 5 Euro Eintrittsgeld erhebt, stand nicht in den Reiseunterlagen die mir mein Vater dagelassen hatte. Ich zahlte mit einem 50 Euro Schein und erhielt 45 Euro zurück. Auch Sarah wollte bezahlen doch die Bankmitarbeiterin wiegelte mit den Worten „don“ ab. Eintritt wird nicht für Menschen, sondern nur für Fahrzeuge erhoben. Mit der Quittung in meinen Händen ging ich zurück zum „Custom Control Fenster“. Wir erhielten je einen Stempel in unsren Pass, dann waren die Grenzformalitäten erledigt. Nach abermals rund 10 Minuten setzte sich das Fahrzeug vor uns in Bewegung und auch für uns öffnete sich die Schranke. Moldawien lag vor uns.

Ich kramte die Papiere zusammen damit der Wind sie nicht hinfort weht. „You know what is funny?“ fragte ich Sarah. Sie schüttelte den Kopf. „Die grüne Versicherungskarte, auf die ich extra gewartet hatte lag die ganze Zeit auf dem Armaturenbrett. Ich hab vergessen sie vorzuzeigen und niemand wollte sie sehen.“
Direkt hinter der Grenze liegt die Ortschaft Giurgiulesti. Keiner von uns hatte auch nur einen Banni Landeswährung, obendrein war der Tank trocken wie ein 3 Wochen altes Weißbrot. Wir stoppten an einer Wechselstube. Samstags und Sonntags geschlossen entnahmen wir dem Schild mit den Öffnungszeiten. Es war ein Sonntag, also fuhren wir weiter um einen Parkplatz zu suchen. Bereits nach 2 Minuten Fahrt passierten wir das Ortsausgangsschild. Ein Wegweiser teilt uns mit, dass es 12 Kilometer bis zum nächsten Ort sind. Die schaffen wir noch, direkt hinter der Grenze wechseln ist eh meist ein schlechtes Geschäft.
Die Strasse ist schlecht. Schlagloch reiht sich an Schlagloch. Fahrbahnmarkierung ist ein Fremdwort und der uns entgegenkommende Verkehr wirkt so als ob er auf diese Fahrbahnverhältnisse eingestellt wäre. Alte russische Armeelaster und Kleintransporter, Jeeps und Motorräder mit Beiwagen von Herstellern deren Namen ich weder lesen noch aussprechen kann. Das Einzige Fahrzeug das ich eindeutig einem Hersteller zuordnen kann ist, Jaqueline sei Dank, der Zill.
Auch wenn die Prut, der Grenzfluss zwischen Rumänien und Moldawien, dem wir folgen eine herrliche Landschaft bildet die unzählige schöne Wohnorte verspricht

wird mein erster Eindruck von Moldawien durch seine kultverdächtigen Fahrzeuge geprägt die man hier überall im täglichen Einsatz sieht.
Noch bevor uns der Sprit ausgeht erreichen wir den nächsten Ort. Wir parken in einer Seitenstrasse und machen uns auf, die Ortschaft zu entdecken. Geld wechseln, einkaufen, Diesel und Wasser tanken sind die Dinge die auf unserer „to do Liste“ stehen. Sprich: Wir suchen zunächst einmal eine Bank. Wir sind noch keine 10 Minuten unterwegs als ich von einem Mann angesprochen werde. „Sorry, nixe komprende! Tourist, Holiday, Njematsch, German, deutsch.“ Ich zeige auf mich. Der Herr ist sichtlich beeindruckt dass sich ein Tourist in seine Ortschaft verirrt und ohne widersprechen zu können erhalten wir einen Becher Bier eingeschenkt.

