...im Kampinoski Park Narodowy. Der atomare Führerbunker!

Als ich in Warschau meinen Motor startete, welcher schon wieder erst nach Zuhilfenahme eines Schraubenschlüssels anspringen wollte, hieß mein Ziel: Kampinoski Park Narodowy.
Der Kampinoski Park Narodowy ist ein großes Waldgebiet rund 20 Kilometer nördlich von Warschau. Mitten in diesem Wald befindet sich der "Atomowa Kwatera Dowodzenia," eine alte Atombunkeranlage die 3 Stockwerke tief ins innere der Erde hinabführt und in den 60er Jahren erbaut wurde um der polnischen Führungselite einen sicheren Rückzugsort vor radioaktivem Fall Out zu bieten. Von dort sollten sie die Machtstrukturen ihres zerstörten Landes weiter aufrechterhalten und die Geschicke des polnischen Volkes befehligen.
Irgendwann, so entnehme ich es der polnischsprachigen Wikipedia, die ich mir von meinem Computer ins englische Übersetzen lasse, sehen die Amerikaner die Bunkeranlage auf einem Satellitenbild und schicken James Bond vorbei um nachzuschauen was da los ist. James Bond stellt fest dass sich hier eine Atombunkeranlage im Bau befindet und erzählt das seinen Auftraggebern. Aber auch die Polen bekommen mit das die Lage ihres streng geheimen Bunkers nun den Feinden bekannt ist und stellen den Bau einfach ein.
Anfangs wurde die verlassene Baustelle noch militärisch bewacht. Doch seit vielen Jahren ist die Bunkeranlage für die Öffentlichkeit zugänglich. Freunde aus Warschau zeigten mir Bilder des Bunkers welche sie über die google Bildersuche mit dem Stichwort: "Atomowa Kwatera Dowodzenia" aufriefen.
Als ich diese Bilder sah war mir sofort klar dass ich diese Bunkeranlage besuchen werde. Ich war schon in den Atombunkern unter dem bulgarischen Varna, in den Katakomben unter Odessa, den faszinierenden Tropfsteinhöhlen beim rumänischen Sighistel, der Uranmine, die heute als Atommüllendlager dient gleich nebenan …. und hier, hier war ein neues Loch dessen Inneres nicht von Neonlicht erhellt wird, an dessen Eingang kein Museumsmitarbeiter steht und Eintritt kassiert. Ein Loch in das man hinabsteigen kann um eine unbekannte Welt zu entdecken.
Ein innerer Zwang trieb mich in diese Richtung.
Doch bereits nach 2 Kilometern stoppte ich an einer Tankstalle. Ich hatte es so abgepasst Warschau mit einem leeren Tank zu erreichen. Ich dachte mir dass aus einem leeren Tank kein Diesel gestohlen werden kann und jetzt wollte ich fahren und brauchte somit neuen Lebenssaft für meinen Motor. Für 300 Zloti tankte ich knapp 55 Liter Diesel. 200 Liter Wasser gab es gratis dazu. Bei meinem anschließenden Großeinkauf wechselten abermals knapp 200 Zloti den Besitzer. Aber dann, dann ging es zügig meinem Ziel entgegen.
Bei Bemowo, einem Stadtteil von Warschau, verließ ich die S8. Mein Weg führte mich durch den Park Lesny Bemowo, einem, beim durchfahren recht groß wirkendem Waldgebiet von dem ich anfänglich glaubte es sei bereits mein Ziel. Als ich das Ortsschild Lomianki erreichte parkte ich mein Vehikel am Fahrbahnrand und machte mich zu Fuß auf den kurzen Rückweg um die in den Park abgehenden Sandwege auf Befahrbarkeit zu überprüfen. Am frühen Nachmittag hatte ich dann meinen neuen Wohnort gefunden.

