...im Kampinoski Park Narodowy. Der atomare Führerbunker!

Als ich in Warschau meinen Motor startete, welcher schon wieder erst nach Zuhilfenahme eines Schraubenschlüssels anspringen wollte, hieß mein Ziel: Kampinoski Park Narodowy.
Der Kampinoski Park Narodowy ist ein großes Waldgebiet rund 20 Kilometer nördlich von Warschau. Mitten in diesem Wald befindet sich der "Atomowa Kwatera Dowodzenia," eine alte Atombunkeranlage die 3 Stockwerke tief ins innere der Erde hinabführt und in den 60er Jahren erbaut wurde um der polnischen Führungselite einen sicheren Rückzugsort vor radioaktivem Fall Out zu bieten. Von dort sollten sie die Machtstrukturen ihres zerstörten Landes weiter aufrechterhalten und die Geschicke des polnischen Volkes befehligen.
Irgendwann, so entnehme ich es der polnischsprachigen Wikipedia, die ich mir von meinem Computer ins englische Übersetzen lasse, sehen die Amerikaner die Bunkeranlage auf einem Satellitenbild und schicken James Bond vorbei um nachzuschauen was da los ist. James Bond stellt fest dass sich hier eine Atombunkeranlage im Bau befindet und erzählt das seinen Auftraggebern. Aber auch die Polen bekommen mit das die Lage ihres streng geheimen Bunkers nun den Feinden bekannt ist und stellen den Bau einfach ein.
Anfangs wurde die verlassene Baustelle noch militärisch bewacht. Doch seit vielen Jahren ist die Bunkeranlage für die Öffentlichkeit zugänglich. Freunde aus Warschau zeigten mir Bilder des Bunkers welche sie über die google Bildersuche mit dem Stichwort: "Atomowa Kwatera Dowodzenia" aufriefen.
Als ich diese Bilder sah war mir sofort klar dass ich diese Bunkeranlage besuchen werde. Ich war schon in den Atombunkern unter dem bulgarischen Varna, in den Katakomben unter Odessa, den faszinierenden Tropfsteinhöhlen beim rumänischen Sighistel, der Uranmine, die heute als Atommüllendlager dient gleich nebenan …. und hier, hier war ein neues Loch dessen Inneres nicht von Neonlicht erhellt wird, an dessen Eingang kein Museumsmitarbeiter steht und Eintritt kassiert. Ein Loch in das man hinabsteigen kann um eine unbekannte Welt zu entdecken.
Ein innerer Zwang trieb mich in diese Richtung.
Doch bereits nach 2 Kilometern stoppte ich an einer Tankstalle. Ich hatte es so abgepasst Warschau mit einem leeren Tank zu erreichen. Ich dachte mir dass aus einem leeren Tank kein Diesel gestohlen werden kann und jetzt wollte ich fahren und brauchte somit neuen Lebenssaft für meinen Motor. Für 300 Zloti tankte ich knapp 55 Liter Diesel. 200 Liter Wasser gab es gratis dazu. Bei meinem anschließenden Großeinkauf wechselten abermals knapp 200 Zloti den Besitzer. Aber dann, dann ging es zügig meinem Ziel entgegen.
Bei Bemowo, einem Stadtteil von Warschau, verließ ich die S8. Mein Weg führte mich durch den Park Lesny Bemowo, einem, beim durchfahren recht groß wirkendem Waldgebiet von dem ich anfänglich glaubte es sei bereits mein Ziel. Als ich das Ortsschild Lomianki erreichte parkte ich mein Vehikel am Fahrbahnrand und machte mich zu Fuß auf den kurzen Rückweg um die in den Park abgehenden Sandwege auf Befahrbarkeit zu überprüfen. Am frühen Nachmittag hatte ich dann meinen neuen Wohnort gefunden.