Leider finden wir keine gemeinsame Sprache so dass Bildchenmalen ausreichen muss. Unser Gastgeber ist sichtlich angetrunken. Nein, angetrunken ist das falsche Wort. Er ist sturzbesoffen! Beim Nachschenken verfehlt er mehrfach die Becher und beim Aufstehen stolpert er über seine eigenen Füße und fällt über Sarah hinweg die Treppe hinab. Dann fängt er sich und schwankt in den Laden um eine neue Flasche Bier zu erwerben. Nachdem er auch diese mit uns und seinem Freund geteilt hat, steigt er in seinen uralten Opel Kadett und fährt davon. Eigenartig, dass dieses Fahrzeug nur Rost aber keine Karoserieschäden aufweist. Er scheint im Suff besser Autofahren als laufen zu können.
Wir gehen weiter. Eine Bank finden wir nicht. Dafür eine geschlossene Post und eine geöffnete Tankstelle. Wir fragen nach ob die Tankstelle Kreditkarten akzeptiert. Nein, Plastikgeld ist nicht willkommen. „Wenn ich kein Geld und somit keinen Diesel aufgetrieben bekomme, laufe ich zurück nach Giurgiulesti. Noch einmal starte ich nicht den Motor ohne Kraftstoff in Aussicht zu haben.“ Wir machen uns auf den Rückweg. Einige Passanten sprechen wir an. „Banka?“ Die Menschen schütteln den Kopf oder antworten: „Giurgiulesti“. Dieser Ort hier, dessen Namen ich mir leider nicht merken konnte, scheint tatsächlich nicht über ein Kreditinstitut zu verfügen. Dabei wirk er gar nicht mal so klein.
Wir gehen an der Seitenstrasse vorbei in der wir geparkt haben und erkunden den Ort in die andere Richtung. Am Straßenrand entdecke ich eine Wasserpumpe. Ich betätige den Hebel. Er klemmt. Eine Gruppe junger Menschen ruft irgendetwas von der anderen Straßenseite das ich als „kräftig!“ interpretiere. Ich klettre auf die Pumpe und trete auf den Hebel. Nichts geschieht. Die jungen Leute lachen. Schnell bemerken sie, dass wir sie nicht verstehen und wir wechseln in die englische Sprache. Wir wechseln ist gut. Von der ganzen Gruppe, die immerhin aus 6 Leuten besteht, kann nur eine junge Frau englisch und sie ist hier nur zu Besuch und studiert eigentlich in Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Egal, wir haben einen Dolmetscher. Wir erzählen, heute über die Grenze gefahren zu sein, und keinen Cent Landeswährung zu besitzen und fragen nach so etwas wie einer Bank oder einer Wechselstube. Die junge Frau übersetzt. Alle schütteln die Köpfe. Hier im Ort nicht. Die nächste Möglichkeit zum Wechseln sei Giurgiulesti. Aber einen mittellosen und durstigen Touristen könne man in seinem Land nicht dulden bekamen wir erklärt und schwups hatten wir eine Flasche Mineralwasser in den Händen.
Die Gruppe war sehr interessiert daran zu erfahren was wir denn hier so tun, und unsre Dolmetscherin kam mit dem Übersetzen kaum noch hinterher. Schnell wurde aus unsrem Wasser ein Bier und dann noch ein Zweites. Die jungen Leute wollten uns privat wechseln. Der Kleinste Geldschein den ich anzubieten hatte war eine 5 Euro Note. Leider brachten die Jungs und Mädels gemeinschaftlich nur knappe 4 Euro zusammen. Ich wollte ihnen den fehlenden Euro schenken, schließlich hatten sie uns ja auch auf ein Bier eingeladen. Aber das ließen sie nicht zu.
Gegen 11 Uhr in der Nacht erreichten wir immer noch ohne Landeswährung meinen Bus.
Am nächsten Morgen führte uns unser erster Weg zur Post. Ich zeigte eine 20 Euro Note und fragte: „Can you change?“ Die Mitarbeiterin schüttelte den Kopf. Dann sprach ihre Kollegin einige uns unverständliche Worte und kurz darauf bekamen wir die Zahl „310“ auf einem Taschenrechner gezeigt. Ich nickte und die Postangestellten wechselten privat. Anfänglich glaubte ich noch ein schlechtes Geschäft gemacht zu haben. Schließlich will ja jeder verdienen. Aber nein, als ich eine offizielle Wechselstube erreichte war der Kurs mit 15,83 angegeben. 310 Lei war also nahezu der offizielle Kurs.
Als erstes kauften wir ein Brot, ein Stück tiefgefrorene Butter im Plastikbeutel und ein bisschen Weißkäse. Ich staunte nicht schlecht als der Betreiber des winzigen Tante Emma Ladens 21 Lei, also etwa 1,4 Euro haben wollte. Sind wir hier im Preisparadies gelandet?
Nach dem Frühstück fuhren wir zur Tankstelle. Für 200 Lei tankte ich etwas über 12 Liter Diesel. Also kostet der Liter etwa einen Euro. Wasser gab es gratis dazu. 12 Liter Diesel reichen locker um die 40 Kilometer entfernte Stadt Cahul zu erreichen. Sie schaut auf meiner Landkarte recht groß aus. Dort werden wir wohl eine richtige Wechselstube und einen Supermarkt finden bei welchem ich meine leer gefutterten Vorratsschränke auffüllen kann.
Etwas über eine Stunde benötigen wir für die 40 Kilometer nach Cahul. Selbst auf den Straßenabschnitten die optisch so wirken als sei ihre Beschaffenheit zum schnell fahren geeignet ist es nicht ratsam auf´s Gaspedal zu treten, weil immer und jederzeit völlig unverhofft ein riesiges Schlagloch oder ein fehlender Kanaldeckel auftauchen kann. Kann man dann nicht schnell genug abbremsen und auch nicht ausweichen ist der Achsbruch vorprogrammiert. Wir verlassen die Prut und folgen dem Hinweisschild „Centru“. Unmittelbar hinter dem Busbahnhof sichten wir den Wegweiser zu einem Supermarkt. Wir folgen ihm und parken vor dem Markt.
Als erstes war Einkaufen angesagt. Aufgrund meines Wissens, dass in Moldawien alles billiger wird, hatte ich nicht nur meinen Tank leer gefahren, sondern auch meine Vorräte verspeist. Allerdings war Supermarkt das falsche Wort für den Laden vor dem wir parkten. Übergroßer Kiosk würde die Sache eher präzisieren. Aber egal, hier gibt es nichts anderes. Ich werfe einen Blick auf die Preise. Wahnsinn! Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Dinge:
Kartoffeln 40 Cent/Kilo, Zwiebeln 44 Cent/Kilo, Ein Brot: 31 Cent, Fassbier in der Kneipe: 0,5 Liter 60 Cent, Diesel 90 Cent/Liter, 1 Liter Limo am Kiosk: 30 Cent. Was glaubt ihr was dieser riesige und obendrein auch noch sehr leckere Kuchen kostet?

Falsch! 1 Euro und 40 Cent. Für alle Raucher kommt hier der Hammer. Zigaretten: 24 Cent/Päckchen. Dennoch halte ich mich beim Einkauf zurück. Erstens weil ich kaum noch Geld habe und erst die Wechselkurse vergleichen möchte und zweitens weil das mein erster Supermarktbesuch im Land ist und ich mich auch da vor einem Großeinkauf ein wenig umschauen mag. Geiz ist geil, und vielleicht geht es noch billiger. Ich benötige eine neue Kettensäge und schaue mich um. Brandneu: 55 Euro!
Wir kochen Bratkartoffeln mit Rührei und Zwiebeln. Dann geht es auf, in die Stadt. Schnell finden wir das Zentrum. Sarah betritt eine Apotheke. Sie benötigt ein Antiallergikum. Nach 5 Minuten kommt sie freudestrahlend aus dem Arzneimittelgeschäft. 9 Euro, in Neuseland brauche sie ein Rezept und zahle dann noch einmal 70 Euro für die Medizin. Ich muss an meine Erfahrungen aus Bulgarien denken.
Wir schauen uns um und nehmen in einer kleinen Kneipe Platz. Sarah lädt mich auf ein Bier ein. Scheki lässt sich am Nachbartisch von einer sichtlich angetrunkenen Frau füttern. Ich schaue in die Richtung und schon setzt sich die Dame zu uns. Wie wild redet sie auf uns ein. Vom Nachbartisch ruft eine englische Stimme: „She is sick and also drunk.“ Thanks a lot Mister, da wären wir nie drauf gekommen. Erklär uns lieber wie wir die wieder loswerden. Doch da konnte uns der freundliche Herr auch nicht helfen. Die Frau ist schrecklich. Ständig werden wir angefasst. Kommunikation scheint bei ihr mit Körperkontakt verbunden zu sein. Sie erblickt Sarahs Tattoos, rotzt sich auf die Hände und beginnt den vermeintlichen Dreck abzurubbeln. Wir trinken schneller. Dann schüttelt die Frau den Kopf, steht auf, greift an ihre Bluse und zieht selbige nebst BH nach oben. „Na!“ Sie deutet auf ihren nackten, verschrumpelten Hängebusen und dann auf Sarahs Tattoos. Wir trinken leer und gehen. Den restlichen Abend verbringen wir an einer Freilichtbühne auf welcher eine moldawische Coverband spielt.
Hundefutter, ich brauche neues Hundefutter. Gestern gab es schon Spagetti mit Büchsenfleisch für meinen Hund. Er fand das prima, aber so viele Büchsen habe ich nicht. Lebensmittelgeschäfte führen nur Pedigree Pal. 3 Kilo, 5 Euro. Das kaufe ich nicht. Gestern hatte ich eine „Veterinary Farmacia“ entdeckt. Leider hatte sie schon geschlossen. Heute möchte ich schauen ob es dort Hundefutter gibt. Leider hat der Laden immer noch zu. Wir suchen weiter. Irgendwann gelingt es mir einen 10 Kilo Sack für umgerechnet 10 Euro zu erweben. Scheiße, und das im Preisparadies Moldawien. In Rumänien hätte ich das preisgünstiger haben können. Aber na ja.
Ich sehe ein Polizeifahrzeug und muss lachen.