Bild: Wohnmobilstellplatz in der Nähe der Atombunker im Kampinoski Park Narodowy

Einen See oder Fluss, der mir Wasser für ein oder zwei Waschtage spenden würde gab es hier zwar nicht, aber die große Pfütze, hinter welcher mein Fahrzeug blau hervorlugt, würde diesen Zweck sicher ebenso gut erfüllen.
Augenblicklich schöpfte ich einen Eimer von diesem Wasser und stellte ihn zur Erwärmung auf meinen Herd.
Glücklicherweise schöpfte ich gleich einige weitere Kanister voll, so dass ich über ausreichend klares Spülwasser für die ersten Waschgänge verfügte. Denn nur wenige Augenblicke nachdem ich diese Arbeiten erledigt hatte erfüllte Motorenlärm die Stille des Ortes.
Zwei wohlhabende Polen waren mit ihren Spielzeugen angereist und wühlten soviel Schlamm im Wasser auf das man es noch am nächsten Morgen nicht wieder zum Waschen benutzen konnte.

Bild: Quadstrecke in der Nähe der Atombunker im Kampinoski Park Narodowy

Deshalb ging ich zunächst einmal ein Stück spazieren.
Ein riesiger Nadelwald auf sandigem Boden. In Wassernähe drängen sich vereinzelte Birken zwischen den Baumbestand.

Bild: Der Kampinoski Park Narodowy

Genau der Richtige Ort den man nach einem Großstadtaufenthalt braucht!
Als ich zurückkehrte schrieb ich zunächst einmal eine E Mail an das Filmteam das mich in Ungarn besuchte um die Fortsetzung von Into the wild zu drehen. Die Zwei wollten mich auch in einer Großstadt filmen und schon damals hatten wir ausgemacht dass wir uns in Warschau wieder sehen würden. Im Grunde hätte ich denen schon viel früher schreiben sollen, aber irgendwie hatte ich voll keinen Bock darauf dass so ein Kamerateam in Warschau hinter mir her rennt. Im Wald, irgendwo im Bückgebirge Ungarns, da mag das ja ganz lustig sein, aber in den Menschenmengen einer Großstadt von so einem Team verfolgt zu werden … ne, im Grunde wollte ich nicht. Deswegen habe ich mir wie gewohnt die Stadt erst einmal ohne diesen Anhang angeschaut. Jetzt wollte ich auf die Jungs warten während ich viele viele Stunden vor meinem PC verbringe und einige Reparaturarbeiten durchführe.
Daraus ist nur leider nichts geworden.
Aber vorgenommen hatte ich es mir. Deswegen begann ich am nächsten Morgen ganz enthusiastisch damit meine Treppe auszuklappen. Nicht nur um bequem in mein Fahrzeug ein und aussteigen zu können, nein ich wollte sie reparieren. Auf meiner Parkfläche kurz vor Lodz, da hat sich die Treppe beim Hereinschieben verkantet. Beim Zurückziehen hab ich sie dann aus der Führung gerissen und sie ist hinuntergefallen. Dabei ist sie auf der Blende hängen geblieben die man, bei eingeklappter Treppe, vor den Schlitz klappt in den man die Treppe beim Fahren hinein schiebt. Dabei war eine Halterung dieser Blende abgebrochen und ich hatte ganz abenteuerliche Konstruktionen aus Wickeldraht und Kordel gebastelt um fahren zu können. Jetzt wollte ich diese Halterung aus einem Stück Winkeleisen und 2 Schrauben neu bauen.
Als ich die Treppe aus ihrer Führung herauszog staunte ich nicht schlecht.