Bild: Wohnmobilstellplatz in der Nähe der Atombunker im Kampinoski Park Narodowy

Einen See oder Fluss, der mir Wasser für ein oder zwei Waschtage spenden würde gab es hier zwar nicht, aber die große Pfütze, hinter welcher mein Fahrzeug blau hervorlugt, würde diesen Zweck sicher ebenso gut erfüllen.
Augenblicklich schöpfte ich einen Eimer von diesem Wasser und stellte ihn zur Erwärmung auf meinen Herd.
Glücklicherweise schöpfte ich gleich einige weitere Kanister voll, so dass ich über ausreichend klares Spülwasser für die ersten Waschgänge verfügte. Denn nur wenige Augenblicke nachdem ich diese Arbeiten erledigt hatte erfüllte Motorenlärm die Stille des Ortes.
Zwei wohlhabende Polen waren mit ihren Spielzeugen angereist und wühlten soviel Schlamm im Wasser auf das man es noch am nächsten Morgen nicht wieder zum Waschen benutzen konnte.

Bild: Quadstrecke in der Nähe der Atombunker im Kampinoski Park Narodowy

Deshalb ging ich zunächst einmal ein Stück spazieren.
Ein riesiger Nadelwald auf sandigem Boden. In Wassernähe drängen sich vereinzelte Birken zwischen den Baumbestand.

Bild: Der Kampinoski Park Narodowy

Genau der Richtige Ort den man nach einem Großstadtaufenthalt braucht!
Als ich zurückkehrte schrieb ich zunächst einmal eine E Mail an das Filmteam das mich in Ungarn besuchte um die Fortsetzung von Into the wild zu drehen. Die Zwei wollten mich auch in einer Großstadt filmen und schon damals hatten wir ausgemacht dass wir uns in Warschau wieder sehen würden. Im Grunde hätte ich denen schon viel früher schreiben sollen, aber irgendwie hatte ich voll keinen Bock darauf dass so ein Kamerateam in Warschau hinter mir her rennt. Im Wald, irgendwo im Bückgebirge Ungarns, da mag das ja ganz lustig sein, aber in den Menschenmengen einer Großstadt von so einem Team verfolgt zu werden … ne, im Grunde wollte ich nicht. Deswegen habe ich mir wie gewohnt die Stadt erst einmal ohne diesen Anhang angeschaut. Jetzt wollte ich auf die Jungs warten während ich viele viele Stunden vor meinem PC verbringe und einige Reparaturarbeiten durchführe.
Daraus ist nur leider nichts geworden.
Aber vorgenommen hatte ich es mir. Deswegen begann ich am nächsten Morgen ganz enthusiastisch damit meine Treppe auszuklappen. Nicht nur um bequem in mein Fahrzeug ein und aussteigen zu können, nein ich wollte sie reparieren. Auf meiner Parkfläche kurz vor Lodz, da hat sich die Treppe beim Hereinschieben verkantet. Beim Zurückziehen hab ich sie dann aus der Führung gerissen und sie ist hinuntergefallen. Dabei ist sie auf der Blende hängen geblieben die man, bei eingeklappter Treppe, vor den Schlitz klappt in den man die Treppe beim Fahren hinein schiebt. Dabei war eine Halterung dieser Blende abgebrochen und ich hatte ganz abenteuerliche Konstruktionen aus Wickeldraht und Kordel gebastelt um fahren zu können. Jetzt wollte ich diese Halterung aus einem Stück Winkeleisen und 2 Schrauben neu bauen.
Als ich die Treppe aus ihrer Führung herauszog staunte ich nicht schlecht.

Bild: Vogelnest auf Wohnmobiltreppe

Mein Wagen stand wohl einige Zeit unbewegt auf seiner Parkfläche in Warschau. Armer Vogel, ich fahre einfach mit seinen Babys weg.
Ich war gerade am überlegen ob ich die Treppenreparatur um eine halbe Stunde verschiebe, und die vielen Eier erst einmal zur Zubereitung von frischen Eierpfannkuchen verwende, als mein Hund laut bellend in den Wald lief.
Der Typ der da durch den Wald schlich und von meinem Hund angebellt wurde hieß Robert. Robert sprach ein wenig Deutsch und war, so hatte ich es verstanden, gerade auf dem Weg von A nach B um ein neues Auto zu kaufen. Aus irgendeinem Grund hatte er sich genau diese Gegend ausgesucht um eine kleine Pause einzulegen und sich die Füße zu vertreten. Eine Tasse Kaffe fand er jedenfalls eine gute Idee.
Wie wir da so standen, mit gebrochenem Deutsch und gezuckertem Kaffee, meinte Robert er kenne einen viel schöneren Platz an dem ich parken könne als jenen den ich mir ausgesucht hatte und er müsse mir den jetzt unbedingt zeigen. Da war jeder Widerspruch zwecklos.
Zugegeben, ich legte meinen Widerspruch auch nur recht halbherzig und aus Höflichkeit ein. Es ist ja im Grunde eine ganz tolle Idee sich von einem Einheimischen die Gegend zeigen zu lassen.
Rund 90 Minuten nachdem wir uns kennen gelernt hatten saß ich auf dem Beifahrersitz von Roberts VW Bus. Abermals 20 Minuten später stoppten wir an dieser Stelle:

Bild: Wohnmobilstellplatz Wislaaue

Eine große grüne Wiese liegt hinter dem Schilfgürtel der den See umgibt. Auf der anderen Seite wurde die Wiese von dem Wislardeich eingeschlossen, über dessen Krone ein schmaler Fahrweg zu diesem Ort führt. Es gab 2 kleine Strände die einen schilffreien Zugang zum Wasser ermöglichten.
Ein wirklich schöner Ort!
Vielleicht würde ich umziehen nachdem ich meinen Warschaubericht geschrieben hatte.
Robert fuhr mich zurück zu meinem Wagen und nach einer weiteren Tasse Kaffe sagten wir Lebwohl.
Ich schaltete den Computer ein und begann zu schreiben. Rund 2 Stunden lang. Dann bellte mein Hund schon wieder. Robert kam durch das Gebüsch geschlichen. Er war ganz aufgeregt. "Komme, gucken! Habe ich neue Auto. Oldtimer. Ganze schön. Gucken, gucken!"
Ich verriegelte den Wagen und folgte Robert zu seiner neuen Errungenschaft, die so wenig Bodenfreiheit besitzt das sie nicht bis zu meinem Wohnort fahren kann.
Stolz zeigte mir mein neuer Freund seinen Wagen. Dann drückte er mir den Zündschlüssel in die Hand. "Mache Probefahrt!"
"Äh, würd´ ich ja gern machen. Aber wenn ich jetzt mit dem Auto wegfahre, dann tickt mir der Hund aus und den mitzunehmen ist vielleicht gerade keine so gute Idee."
Ich deutete auf Drecki der kurz zuvor ein kleines Bad in der großen Waschwasserpfütze genommen, und sich anschließend im Sand gewälzt hatte.
"Ah, habe ich alte Decke für Rückbank. Komme, fahren wir schwimmen. Ist heiß!"
10 Minuten später steuerte ich einen tiefergelegten VW Käfer, Baujahr 1936, dem Badesee entgegen.
Wenn ich Robert richtig verstanden habe, dann wird bei diesem Fahrzeug der Luftdruck aus dem Reserverad für die Scheibenwaschanlage verwendet.
Das ist es das Schmuckstück:

Bild: Oldtimer - VW Käfer

Wie kann man ein Auto nur so tief legen? Und wie kann man in einen Wagen ohne Servolenkung ein winzig kleines Sportlenkrad einbauen?? Der lenkt sich ja fast so schwergängig wie mein LKW. Der klappert auch genauso viel wie mein Truck. Er ist nur um einiges schneller in der Beschleunigung.
"Kannst du mir helfe? Kann ich nicht fahren 2 Auto. Ist nicht weit, können wir hohlen meine Bus und du fährst mir hinterher?" Fragte mich Robert nach dem Schwimmen.
Aber klar, ich bin ja ein hilfsbereiter Zeitgenosse.
Ich habe keine Ahnung wo wir hingefahren sind, Robert saß am Steuer und auf dem Rückweg bin ich ihm einfach nur mit seinem VW Bus hinterher. Ich weiß nur dass wir gegen 7 Uhr vor einem Supermarkt stoppten. Einkaufen zum grillen hieß der Plan. Den Käfer hatten wir auf einem Parkplatz vor einer Hochhausanlage abgestellt und von dort waren wir mit dem Bus weitergefahren.
Robert kaufte ein. Unmengen! Ich habe geglaubt der wolle noch ne halbe Fußballmannschaft einladen. Aber nein, wir sollten das alles alleine essen - und vor allen Dingen trinken.
Kurz vor Einbruch der Dämmerung brannte ein Feuer vor meinem Wagen.