Bei den Polizeiautos werde ich Bankräuber. Wenn ich von so einer Karre verfolgt werde hat mein Wohnbus eine reelle Chance das Rennen zu gewinnen.
Wir haben alles was wir benötigen. Morgen soll es weiter gehen. Rund 10 Kilometer von hier gibt es einen See. Er sieht auf der Landkarte recht hübsch aus. Da wollen wir hin. Ich muss waschen, und noch einmal schwimmen gehen bevor der Sommer vorbei ist, ist vielleicht auch keine schlechte Idee. Noch einmal rasch ins Internet die neuesten Infos in den VIP Bereich laden und morgen früh dann tanken und weiterziehen. So weit der Plan. Doch als wir online gehen, ein jeder mit seinem eigenen Computer, bemerkt Sarah, dass ein Festival in Istanbul, das sie gerne besuchen möchte, nicht erst nächstes sondern bereits dieses Wochenende stattfindet. Also trennen sich unsere Wege wieder. Morgen Abend, um 22 Uhr 15 fährt ein Bus nach Bukarest erfährt Sarah am Busbahnhof. Ein Ticket kostet 225 Lei. Also blieb ich Cahul einen weiteren Tag lang treu. Hier ein Blick auf die Universität.

Um kurz vor 10 fanden wir uns am Busbahnhof ein. Sarah hatte ihre Finanzen genau verplant. 3 Päckchen Instandnudeln a 2,25 Lei und zwei Bier in der Kneipe a 9 Lei. Das reichte nicht ganz, also steuerte ich zum letzten Bier 4 Lei dazu. Jetzt hatte Sarah exakt 225 Lei übrig. Genau so viel wie das Ticket kosten sollte welches man angeblich im Bus erwerben kann. Es wurde 10, es wurde viertel nach 10, es wurde 20 nach 10. Kein Bus kam. Dann wurden wir von dem Fahrer eines Ford Transit angesprochen. „Bukaresti?“ fragte er. „Jes, here!“ Nachdem Sarah 5 Mal nach dem Preis gefragt hat rückte der Fahrer mit der Sprache heraus. 300 Lei solle das Ticket kosten. So viel haben wir nicht, erklärten wir und schon hatten wir den Mann auf 250 Lei herunter gehandelt. Aber auch 250 Lei hatte Sarah nicht mehr, sie hatte nur 225. Glücklicherweise fanden wir Dolmetscher. Das ist ein Taxibus erfuhren wir. Die sind teurer. Der Große hat eine halbe Stunde Verspätung und ein Ticket kostet 225 Lei. Sarah wartete

und ich leistete ihr Gesellschaft. Dann kam der Bus. Ein kurzes Lebwohl und ich war wieder alleine.
Ich ging nach Hause und spielte gut und gerne 2 Stunden mit meiner selbst gebastelten W-Lan Richtantenne herum. Dann hatte ich Internet im Wagen. Bis zum Morgengrauen saß ich vor dem PC. Dann fielen mir die Augen zu. Gegen 1 Uhr erwachte ich. Nix wie los, mal sehen ob sich der See auch zu Fuß erreichen lässt. Ich war noch nicht sehr weit gekommen als ich klägliches Hundewinseln vernahm. Ich schaute mich um, konnte aber nichts entdecken. Bestimmt 20 Minuten suchte ich nach der Geräuschquelle. Da schreit ein Hund um Hilfe, so gut verstehe ich diese animalische Fremdsprache. Dann fand ich den Pechvogel. Das Dummerchen war in einen Kanalisationsschacht gefallen und kam nicht wieder heraus.

Am Nackenfell hob ich ihn heraus, und zum Dank hüpfte mich der Knabe mit seinen dreckigen Tatzen an, mit welchen er noch vor Sekunden in der Scheiße stand. Ich stank wie eine Klärgrube und ging nach Hause mich umziehen. Dann startete ich einen neuen Versuch. Gegen halb 5 erreichte ich den Ortsausgang.

Wer glaubt ich hätte auf dem Weg ein richtiges Geschäft gefunden, so etwas wie Aldi, Lidl, Penny oder Kaufland, der irrt sich. Hier gibt es ausschließlich Tante Emma Läden in welchen man der Verkäuferin erklären muss was man gerne hätte. Ohne Sprachkenntnisse ein schwieriges Unterfangen. Dafür gelang es mir einen Fliegenporno abzulichten.

Am nächsten Tag startete ich den Motor. Ich tankte für sage und schreibe 783,50 Euro … äh Lei natürlich 50 Liter Diesel. Dann trug ich meine Gasflasche zur Autogaszapfsäule. Ich war nicht der Einzige der hier seine Gasflasche befüllen lassen wollte. Es herrschte Hochbetrieb. Die meisten Menschen brachten ihre Flaschen mit einem Kraftfahrzeug, aber einige trugen sie auch zu Fuß hier her oder hatten sie abenteuerlich auf dem Gepäckträger ihres Fahrrades befestigt.