Bild: Vogelnest auf Wohnmobiltreppe

Mein Wagen stand wohl einige Zeit unbewegt auf seiner Parkfläche in Warschau. Armer Vogel, ich fahre einfach mit seinen Babys weg.
Ich war gerade am überlegen ob ich die Treppenreparatur um eine halbe Stunde verschiebe, und die vielen Eier erst einmal zur Zubereitung von frischen Eierpfannkuchen verwende, als mein Hund laut bellend in den Wald lief.
Der Typ der da durch den Wald schlich und von meinem Hund angebellt wurde hieß Robert. Robert sprach ein wenig Deutsch und war, so hatte ich es verstanden, gerade auf dem Weg von A nach B um ein neues Auto zu kaufen. Aus irgendeinem Grund hatte er sich genau diese Gegend ausgesucht um eine kleine Pause einzulegen und sich die Füße zu vertreten. Eine Tasse Kaffe fand er jedenfalls eine gute Idee.
Wie wir da so standen, mit gebrochenem Deutsch und gezuckertem Kaffee, meinte Robert er kenne einen viel schöneren Platz an dem ich parken könne als jenen den ich mir ausgesucht hatte und er müsse mir den jetzt unbedingt zeigen. Da war jeder Widerspruch zwecklos.
Zugegeben, ich legte meinen Widerspruch auch nur recht halbherzig und aus Höflichkeit ein. Es ist ja im Grunde eine ganz tolle Idee sich von einem Einheimischen die Gegend zeigen zu lassen.
Rund 90 Minuten nachdem wir uns kennen gelernt hatten saß ich auf dem Beifahrersitz von Roberts VW Bus. Abermals 20 Minuten später stoppten wir an dieser Stelle:

Bild: Wohnmobilstellplatz Wislaaue

Eine große grüne Wiese liegt hinter dem Schilfgürtel der den See umgibt. Auf der anderen Seite wurde die Wiese von dem Wislardeich eingeschlossen, über dessen Krone ein schmaler Fahrweg zu diesem Ort führt. Es gab 2 kleine Strände die einen schilffreien Zugang zum Wasser ermöglichten.
Ein wirklich schöner Ort!
Vielleicht würde ich umziehen nachdem ich meinen Warschaubericht geschrieben hatte.
Robert fuhr mich zurück zu meinem Wagen und nach einer weiteren Tasse Kaffe sagten wir Lebwohl.
Ich schaltete den Computer ein und begann zu schreiben. Rund 2 Stunden lang. Dann bellte mein Hund schon wieder. Robert kam durch das Gebüsch geschlichen. Er war ganz aufgeregt. "Komme, gucken! Habe ich neue Auto. Oldtimer. Ganze schön. Gucken, gucken!"
Ich verriegelte den Wagen und folgte Robert zu seiner neuen Errungenschaft, die so wenig Bodenfreiheit besitzt das sie nicht bis zu meinem Wohnort fahren kann.
Stolz zeigte mir mein neuer Freund seinen Wagen. Dann drückte er mir den Zündschlüssel in die Hand. "Mache Probefahrt!"
"Äh, würd´ ich ja gern machen. Aber wenn ich jetzt mit dem Auto wegfahre, dann tickt mir der Hund aus und den mitzunehmen ist vielleicht gerade keine so gute Idee."
Ich deutete auf Drecki der kurz zuvor ein kleines Bad in der großen Waschwasserpfütze genommen, und sich anschließend im Sand gewälzt hatte.
"Ah, habe ich alte Decke für Rückbank. Komme, fahren wir schwimmen. Ist heiß!"
10 Minuten später steuerte ich einen tiefergelegten VW Käfer, Baujahr 1936, dem Badesee entgegen.
Wenn ich Robert richtig verstanden habe, dann wird bei diesem Fahrzeug der Luftdruck aus dem Reserverad für die Scheibenwaschanlage verwendet.
Das ist es das Schmuckstück:

Bild: Oldtimer - VW Käfer

Wie kann man ein Auto nur so tief legen? Und wie kann man in einen Wagen ohne Servolenkung ein winzig kleines Sportlenkrad einbauen?? Der lenkt sich ja fast so schwergängig wie mein LKW. Der klappert auch genauso viel wie mein Truck. Er ist nur um einiges schneller in der Beschleunigung.
"Kannst du mir helfe? Kann ich nicht fahren 2 Auto. Ist nicht weit, können wir hohlen meine Bus und du fährst mir hinterher?" Fragte mich Robert nach dem Schwimmen.
Aber klar, ich bin ja ein hilfsbereiter Zeitgenosse.
Ich habe keine Ahnung wo wir hingefahren sind, Robert saß am Steuer und auf dem Rückweg bin ich ihm einfach nur mit seinem VW Bus hinterher. Ich weiß nur dass wir gegen 7 Uhr vor einem Supermarkt stoppten. Einkaufen zum grillen hieß der Plan. Den Käfer hatten wir auf einem Parkplatz vor einer Hochhausanlage abgestellt und von dort waren wir mit dem Bus weitergefahren.
Robert kaufte ein. Unmengen! Ich habe geglaubt der wolle noch ne halbe Fußballmannschaft einladen. Aber nein, wir sollten das alles alleine essen - und vor allen Dingen trinken.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung brannte ein Feuer vor meinem Wagen.

Bild: Feuer vor meinem Wohnmobil am Wohnmobilstellplatz Kampinoski Park Narodowy

"Brauche ich nix mehr fahren, kann ich schlafe in Bus." Meinte Robert und ließ mit einem lauten Pflop den Kronkorken einer Bierflasche knallen.
"Nastrovije"
"Prost"
Es wurde spät in dieser Nacht.
Bereits um halb neun in der Früh hörte ich Robert neben meinem Wagen rumoren. Gegen 11 stand ich auf.
"Habe ich Frühstück gemacht." Verkündete Robert und hielt mir eine Schüssel Quark? Joghurt? Dickmilch? (oder so etwas ähnliches) mit Gurken, Radieschen, Zwiebeln und Schnittlauch, sowie eine Stange Baguettebrot unter die Nase.
"Warte ich nur auf dich und deine Kaffee!"
Wir frühstückten bis etwa 2. Während unsres Frühstücks erzählte mir Robert das er neben dem T4 Bus und dem Käfer auch noch ein Motorrad besitze. Dieses Motorrad sei noch in Praga und es sollte hier her kommen.
"Hast du Lust zu fahre Bus oder Motorrad?"
Ich hatte Lust!
Kurze Zeit später steuerte Robert sein Fahrzeug auf die Autobahn.

Bild: Überdachte polnische Autobahn

Richtig, polnische Autobahnen scheinen überdacht zu sein. Das schützt den Autofahrer vor solchen heimtückischen Wettererscheinungen wie etwa Regen oder Glatteis.
Ich wollte das nur mal zeigen weil viele Deutsche ja so über die polnischen Fahrbahnverhältnisse schimpfen. Eine überdachte Autobahn habe ich in Deutschland noch nie gesehen.
Robert fuhr und fuhr. Das Ortsausgangsschild Warschau hatten wir schon lange hinter uns gelassen.
"Sag mal, wo fährst du mit mir hin?"
"Sind wir gleich da. Nicht mehr weit!"
20 Minuten später
"Wo willst du hin?"
"Nächste oder übernächste Abfahrt."
Die Übernächste Abfahrt war das Kreuz Wyszko. Hier treffen sich die S8 und die B62. Robert fuhr Richtung Osten und bog schon bald links ab in einen dichten Wald. Irgendwann umsteuerte er gekonnt 2 massive Betonpoller, die so ausschauten als seien sie dafür gemacht das keine Autos an ihnen vorbeifahren, und dann stoppte er unmittelbar vor dem Sanktuarium matki bozej loretanskiej.