Bild: Feuer vor meinem Wohnmobil am Wohnmobilstellplatz Kampinoski Park Narodowy

"Brauche ich nix mehr fahren, kann ich schlafe in Bus." Meinte Robert und ließ mit einem lauten Pflop den Kronkorken einer Bierflasche knallen.
"Nastrovije"
"Prost"
Es wurde spät in dieser Nacht.
Bereits um halb neun in der Früh hörte ich Robert neben meinem Wagen rumoren. Gegen 11 stand ich auf.
"Habe ich Frühstück gemacht." Verkündete Robert und hielt mir eine Schüssel Quark? Joghurt? Dickmilch? (oder so etwas ähnliches) mit Gurken, Radieschen, Zwiebeln und Schnittlauch, sowie eine Stange Baguettebrot unter die Nase.
"Warte ich nur auf dich und deine Kaffee!"
Wir frühstückten bis etwa 2. Während unsres Frühstücks erzählte mir Robert das er neben dem T4 Bus und dem Käfer auch noch ein Motorrad besitze. Dieses Motorrad sei noch in Praga und es sollte hier her kommen.
"Hast du Lust zu fahre Bus oder Motorrad?"
Ich hatte Lust!
Kurze Zeit später steuerte Robert sein Fahrzeug auf die Autobahn.

Bild: Überdachte polnische Autobahn

Richtig, polnische Autobahnen scheinen überdacht zu sein. Das schützt den Autofahrer vor solchen heimtückischen Wettererscheinungen wie etwa Regen oder Glatteis.
Ich wollte das nur mal zeigen weil viele Deutsche ja so über die polnischen Fahrbahnverhältnisse schimpfen. Eine überdachte Autobahn habe ich in Deutschland noch nie gesehen.
Robert fuhr und fuhr. Das Ortsausgangsschild Warschau hatten wir schon lange hinter uns gelassen.
"Sag mal, wo fährst du mit mir hin?"
"Sind wir gleich da. Nicht mehr weit!"
20 Minuten später
"Wo willst du hin?"
"Nächste oder übernächste Abfahrt."
Die Übernächste Abfahrt war das Kreuz Wyszko. Hier treffen sich die S8 und die B62. Robert fuhr Richtung Osten und bog schon bald links ab in einen dichten Wald. Irgendwann umsteuerte er gekonnt 2 massive Betonpoller, die so ausschauten als seien sie dafür gemacht das keine Autos an ihnen vorbeifahren, und dann stoppte er unmittelbar vor dem Sanktuarium matki bozej loretanskiej.