Glücklicherweise passte der moldawische Fülladapter auf meine deutsche Flasche. Für wie viel Lei ich Gas haben wollte fragte mich der Tankwart. Um ehrlich zu sein wollte ich eine volle Flasche, wie viel das kostet wusste ich nicht. Aber der Tankwart bestand beharrlich darauf, dass ich ihm einen Preis nenne. Da der Typ vor mir eine Flasche hatte die rein optisch doppelt so groß war wie meine und er für 250 Lei Gas gekauft hatte, sagte ich „Osuta“, also 100. Besser nicht ganz voll, als zu voll. Ich glaube das war eine gute Entscheidung. Die Flasche hebt sich voll und wenn ich das Ventil öffne kommt nix flüssiges heraus.
Mit 478730 Kilometern auf der Uhr fuhr ich neuen Zielen entgegen.
Dunkle Gewitterwolken brauten sich über mir zusammen und schon bald musste ich die Scheibenwischer einschalten. Dann erblickte ich linker Hand den See. Kurz darauf eine Parkbucht. Eine Piknickstelle war angelegt, aus einer Felswand ragte ein Rohr hervor aus welchem pausenlos Wasser floss. Ein Jesus war ans Kreuz genagelt und neben ihm wachten zwei Gestalten die ich glatt als Maria und Josef interpretiert hätte. Ob die Erbauer dieser Kultstätte jemals die Bibel gelesen haben? Oder habe ich verpasst welches Männlein-Weiblein Gespann neben dem gekreuzigten Gottessohn Wache gehalten hat?
Wie dem auch sei, ich beschloss, dass dieser Ort meine Heimat für die nächsten Tage sein würde. Augenblicklich holte ich einen Eimer Wasser und begann zu waschen. Schon bald hing auf jeder mir verfügbaren Wäscheleine ein Socken, eine Unterhose oder ein T-Shirt.
Gegen Mittag des 10 Septembers hatten sich die Gewitterwolken verzogen und ich machte mich auf, den See zu umwandern. Ich folgte einem kleinen Feldweg auf der anderen Seite der Hauptstrasse. Er führte mich an einem stillgelegten Umspannwerk vorbei. Kurz danach erreichte ich die Prut. Ich folgte ihrem Ufer Südwerts. Kleine Trampelpfade führen durch einen schmalen Auwaldgürtel direkt am Ufer vorbei. Dahinter ausgetrocknete Bachläufe und Seen. Im Abstand von ca. einem Kilometer sehe ich dreieckige Hinweisschilder „Stai Frontiera de Stat“, Staatsgrenze wie ich vermute. Später wird mir diese Vermutung von Einheimischen bestätigt. Die Prut ist rund 30 Meter breit, die Strömung ist mäßig. Ich folge dem Grenzfluss einige Stunden. Die Gegend ist wie ausgestorben. Nicht einen einzigen Menschen sehe ich hier. Wer hier spazieren geht, der denkt zwangsläufig daran zu schmuggeln. Der Wagen meines Vaters wird geröntgt, und hier kann man in wenigen Minuten ungesehen die Landesgrenze passieren. Wie viele Päckchen Zigaretten passen in meinen Wanderrucksack? 500? 500 X 24 Cent = 120 Euro; Verkaufspreis in Rumänien: Ganz locker 500 Euro! Eine Gewinnspanne von über 400%.
Ich kann nicht anders, der Gedanke geht mir nicht aus dem Kopf. Einen sichern Parkplatz für den Wagen suchen, einkaufen, wasserdicht verpacken, 10 Minuten Angst und in Rumänien geht es mit dem Personalausweis weiter. Kein Mensch wird den fehlenden Ausreisestempel bemerken, kein Mensch wird mich kontrollieren. Per Anhalter zurück nach Galati, dort kenne ich Leute, dort hätte ich Abnehmer. Der Rückweg ist easy! Der Rucksack wird weggeworfen und wenn mich tatsächlich jemand erwischt dann war ich halt ne Runde schwimmen. 380 Euro in drei Tagen. Problemlos möglich. Nebenbei das schöne Gefühl den Staat beschissen zu haben. Wenn ich mir nicht fest vorgenommen hätte von dieser HP zu leben und wenn ich mit diesem Vorhaben keine Erfolge erzielen würde, ich würde es tun! Aber sollte ich tatsächlich erwischt werden, was ich für unwahrscheinlich halte, dann wandere ich nicht nur für ein paar Jahre in den Bau, dann war auch alle Arbeit umsonst.
Vielleicht ist es ja ein guter Tipp für einen anderen Low Budgetter, es würde mich freuen. Für mich ist es jedenfalls ein Hintertürchen sollte ich scheitern.
Ich lasse die Prut links liegen und wandere landeinwärts. Nach wenigen hundert Metern blicke ich auf den teilweise verlandeten See. Jetzt habe ich das Wasser nicht mehr rechts, jetzt habe ich es links von mir. Schäfchenwolken spiegeln sich in der Wasseroberfläche, Graureiher und Störche stehen in Ufernähe und warten auf Beute. Ein Fischer steht bis zum Bauchnabel im Wasser und breitet sein Netz aus. Ich bewandre einen Damm der durch den See zu führen scheint. Nach einem knappen Kilometer ist er von Wasser überflutet. Ich ziehe die Schuhe aus und wate hindurch. Noch einige hundert Meter kann ich in den See hineingehen, dann endet der Damm vollständig im Wasser. Ich gehe zurück. Am Horizont sehe ich einen weiteren Damm. Er scheint durchgehend zu sein. Ich will den See umwandern!
Gegen 17 Uhr erreiche ich den Auslauf des Sees. In einem reißenden Strom ergießt sich sein erdbraunes Wasser in die Prut. Jetzt ein Schlauchboot zum raften! Aber ich habe keines. Ein Baumstamm liegt über dem Auslauf. Ich möchte ihn als Brücke nutzen. Wenn ich nicht meinen PC im Rucksack gehabt hätte, ich hätte es wahrscheinlich geschafft. Oder ich wäre hineingefallen, das weiß man nicht. Aber mit dem teuren Gerät an Bord habe ich mich nicht getraut. Ich folge der Prut zurück Richtung Heimat und zwar genau bis zu der Stelle an der ich sie vor wenigen Stunden verlassen habe. Dort gehe ich das kurze Stück bis zum See ein zweites Mal. Nur das ich am See angekommen diesmal nicht nach rechts sondern nach links abbiege. Schon bald erreiche ich das Ende des Sees. Ich biege ab, um durch die kleine Ortschaft nach Hause zu gehen durch welche ich gestern gefahren war. Die untergehende Sonne taucht die Landschaft in bizarre Rottöne, der Mond steht fahl am Firmament. Eine in der Mitte gebrochene Betonbrücke führt über ein kleines Gewässer. Vor einem Bauernhaus brennt ein Kochfeuer. Gänse kommen mir entgegen, ich nehme Scheki an die Leine. Ein schmaler Weg führt steil bergan, ich höre rhythmische Trommelschläge. Ich folge der Musik und entdecke recht bald die Ursache. In einem Vorgarten sitzt eine Großfamilie versammelt und schlägt mit selbst gebastelten Miniaturbaseballschlägern auf die Blütenstände von Sonnenblumen ein um die Kerne zu gewinnen. Ein 200 Gramm Päckchen Sonnenblumenkerne kaufe ich hier für unter 30 Cent.
Ich gehe weiter. Asphaltstrassen gibt es hier nicht, nur Staubpisten auf welchen Hühner, Gänse, Katzen und Hunde friedlich nebeneinander leben. Ich verfluche Scheki, dass er sich von dieser Friedlichkeit nichts abschauen kann. Ich erreiche ein Geschäft. Tische und Stühle stehen davor. Es wirkt sehr einladend auf einen durstigen Wanderer. Ich erwerbe eine dieser gut gekühlten 30 Cent Limonaden mit haufenweise Aspertam (Süßstoff) von dem man so einen schrecklichen Durchfall bekommt. Dass sich der Kram bis an mein Lebensende in meinen Innereien festsetzen wird verdränge ich vollständig als ich die kühle Flüssigkeit ansetze und in einem Zug leer trinke. Ein Herr am Nebentisch kann „Guten Tag. Wie heißt Du?“ und „Willst Du ficken?“ sagen. Wir waren im Gespräch. Dummerweise kann man sich mit diesen Vokabeln nicht sonderlich gut unterhalten. Schon bald wechsle ich auf entschieden gesünderes Bier, zu dem ich eingeladen werde. Auch moldawischen Wodka muss ich probieren. Ich bin in einem Land angekommen in dem Wodka getrunken wird, und wenn es eins gibt was ich nicht vertrage, dann ist das Wodka. Ich nippe vorsichtig und kippe das Gebräu in einem unbeobachteten Moment in die Blumen. Es ist bereits lange finster als ich den kleinen Laden verlasse. Zeit für ein paar Bilder des Tages:
Rund 30 Minuten folgte ich der Hauptstrasse. Dann erreichte ich meinen Wagen. Nur rund 30 Meter dahinter, im Sichtschutz meines Trucks brannte ein Feuer. Ca. 20 Personen saßen darum versammelt. Ich grüßte mit einem freundlichen „Salut“ und schloss mein Fahrzeug auf. Ich hatte mich noch nicht ganz niedergesetzt als es an meine Türe klopfte. Draußen stand ein junger Mann, in seinen Händen hielt er ein Gläschen Wodka und einen Plastikteller mit gegrillten Hühnchenschenkeln, Salat, Weißbrot und Käse. Ich war eingeladen. Wenn ich alles richtig verstanden habe wurde hier ein Geburtstag gefeiert. Junge Menschen, keiner älter als 30 und niemand war der englischen Sprache mächtig. Wo bin ich hier gelandet? Lernen die das nicht in der Schule? Haben die hier etwa voll synchronisierte Filme wie wir in Deutschland? Die müssen doch Englisch können! Können sie aber nicht! Unterhaltung Fehlanzeige, auch wenn wir gerne miteinander gesprochen hätten. Dennoch ein sehr schöner Abend.
Auch am nächsten Tag schien die Sonne. Einige meiner frisch gewaschenen Textilien waren bereits getrocknet, so dass ich eine neue Fuhre waschen konnte. Anschließend machte ich mich auf, der Prut in die andere Richtung zu folgen. Wunderschöne, menschenleere Wege.