Bild: Das Sanktuarium matki bozej loretanskiej

Mich erinnerte die Gegend stark an die heilige Pilgerstätte, das Kloster der Paulinermönche Jasna Gora in Czestochowa, das ich bereits alleine besucht hatte.
Robert ging zielstrebig auf das Geschäft für heilige Andenken zu, wechselte mit der dort arbeitenden Frau einige Worte die darauf schließen ließen das die Beiden sich schon länger kennen, dann kaufte er 2 CDs und dann, dann stieg er wieder in sein Auto ein.
"Scheiße, habe ich nicht bemerkt, vergessen." Sagte Robert während er mir die kleine Kette mit dem Totenkopf um seinen Hals entgegen hielt.
Wir fuhren weiter. Robert legte eine der so eben erworbenen CDs in sein Radio ein.
"Ist scheiße!" Sagte er nachdem die CD ca. 30 Sekunden gespielt hatte. Er entnahm sie dem Player, schleuderte sie achtlos auf sein Armaturenbrett - wo von Modelautos über Wackeldackel bis hin zu CDs, Lufterfrischern und leeren Getränkedosen so alles mögliche herumlag was schon deshalb niemals auf meinem Armaturenbrett herumliegen könnte, weil ich solche Dinge erst gar nicht kaufe.
Mit der zweiten CD verfuhr er ähnlich.
Irgendwann erreichten wir Lochow. Robert steuerte auf eine Tankstelle. Dann wurde ich zum Essen eingeladen. Tankstellenfraß!
Nach unsrem Mal bestiegen wir wieder den Wagen.
"Sag mal Robert, wo willst du noch hin. Der Tag wird nicht jünger."
"Diese ist Motorrad" Robert deutete auf eine Suzuki die unter dem Tankstellendach geparkt war "muss ich nur eben noch zu meine Schwager was abholen."
"Eben noch" dauerte etwa eine weitere Stunde. 2 Mal 15 Minuten hinter dem Steuer und rund 30 Minuten Aufenthaltszeit beim Schwager. Robert stellte mich als seinen deutschen Freund vor. Ich hab nicht viel verstanden von dem was die Leute da auf polnisch erzählten, aber ich hätte mal behauptet dass das was Robert über mich erzählte nur zu sehr kleinen Teilen der Wahrheit entsprach. Der Rest war irgendwie dazugedichtet. Wie gesagt, ich habe das nicht verstanden. Nur den Tonfall, und der hörte sich anders an als: "Dat issen Tourist mit dem ich mich angefreundet habe."
Abgeholt hat Robert einen geschnitzten Teufel. Ein etwa 30 cm hohes "Kunstwerk".
"Schön?" fragte er mich und deutete auf das Preisschild mit der Beschriftung 50.
"Sehr schön!" Erwiderte ich ironisch.
Dann wanderte der Teufel auf die Ladefläche des Transporters. Die Ladefläche! Zum ersten Mal warf ich einen Blick auf das, was Robert mit seinem Auto transportierte.
In den nächsten Tagen sollte ich die Möglichkeit haben die Dinge die sich da rund 60cm hoch im Heck des Wagens stapeln genauer zu begutachten.
Zunächst einmal vielen einem Berge von Bekleidung auf. Die saubere in Plastiktüten verpackt, die getragene einfach so, irgendwo in dem Wust. Dazwischen Kartons. Mindestens 3 Dutzend ungeöffneter Kartons. Krempel den Lidl, Aldi und Co auf ihren Aktionsflächen verkaufen. Von der Küchenmaschine mit Handkurbel auf der man Möhren klein raspeln kann über eine Küchenwaage und einem zusammenfaltbaren Schneidbrettchen, einem Grill, einem Liegestuhl, einem Campingkocher, einem Besteckset, einem halben Dutzend Kunstdrucke ... bis hin zu einem faltbaren Gästebett lagen auf der Ladefläche nur Dinge die man nicht brauchen kann. Und sie waren allesamt original verpackt!
Der Absolute Hit waren große Gläser. In ihnen befand sich etwas dass ich als in Alkohol eingelegte Preiselbeeren identifizieren würde. Der Hit an dem Hit war das diese Gläser nicht verschlossen waren. Auf starken Holperstrecken spritzte die rot-blaue Soße lustig aus den Gläsern heraus und saute alles ein was sie erreichen konnte. Jetzt lag neben dem ganzen Plunder auch noch ein geschnitzter Holzteufel auf der Ladefläche des VW.
Gegen 5 Uhr waren wir wieder an der Tankstelle und Robert kramte einen Motorradhelm und einen Lederkombi von der Ladefläche hervor.
"Hast du Motorradführerschein?" fragte mich Robert.
"Ja, aber bestimmt seit 10 Jahren auf keiner Maschine mehr gesessen.
"Kannst du Motorrad fahren? Habe ich keine Führerschein."
"Wie du hast ein Motorrad aber keinen Führerschein??"
"Muss ich noch machen. Aber Motorrad war billig, hab ich schon mal gekauft."
"Wenn mein Hund kein Theater macht wenn du mit dem Wagen fährst ohne das ich da drinne bin, dann kann ich mal gucken ob ich noch Mopedfahrern kann."
Roberts Motorradklamotten passten mir bis auf den Helm nicht. Dennoch setzte ich mich auf die Maschine und startete. Die linke Bremse ist die Kupplung, Richtig? Ich zog sie und trat den Schalthebel hinab. Es klackte. Dann ließ ich die "Bremse" langsam los und drehte am Gasgriff. Das Moped fuhr!
"OK, ich fahre voraus und in 2 oder 3 Kilometern halten wir an für ne Lagebesprechung. Gucken was der Hund so macht."
Doch der Hund kannte Robert schon lange genug um Vertrauen gefasst zu haben. Anscheinend kapierte er die Sachlage vom bloßen zugucken und so ließ ich schon bald wieder einen Ortskundigen Voranfahren.
Ich glaube ich war an diesem Tag der Einzige Motorradfahrer auf polnischen Strassen der Kurven gänzlich ohne Schräglage durchfuhr. Äh...., durchtrug.
Wie war das gleich noch mal? Mit dem Arsch runterdrücken und mit dem Oberkörper hochziehen?? Verdammt, gib mir mal einer ein Fahrrad zum üben!
Immer wenn es um eine Kurve ging war Robert mit seinem Bus viel schneller als ich. Auch das Aufholen war nicht ganz so einfach. Denn Motorrad war im Grunde der falsche Name für das worauf ich saß. Ich saß auf einer Suzuki Intruder! Das ist ein großer Mofaroller in Motorradoptik. Schaut aus wie eine Schopper, hat aber nur 125qcm.
Schon bald verließ Robert die Asphaltierte Strasse und bog auf einen Sandweg ein. Was will er den jetzt schon wieder??
Ah, schwimmen gehen.