Bild: Das Sanktuarium matki bozej loretanskiej

Mich erinnerte die Gegend stark an die heilige Pilgerstätte, das Kloster der Paulinermönche Jasna Gora in Czestochowa, das ich bereits alleine besucht hatte.
Robert ging zielstrebig auf das Geschäft für heilige Andenken zu, wechselte mit der dort arbeitenden Frau einige Worte die darauf schließen ließen das die Beiden sich schon länger kennen, dann kaufte er 2 CDs und dann, dann stieg er wieder in sein Auto ein.
"Scheiße, habe ich nicht bemerkt, vergessen." Sagte Robert während er mir die kleine Kette mit dem Totenkopf um seinen Hals entgegen hielt.
Wir fuhren weiter. Robert legte eine der so eben erworbenen CDs in sein Radio ein.
"Ist scheiße!" Sagte er nachdem die CD ca. 30 Sekunden gespielt hatte. Er entnahm sie dem Player, schleuderte sie achtlos auf sein Armaturenbrett - wo von Modelautos über Wackeldackel bis hin zu CDs, Lufterfrischern und leeren Getränkedosen so alles mögliche herumlag was schon deshalb niemals auf meinem Armaturenbrett herumliegen könnte, weil ich solche Dinge erst gar nicht kaufe.
Mit der zweiten CD verfuhr er ähnlich.
Irgendwann erreichten wir Lochow. Robert steuerte auf eine Tankstelle. Dann wurde ich zum Essen eingeladen. Tankstellenfraß!
Nach unsrem Mal bestiegen wir wieder den Wagen.
"Sag mal Robert, wo willst du noch hin. Der Tag wird nicht jünger."
"Diese ist Motorrad" Robert deutete auf eine Suzuki die unter dem Tankstellendach geparkt war "muss ich nur eben noch zu meine Schwager was abholen."
"Eben noch" dauerte etwa eine weitere Stunde. 2 Mal 15 Minuten hinter dem Steuer und rund 30 Minuten Aufenthaltszeit beim Schwager. Robert stellte mich als seinen deutschen Freund vor. Ich hab nicht viel verstanden von dem was die Leute da auf polnisch erzählten, aber ich hätte mal behauptet dass das was Robert über mich erzählte nur zu sehr kleinen Teilen der Wahrheit entsprach. Der Rest war irgendwie dazugedichtet. Wie gesagt, ich habe das nicht verstanden. Nur den Tonfall, und der hörte sich anders an als: "Dat issen Tourist mit dem ich mich angefreundet habe."
Abgeholt hat Robert einen geschnitzten Teufel. Ein etwa 30 cm hohes "Kunstwerk".
"Schön?" fragte er mich und deutete auf das Preisschild mit der Beschriftung 50.
"Sehr schön!" Erwiderte ich ironisch.
Dann wanderte der Teufel auf die Ladefläche des Transporters. Die Ladefläche! Zum ersten Mal warf ich einen Blick auf das, was Robert mit seinem Auto transportierte.
In den nächsten Tagen sollte ich die Möglichkeit haben die Dinge die sich da rund 60cm hoch im Heck des Wagens stapeln genauer zu begutachten.
Zunächst einmal vielen einem Berge von Bekleidung auf. Die saubere in Plastiktüten verpackt, die getragene einfach so, irgendwo in dem Wust. Dazwischen Kartons. Mindestens 3 Dutzend ungeöffneter Kartons. Krempel den Lidl, Aldi und Co auf ihren Aktionsflächen verkaufen. Von der Küchenmaschine mit Handkurbel auf der man Möhren klein raspeln kann über eine Küchenwaage und einem zusammenfaltbaren Schneidbrettchen, einem Grill, einem Liegestuhl, einem Campingkocher, einem Besteckset, einem halben Dutzend Kunstdrucke ... bis hin zu einem faltbaren Gästebett lagen auf der Ladefläche nur Dinge die man nicht brauchen kann. Und sie waren allesamt original verpackt!
Der Absolute Hit waren große Gläser. In ihnen befand sich etwas dass ich als in Alkohol eingelegte Preiselbeeren identifizieren würde. Der Hit an dem Hit war das diese Gläser nicht verschlossen waren. Auf starken Holperstrecken spritzte die rot-blaue Soße lustig aus den Gläsern heraus und saute alles ein was sie erreichen konnte. Jetzt lag neben dem ganzen Plunder auch noch ein geschnitzter Holzteufel auf der Ladefläche des VW.
Gegen 5 Uhr waren wir wieder an der Tankstelle und Robert kramte einen Motorradhelm und einen Lederkombi von der Ladefläche hervor.
"Hast du Motorradführerschein?" fragte mich Robert.
"Ja, aber bestimmt seit 10 Jahren auf keiner Maschine mehr gesessen.
"Kannst du Motorrad fahren? Habe ich keine Führerschein."
"Wie du hast ein Motorrad aber keinen Führerschein??"
"Muss ich noch machen. Aber Motorrad war billig, hab ich schon mal gekauft."
"Wenn mein Hund kein Theater macht wenn du mit dem Wagen fährst ohne das ich da drinne bin, dann kann ich mal gucken ob ich noch Mopedfahrern kann."
Roberts Motorradklamotten passten mir bis auf den Helm nicht. Dennoch setzte ich mich auf die Maschine und startete. Die linke Bremse ist die Kupplung, Richtig? Ich zog sie und trat den Schalthebel hinab. Es klackte. Dann ließ ich die "Bremse" langsam los und drehte am Gasgriff. Das Moped fuhr!
"OK, ich fahre voraus und in 2 oder 3 Kilometern halten wir an für ne Lagebesprechung. Gucken was der Hund so macht."
Doch der Hund kannte Robert schon lange genug um Vertrauen gefasst zu haben. Anscheinend kapierte er die Sachlage vom bloßen zugucken und so ließ ich schon bald wieder einen Ortskundigen Voranfahren.
Ich glaube ich war an diesem Tag der Einzige Motorradfahrer auf polnischen Strassen der Kurven gänzlich ohne Schräglage durchfuhr. Äh...., durchtrug.
Wie war das gleich noch mal? Mit dem Arsch runterdrücken und mit dem Oberkörper hochziehen?? Verdammt, gib mir mal einer ein Fahrrad zum üben!
Immer wenn es um eine Kurve ging war Robert mit seinem Bus viel schneller als ich. Auch das Aufholen war nicht ganz so einfach. Denn Motorrad war im Grunde der falsche Name für das worauf ich saß. Ich saß auf einer Suzuki Intruder! Das ist ein großer Mofaroller in Motorradoptik. Schaut aus wie eine Schopper, hat aber nur 125qcm.
Schon bald verließ Robert die Asphaltierte Strasse und bog auf einen Sandweg ein. Was will er den jetzt schon wieder??
Ah, schwimmen gehen.