Ein Speedboot der Grenzpolizei patrouilliert auf der Prut. Schon 5 Minuten vor seiner Ankunft höre ich das Dröhnen seines Motors. Mich kontrolliert niemand. Nach rund 2 Stunden Marsch verlasse ich das Ufer und begebe mich landeinwärts. Ich folge einem Kanal welcher mich zur Hauptstrasse führt. Diese überquere ich um auf der anderen Seite eine steile Staubpiste Dorfeinwerts zu nutzen. Die Ortschaft heißt Giholtosu. Hier ist der Hund begraben wie man so schön sagt.

Ich passiere einen Brunnen und will meine Wasserflasche auffüllen. Das Wasser bei mir auf dem Parkplatz schmeckt abscheulich, genauso wie das Wasser das ich beim Tanken gratis dazu bekommen habe. 200 Liter Wasser habe ich getankt das irgendwie giftig schmeckt. Süßlich bitter, genau wie das auf meinem Parkplatz. Immer wieder sehe ich Menschen die dort anhalten um ihre Flaschen aufzufüllen. Aber ich trinke das nicht! Auch das Wasser aus dem Brunnen hat diesen schrecklichen Beigeschmack den man selbst durch Abkochen nicht gelindert bekommt. Ich schütte es weg und suche ein Geschäft. Dann doch lieber Aspertam. Die Suche erweist sich als schwierig, aber nicht als unmöglich. Vor dem Laden sitzt eine Gruppe junger Leute im Schatten eines Zaunes. Ich entscheide mich gegen Aspertam und für Gerstensaft. Schon bald bin ich mit den Leuten im Gespräch. Nein, ich bin mit ihnen in Kontakt gekommen, nicht ins Gespräch, denn auch hier spricht niemand englisch.