Bild: Strand am Liwiecufer

Das Wasser das sich Robert ausgesucht hatte hieß Liwiec. Es floss schnell, war nicht sehr tief, und sein Ufer bildete ein hübscher Sandstrand hinter welchem sich eine ideale Parkfläche für Wohnmobile erstreckte. Während wir schwammen begann es zu regnen. Das störte uns allerdings weniger, wir waren ja eh einmal nass.
Nach dem Schwimmen wechselten wir die Fahrzeuge. Motorrad fahren ist nix für mich, ich mag Autos lieber. Robert fuhr voran und ich folgte ihm. Wenige Minuten nach Ladenschluss erreichten wir einen Lidlmarkt. Robert war rund 40 Kilometer Umweg gefahren um ihn zu erreichen. Lidl, so wusste Robert zu berichten, hat derzeit große Boxen im Angebot die er für sein Auto braucht. Das man, um einen Lidl zu erreichen, einen Umweg von 40 Kilometern fahren muss, das erschloss- und erschließt sich mir nicht so ganz.
Gegen 23 Uhr erreichten wir jedenfalls glücklich und unfallfrei meinen Bus. Ich hätte ja gedacht dass wir uns auf dem gleichen Parkplatz des Mopeds entledigen auf dem wir schon den Käfer geparkt hatten, aber da hatte ich mich getäuscht.
Ich entzündete den Grill, Robert kramte aus seinem Wagen eine original verpackte Petroleumlampe und nach dem Essen widmeten wir uns einigen Runden Schach.