Bild: Strand am Liwiecufer

Das Wasser das sich Robert ausgesucht hatte hieß Liwiec. Es floss schnell, war nicht sehr tief, und sein Ufer bildete ein hübscher Sandstrand hinter welchem sich eine ideale Parkfläche für Wohnmobile erstreckte. Während wir schwammen begann es zu regnen. Das störte uns allerdings weniger, wir waren ja eh einmal nass.
Nach dem Schwimmen wechselten wir die Fahrzeuge. Motorrad fahren ist nix für mich, ich mag Autos lieber. Robert fuhr voran und ich folgte ihm. Wenige Minuten nach Ladenschluss erreichten wir einen Lidlmarkt. Robert war rund 40 Kilometer Umweg gefahren um ihn zu erreichen. Lidl, so wusste Robert zu berichten, hat derzeit große Boxen im Angebot die er für sein Auto braucht. Das man, um einen Lidl zu erreichen, einen Umweg von 40 Kilometern fahren muss, das erschloss- und erschließt sich mir nicht so ganz.
Gegen 23 Uhr erreichten wir jedenfalls glücklich und unfallfrei meinen Bus. Ich hätte ja gedacht dass wir uns auf dem gleichen Parkplatz des Mopeds entledigen auf dem wir schon den Käfer geparkt hatten, aber da hatte ich mich getäuscht.
Ich entzündete den Grill, Robert kramte aus seinem Wagen eine original verpackte Petroleumlampe und nach dem Essen widmeten wir uns einigen Runden Schach.

Bild: Schachspiel im Dunkeln :-)

Auch am nächsten Morgen weckte mich Robert durch die geräuschvoll Zubereitung seines Spezialfrühstücks und auch für die Zeit nach dem Frühstück hatte Robert tolle Ideen.
"Komme, wir fahren schwimmen!" Forderte er mich auf.
Schecki musste Zuhause warten und dann nahm ich auf dem Soziussitz der Intruder Platz.

Bild: Reise auf dem Soziussitz einer Susuki Inruder

Am Abend war dann wieder Grillen angesagt und anschließend Schachspielen. Am Folgetag wiederholte sich dieser Ablauf simultan.
Am Morgen des 17. Regnete es leicht. Zum schwimmen gehen war es eindeutig zu kalt. Deswegen hatte ich eine Idee zur Tagesplanung.
"Du hast doch diesen (original verpackten) Ratschengurt bei dir im Wagen. Kann ich den mal benutzen um meine Stoßstange geradezuziehen?"
Bereits kurz nach meiner Einreise nach Polen, im Januar, hatte ich beim Rückwärtsfahren einen Stein gerammt und seit dem hatte meine Stoßstange eine ganz eigenartige Form. Schon mehrfach hatte ich versucht sie mit Hilfe eines Seiles, eines Baumes und meiner Motorleistung wieder geradezubiegen. Aber jedes Mal war bei dem Versuch mein Seil gerissen. In Warschau stand ich im Baumarkt und hatte überlegt ob ich knapp 30 Euro in so einen Gurt investiere um das Problem zu lösen. Aber dann hatte ich mir gedacht dass sich ein starkes Seil sicherlich auch auftreiben lässt ohne das man Geld dafür ausgeben muss. Mit den umgerechnet 8 Euro für ein neues Lampenglas hatte ich meine Unaufmerksamkeit bereits teuer genug gesühnt. Fand ich.
Jetzt war so eine Gelegenheit die mir kostenlos ein stabiles Seil zur Verfügung stellte. Also legte ich den Gurt um meine Stoßstange und befestigte die andere Seite in der Abschleppöse des VW Busses.