Genau wie alle Menschen, die ich bisher in Moldawien kennen gelernt habe, sind auch diese Leute sehr aufgeschlossen, freundlich und an meiner Person interessiert. Ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen richtig freuen wenn da ein Ausländer vorbeikommt um ihr kleines, unbedeutendes Land anzuschauen. Wenn der Ausländer ihr Land dann auch noch lobt, schweben diese Menschen auf Wolke 7 und teilen augenblicklich ihren Wodka. Moldawien ist echt klasse, die Leute sind nett, und wenn ich ihnen sage, dass mir das Land gefällt dann brauche ich nicht lügen. Ich meine das ernst. Aber da gibt es zwei Dinge die mich an dem Land ankotzen. Erstens, dass hier keiner Englisch kann, und zweitens dieser verdammte Wodka! Diesmal kann ich ihn nicht wegschütten, es ist taghell und es gibt nur einen Becher für alle. Jeder schaut auf mich wenn ich das Ding in den Händen halte. Gruppenzwang, ich muss Mitsaufen. Ich weiß, man kann immer „Nein“ sagen, man kann aber auch ein Spielverderber sein. Irgendwann sagt mir mein Körper dass es jetzt allerhöchste Zeit ist zu gehen. Ich verabschiede mich mit einem gelallten „arivederiee“, stehe auf, falle hin und bleibe liegen. Glücklicherweise erbarmt sich ein Autobesitzer der Gruppe. Er hievt mich auf die Rückbank des Wagens und fährt mich heim. Glücklicherweise hatte ich den Jungs ein Foto meines Parkplatzes gezeigt als ich noch dazu in der Lage war, so dass sie mich nun nach Hause bringen konnten. Vor meinem Wagen wurde ich freundlich geweckt. Meine neuen Freunde passten noch auf das ich das Schlüsselloch finde und dann zogen sie von dannen. Ich hingegen fiel in einen festen Schlaf.
Es muss so gegen 19 Uhr gewesen sein als ich gestern eingeschlafen bin. Dementsprechend früh war ich heute auf den Beinen. Ich wusch noch zwei Handwaschbecken Wäsche, füllte meine tragbaren Wasserreserven auf, frühstückte reichhaltig und startete den Motor. Mein Ziel hieß Internet. Egal wo, aber wenn ich anhalte, wollte ich eine brauchbare Internetverbindung in meinem Fahrzeug haben. Nicht so einen Käse wie in Cahul der alle 10 Minuten zusammenbricht. Ich fuhr bis Cantemir

und parkte vor so etwas wie einer Schule. Dann schaltete ich den Laptop auf Netzsuche, steckte ihn in meinen Rucksack und lief durch die Stadt. Stadt ist gut, auf meiner Landkarte schaut das so aus als ob es eine Stadt wäre in der Realität ist es aber eher mehr ein Dorf. Ein Markt, eine Kirche und drei Handyläden. Mehr gibt es hier nicht. Noch nicht einmal einen unverschlüsselten Internetzugang mit Parkplatz. Dafür einige Wasserhähne. Auch das Wasser was dort heraus fließt schmeckt giftig. Für 30 Lei, also für umgerechnet knapp 2 Euro kaufe ich 10 Liter Trinkwasser im Geschäft. Um ehrlich zu sein finde ich das wahnsinnig teuer.
Nach rund 90 Minuten Aufenthalt starte ich den Motor und fahre weiter. Schnell erreiche ich Leova. Ich folge dem Wegweiser „Zentrum“. Ein Schild „Durchfahrt verboten für alles über 3,5Tonnen“ verwehrt mir die Weiterfahrt. Ich biege rechts ab. Der Asphalt endet, Staubpisten beginnen. Schon bald stehe ich vor einer Abfahrt die so ausschaut als ob mein Fahrzeug nicht für sie gebaut wäre. Ich steige aus und überzeuge mich zu Fuß. Sackgasse! Wenden!

Orientierungslos fahre ich von Staubpiste zu Staubpiste. Irgendwann habe ich wieder Asphalt unter meinen Rädern. Kurz darauf findet mein Computer Internet. Ich fahre rechts ran und parke im Schatten großer Kastanien die hier eine Allee säumen. Internet hin, Internet her. Das Internet ist heute Nacht auch noch da, jetzt schaust du erst mal wo du bist. Ich steige aus und mache mich auf das Zentrum zu suchen. Nach wenigen Minuten Marsch erreiche ich einen großen menschenleeren Platz. Ein fensterloses Gebäude, wohl einstmals eine Schule oder ein Gemeindehaus thront stolz auf dessen linker Seite.

Nur wenige Schritte weiter blicke ich über einen Grünstreifen auf die Prut.

Ich gehe in eine andere Richtung. Hier ist es auch nicht das Stadtzentrum.

Eine Kirche, Kirchen stehen im Stadtzentrum. Aber das hier soll das Zentrum sein?

Unweit davon entfernt der Hinweis auf einen Park+Ride Parkplatz?

Einen Bahnhof hab ich dort allerdings nirgendwo gesehen. Noch nicht einmal eine Bushaltestelle. Es fehlt ja aber auch das + von Park+Ride. Wer weiß was das Schild bedeutet?
Ich gehe zurück, an meinem Wagen vorbei in die andere Richtung. Dabei bemerke ich, dass ich keine 200 Meter hinter dem „Durchfahrt Verboten“ Schild parke. Anscheinend ist diese Strasse nur aus einer Richtung für LKW gesperrt. Oder doch nicht? Egal, jetzt bleibe ich stehen. Rechter Hand sehe ich eine hübsche kleine Siedlung, aber das Stadtzentrum?

Wohl eher ein Markt. Nach ausführlicher Recherche komme ich zu dem Entschluss das Zentrum nicht suchen zu müssen. Dort wo ich parke ist das Zentrum. Zentraler geht nicht!
Ich gehe zurück zu meinem Wagen schalte den Rechner ein und beginne zu Arbeiten. Es ist schon Monate her, dass ich begonnen habe ein neues Forum auf die Beine zu stellen und es ist immer noch nicht funktionsfähig. Von hier werde ich die Probleme beheben. Bis weit nach Mittag des nächsten Tages bastle ich an Quellcodes, setze mich mit den Funktionen des ACP´s (Administration Control Pannel) auseinander, erlerne Gruppenrechte zu vergeben und diese anzuwenden. Schreibe ein paar Beiträge damit es nicht ganz so leer ausschaut und mache mir Gedanken über einen logischen und strukturierten Aufbau. Dann wird Scheki unruhig und ich schalte den Rechner aus um mich ans Tageslicht zu begeben. An einem der hübschen Geschäfte mit Tischen und Stühlen davor kaufe ich mir einen Becher Kaffee. 4 Lai, 24 Cent! Hundemüde sitze ich da und schlürfe meinen Wachmacher als ein Mann auf mich zugetorkelt kommt. Er spricht mich an. „Sorry, nixe comprende. Tourist, Holiday. Njematsch! Deutsch? Englisch?“ Der Mann klopft mir freundschaftlich auf die Schulter, verschwindet in dem Geschäft und kommt Minuten später mit zwei Gläschen Wodka wieder heraus. Eines dieser Gläschen reicht er mir. „No, Maschina! Brum, brum. Ich muss noch fahren!“ lüge ich. Wenn ich da jetzt dran nippe muss ich kotzen. Dessen bin ich mir sicher. Der Mann kippt beide Wodkas in sich hinein und zieht sichtlich beleidigt von dannen. Ich gehe hinunter zur Prut, lasse meinen Hund umherlaufen und schlafe selbst eine Runde in der angenehm warmen Spätsommersonne. Zurück am Bus setze ich mich vor den PC bis mir die Augen zufallen. Der Sound des Bildschirmschoners weckt mich auf. Ich drücke auf den aus Knopf und gehe ins Bett.
Ich erwache gegen Mittag des 15. Septembers. Der Rechner bleibt ausgeschaltet. Unweit von hier muss es einen See geben, ich habe es auf Google Maps gesehen. Dort möchte ich hin. Ich folge der Prut. Auch hier ist sie einsam und unbewacht,