Bild: Schachspiel im Dunkeln :-)

Auch am nächsten Morgen weckte mich Robert durch die geräuschvoll Zubereitung seines Spezialfrühstücks und auch für die Zeit nach dem Frühstück hatte Robert tolle Ideen.
"Komme, wir fahren schwimmen!" Forderte er mich auf.
Schecki musste Zuhause warten und dann nahm ich auf dem Soziussitz der Intruder Platz.

Bild: Reise auf dem Soziussitz einer Susuki Inruder

Am Abend war dann wieder Grillen angesagt und anschließend Schachspielen. Am Folgetag wiederholte sich dieser Ablauf simultan.
Am Morgen des 17. Regnete es leicht. Zum schwimmen gehen war es eindeutig zu kalt. Deswegen hatte ich eine Idee zur Tagesplanung.
"Du hast doch diesen (original verpackten) Ratschengurt bei dir im Wagen. Kann ich den mal benutzen um meine Stoßstange geradezuziehen?"
Bereits kurz nach meiner Einreise nach Polen, im Januar, hatte ich beim Rückwärtsfahren einen Stein gerammt und seit dem hatte meine Stoßstange eine ganz eigenartige Form. Schon mehrfach hatte ich versucht sie mit Hilfe eines Seiles, eines Baumes und meiner Motorleistung wieder geradezubiegen. Aber jedes Mal war bei dem Versuch mein Seil gerissen. In Warschau stand ich im Baumarkt und hatte überlegt ob ich knapp 30 Euro in so einen Gurt investiere um das Problem zu lösen. Aber dann hatte ich mir gedacht dass sich ein starkes Seil sicherlich auch auftreiben lässt ohne das man Geld dafür ausgeben muss. Mit den umgerechnet 8 Euro für ein neues Lampenglas hatte ich meine Unaufmerksamkeit bereits teuer genug gesühnt. Fand ich.
Jetzt war so eine Gelegenheit die mir kostenlos ein stabiles Seil zur Verfügung stellte. Also legte ich den Gurt um meine Stoßstange und befestigte die andere Seite in der Abschleppöse des VW Busses.

Bild: Reparatur meiner Wohnmobilstoßstange

"Fahr, fahr ... ja spannt sich. Fahr!" Gab ich Anweisungen. Doch die Räder des Kleintransporters drehten auf dem unbefestigten Waldboden durch und meine Stoßstange bewegte sich nicht einen halben Zentimeter.
"Hat keinen Sinn! Zieh die Handbremse an, leg einen Gang ein, ich nehme die Ratsche!"
Doch auch das Ratschen führte nicht zum gewünschten Erfolg. Ich setzte mich auf das Seil, Robert stellte sich hinter mich und stützte mich an den Schultern ab. Dann versuchte ich den Ratschenhebel mit meinem Fuß zu bedienen. Erfolglos, ich war nicht stark genug!
Das Seil war zum zerreißen gespannt und ich übte mich, beim Überlegen wie sich das Problem am besten lösen lässt, ein wenig im Seiltanz. Slacklinen heißt Seiltanz auf Neudeutsch. Nur für den Fall das mal einer von euch einen Blogaward gewinnt und beim anschließenden "vershoppen" beim Outdoor Ausrüster über Slacklines stolpert und sich fragt warum diese Spanngurte da drei mal so teuer sind wie im Baumarkt und was zum Henker man damit macht. Das ist zum Seiltanzen.


Morgen geht es weiter. VIP Leser sind allerdings schon heute informiert.

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Bild: Danke
Bei dem Fahrzeugbewohner und dem Betreiber des amumot LED Shops Andre für 2 hervorragende LED Leuchtmittel. Danke, sie erhellen meine Nacht.



Kleine Häuser auf Rädern, auf dem Wasser und in Bäumen.



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