obgleich sich in unmittelbarer Stadtnähe einige Angler aufhalten und ich sogar einige Menschen sah die in ihr badeten. Der See hingegen ist nichts sagend, mehr wie eine übergroße Pfütze ohne Uferbewuchs.

Interessant finde ich die Abgasrohre dieses Hauses an welchem ich auf meinem Rückweg vorbeilief.

Anstatt die Rauchrohre durch T-Stücke miteinander zu vereinigen und nur ein Einziges bis über den Dachrand hinauszuführen, hat hier jeder seinen eigenen Kamin. Ich frage mich sowieso ob das funktioniert was ich dort sehe. Bei einem Verbrennungsvorgang wird Feuchtigkeit freigesetzt. Die langen, unisolierten Blechrohre sorgen dafür, dass der feuchte Rauch an ihren Wandungen kondensiert. Das Kondensat müsste meiner Meinung nach an den Rohrinnenwänden hinab rinnen und innerhalb des Wohnraums, dort wo das Rohr heiß genug ist, verdampfen. Dieser Vorgang müsste mit einem bestialischen Gestank einhergehen. So zumindest meine Erfahrung wenn ich nur ein kurzes Stück Rauchrohr mit einem Bogen aus meinem Auto nach oben, über den Dachrand hinweg führe. Aber ich scheine mich zu irren.
Zurück am Wagen schalte ich den Rechner an. Am späten Nachmittag des nächsten Tages glaube ich fertig zu sein. Ich lade alle registrierten Mitglieder des alten Forums die mindestens 3 Beiträge geschrieben haben und meine VIP Leser herzlich ein das neue Forum zu testen, mir beim Mitdenken zu helfen und es ein wenig mit Leben zu füllen. Dann gehe ich mit Scheki vor die Türe. Eine Trauergemeinde kommt uns entgegen. Auf einem gewöhnlichen Pritschenwagen liegt der geöffnete Sarg. Ein Pastor und wenige weitere Menschen laufen vorweg, der größte Teil der Trauernden läuft allerdings hinter dem Fahrzeug. In Abständen von einigen hundert Metern hält der Konvoi. Aus einer Wasserflasche wird ein Kreuz auf die Strasse gegossen. Dann legt man einen Leib Brot auf das Kreuz und das Fahrzeug fährt darüber hinweg. Ein hinter dem Wagen laufender Trauender sammelt das Brot wieder ein und reicht es nach vorne, so dass der Wagen beim nächsten Stopp erneut darüber wegrollen kann. Ein eigenartiger Brauch!
Als ich zurückkehre schaue ich enttäuscht ins neue Forum. Eine Neuanmeldung, aber noch kein Beitrag. Kann man nichts machen, ich gehe zu Bett.
Verhältnismäßig früh erwache ich am Morgen des 17. Septembers. Beim kleinen Laden schräg gegenüber kaufe ich ein Brot und 5 Liter neues Wasser. Auch das Wasser das hier so aus den Leitungen kommt lässt sich meines Erachtens nicht trinken. Nach dem Frühstück schaltete ich den Rechner an. Und siehe da, es waren 6 registrierte User online, 4 neue Registrierungen und eine gute Hand voll Beiträge. Leider auch die erste Fehlermeldung! Scheiße, und ich hab gedacht ich sei fertig. Rund zwei Stunden widmete ich mich dem Forenschreiben, dem recherchieren nach Fehlerquellen und der Vergabe von Nutzerrechten an die neu Registrierten. Dann beschloss ich mein hübsches Board alleine zu lassen, den Motor zu starten und einen schönen Platz in der Natur aufzusuchen.
Hier in Leova verließ ich die Prut. Mein Weg führte mich landeinwärts, Chisinau entgegen. Augenblicklich besserte sich auch die Fahrbahnbeschaffenheit. Die Strasse war in einem guten Zustand und ich kam zügig voran. Nach ca. 30 Kilometern sichtete ich einen See. Er sah sehr idyllisch aus. Ein kleines Wäldchen am Ostufer, eingeschlossen von kleinen Hügeln. Eine alte Fabrikbrache welche man erkunden kann und vor allem Wasser zum waschen.
Ich parkte am rechten Fahrbahnrand und zog los eine befahrbare Zufahrt zum Ufer zu suchen. Ein Tracktor hatte zwei zusammengeknotete Fischerkähne im Schlepptau. Ein eigenartiges Bild: Tracktor zieht Boot.

Nach rund zwei Stunden Erkundungsspaziergang hatte ich meine Stelle gefunden. Ich startete den Wagen und fuhr 6 Kilometer, 4 davon Piste zu meinem Wohnort für die nächsten Tage.

Einfach herrlich. Das Erste, was ich an diesem Standort tat, war die Reparatur meines Rucksacks. Mit dem Teil kann ich nicht mehr los laufen, da fällt ja alles raus.

Schon einmal hatte ich den Boden repariert. Damals habe ich ein Stück altes T-Shirt über die schadhafte Stelle genäht. Aber der dünne Stoff erwies sich als nicht haltbar genug. Diesmal würde ich Jeans nehmen.
Unzählige Krähen leisteten mir beim Nähen Gesellschaft und bildeten schwarze Wolken die in wohl koordiniertem Zusammenspiel scheinbar wahllos und abrupt ihre Flugrichtung ändern.
Mit einem frisch reparierten Rucksack machte ich mich am Morgen des 18. Septembers 2011 zeitig auf den Weg. Der See wollte umwandert, das Wäldchen entdeckt und die Fabrikbrache besichtigt werden.
Ich entschied mich am Wagen nach links aufzubrechen. Schnell erreichte ich das Seeende, bahnte mir einen Weg durch die dort grasende Kuhherde und folgte dem Uferverlauf des Gewässers durch ein lichtes Nadelwäldchen. In Abständen von einigen hundert Metern waren Picknickplätze angelegt. Kleine Häuschen boten Schutz vor Sonne und Regen, Bänke und Tische standen bereit. Hier und da saß ein Angler.
Nach rund 3 Stunden befand ich mich am Ende des Sees. Ich beschloss einige hundert Meter weit der Hauptstrasse zu folgen um in den Ort zu gelangen den ich gestern durchfahren hatte. Vor einem Geschäft parkte ein altes russisches Motorrad mit Beiwagen. Ich blieb stehen und bewunderte das abenteuerlich dreinschauende Vehicle. Ich war noch nicht dazu gekommen meinen Fotoapparat auszupacken um ein Bild des Zweirades zu schießen als ich von einem Mann angesprochen wurde der sich als Besitzer des Bikes vorstellte. Aufgrund mangelnder Verständigungsmöglichkeiten blieb mir nicht viel mehr übrig als ein bewunderndes „dobre“ vor mich hinzumurmeln und anerkennend meinen Daumen in die Luft zu halten. Es bedurfte wohl weit weniger als 5 Minuten der Handzeichenkonversation bis mein Gesprächspartner begriffen hatte, dass ich sein Fahrzeug einfach nur kultig finde. Er klopfte auf den Sitz des Beiwagens, drehte mit seiner rechten Hand an einem imaginären Gasgriff, artikulierte dabei die Worte „brum brum“ um im unmittelbaren Anschluss mit seinem rechten Arm einen weiten Bogen zu beschreiben. Ich war auf eine Probefahrt eingeladen!
Ich knotete Scheki an den Zaun des kleinen Lebensmittelladens, der wie so oft hier, auch als Gastwirtschaft fungierte, nahm im Beiwagen Platz und kurz darauf knatterte das Zweirad mit mir als Beifahrer die Hauptstrasse rauf und runter. Laut und ungefedert hätte ich gesagt. Aber auf jeden Fall mit Stiel.
Die Probefahrt dauerte wohl nicht viel länger als 5 Minuten. Schließlich wartete am Geschäft ein angetrunkenes Gläschen Wodka auf den Fahrer. Schon wieder wurde ich zum Mittrinken genötigt.
Nach dem dritten oder vierten Gläschen verabschiedete ich mich. Es war erst 12 Uhr am Mittag und die Welt drehte sich um mich. Nach kurzem Marsch fühlte ich mich wieder besser. Also bog ich links ab um in die Industriebrache zu gelangen welche sich als sehr unspektakulär erwies. Schnell war ich wieder am See. Da es noch sehr früh war, entschloss ich mich dazu einem kleinen Feldweg bergan zu folgen. Er sollte mich hinter das Wäldchen am Seeufer führen. Ich spazierte über schattenloses Ackerland und genoss die Aussicht von meinem Höhenweg. Eine eintönig monotone Landschaft. Ich mag es nicht wenn ich bereits um 10 Uhr am Morgen sehe wo ich gegen 1 Uhr am Mittag Rast machen werde.
Über ein abgeerntetes Stoppelfeld wanderte ich einem kleinen Ort entgegen welchen ich gegen 14 Uhr erreichte. An den zahlreichen Dorfbrunnen herrschte Hochbetrieb. Anscheinend war ich wieder mal in einer Ortschaft angekommen welche nicht ans öffentliche Trinkwassersystem angeschlossen ist. Interessant fand ich auch die Bauart der Brunnen. Brunnen mit einer Kurbel sind mir ja mittlerweile wohl vertraut. Aber diese Brunnen waren anders. Etwa 5 Meter neben dem eigentlichen Brunnenloch war ein Mast errichtet. An seinem oberen Ende war eine lange, beweglich gelagerte Stange angebracht. Am hinteren Ende der Stange waren Zahnräder oder verrostete Autofelgen als Contragewicht befestigt. An das vordere Ende war ein Seil geknotet an dessen Ende ein Eimer hing. Mit etwas Geschick konnte man nun die Contragewichte in die Höhe heben und darauf hoffen, dass der Eimer seinen Weg in das Brunnenloch finden würde. Hatte man dies geschafft, war es ein leichtes das kühle Nass aus der Tiefe zu fördern. Doch dann, dann musste man mit einer gekonnten Pendelbewegung den Eimer in Schwung versetzen und ihn genau in dem Moment ablassen in welchem er über dem Brunnenrand schwebte damit er nicht wieder in der Tiefe verschwand.
Leider schmeckte das mühsam geförderte Trinkwasser genauso abscheulich wie ich es aus Moldavien gewohnt war.
Gegen 16 Uhr erreichte ich meinen Wagen. Zwei Männer standen mit einem Fischernetz ausgerüstet im See. Während ich mein Abendessen zubereitete beobachtete ich wie die Beiden im See hin und herliefen und nach lautstarker Absprache das Netz ruckartig in die Höhe rissen. Hin und wieder hatten sie tatsächlich einen Fisch. Ein Fisch! Der würde gut zu meinen Kartoffeln passen.
Mit dem Waschen von Großwäsche wie Bettlacken, Wolldecken und Handtüchern ließ ich den Tag ausklingen.
Ein Tag, ich hatte nur einen Tag gebraucht um meine Umgebung zu entdecken. Über die eintönigen Felder wollte ich nicht wandern, den See hatte ich gesehen und die Fabrikbrache war uninteressant. Dennoch blieb ich diesem Platz 2 weitere Tage treu. Ich wusch, bis auch der letzte Socken sauber …. äh sauberer war, forderte erfolglos mein Anglerglück heraus, reinigte meine Küchenschränke und, na ja natürlich saß ich auch vor dem PC.
Gegen Mittag des 21. startete ich den Motor und fuhr meinen Wagen zurück auf die Hauptstrasse.

Mein Ziel hieß Hincesti. Unterwegs passierte ich einen kleinen Second Hand Laden den ich natürlich besuchen musste. Seit Varna ist der Besuch von Second Hand Läden zu so etwas wie meinem Hobby geworden. Aber einen solch unsortierten Laden hatte ich noch nie gesehen. In einer Ecke lag die Ware. Ein großer Berg gebrauchter Textilien. Jacken, Hosen, Pullover, T-Shirts. Alles lag auf einem großen unsortierten Haufen den man nach Herzenslust durchwühlen konnte.

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