Bild: Reparatur meiner Wohnmobilstoßstange

"Fahr, fahr ... ja spannt sich. Fahr!" Gab ich Anweisungen. Doch die Räder des Kleintransporters drehten auf dem unbefestigten Waldboden durch und meine Stoßstange bewegte sich nicht einen halben Zentimeter.
"Hat keinen Sinn! Zieh die Handbremse an, leg einen Gang ein, ich nehme die Ratsche!"
Doch auch das Ratschen führte nicht zum gewünschten Erfolg. Ich setzte mich auf das Seil, Robert stellte sich hinter mich und stützte mich an den Schultern ab. Dann versuchte ich den Ratschenhebel mit meinem Fuß zu bedienen. Erfolglos, ich war nicht stark genug!
Das Seil war zum zerreißen gespannt und ich übte mich, beim Überlegen wie sich das Problem am besten lösen lässt, ein wenig im Seiltanz. Slacklinen heißt Seiltanz auf Neudeutsch. Nur für den Fall das mal einer von euch einen Blogaward gewinnt und beim anschließenden "vershoppen" beim Outdoor Ausrüster über Slacklines stolpert und sich fragt warum diese Spanngurte da drei mal so teuer sind wie im Baumarkt und was zum Henker man damit macht. Das ist zum Seiltanzen.
Oder wahlweise um seine Stoßstange gerade zu biegen. Stoßstange gerade biegen! Ich überlegte lange wie sich das Problem lösen lässt. Der Bullie zieht es nicht. Ratschen geht auch nicht und wenn ich mit meinem Truck vorfahre, dann schleife ich wahrscheinlich den ganzen Bulli hinter mir her aber die Stoßstange bleibt immer noch verbogen.
Warm machen wäre gut. Warm machen, das sagen die in den Metallverarbeitenden Berufen so einfach. In Wirklichkeit meinen die aber "erhitzen bis es rot leuchtet". Zum erhitzen bis es rot leuchtet hab ich gerade nix da.
Irgendwann kam ich auf eine realisierbare Lösung.
Von vorne ziehen, und von hinten mit dem Wagenheber drücken!

Bild: Reparatur meiner Wohnmobilstoßstange - ausbeulen

Erstaunlich wie stabil ich damals bei Peter die Unterflurkoffer gebaut habe. Immerhin bekam ich so die Stoßstange wieder in Form gebogen. Hat ja nur ein halbes Jahr gedauert. Wenn mir meine Seitenscheibe eingeschlagen wird, dann bin ich schneller beim Reparieren.
Kaum war das Werkzeug wieder weggepackt fuhren wir mit Roberts Bus etwas zu grillen einkaufen. Wir fuhren nach Bridronka. Bridronka hatte gerade ein Tablet PC im Angebot. Ich lass die technischen Daten.
"Ist gut?" Fragte Robert.
"Kannste keine SIM Karte reinstecken. Brauchste immer WiFi wenn du online willst."
"Ähm kaufe ich."
"Du kannst damit nicht ins Internet! Das ist kein Telefon." Sagte ich noch einmal.
"Probieren, ist nicht teuer!"
Das Gerät kostet 300 Zloti und lag bis zu meiner Abreise original verpackt auf der Ladefläche von Roberts Wagen.
Das Bier das wir kauften tranken wir hingegen noch in der gleichen Nacht.
Am nächsten Tag war es wieder wärmer, so dass man schwimmen fahren konnte. Zur Abwechslung fuhren wir mal an eine andere Stelle.

Bild: Badesee in der Nähe der Atombunker

Hier gab es eine Wasserskianlage. 40 Zloti, rund 10 Euro, kostet es sich eine Stunde lange von der " Liftanlage" im Kreis ziehen zu lassen. Der Mietpreis für die Ausrüstung ist in diesem Betrag schon enthalten.

Bild: Wasserskianlage

Am 19. regnete es wieder so dass sich in meiner Waschwasserpfütze, die heute nicht von Quads, sondern von einem Geländewagen aufgewühlt wurde, ein schöner Regenbogen spiegelte.

Bild: Der Kampinoski Park Narodowy, das Umland der Atombunker

Bei dem Regen mussten wir natürlich im Fahrzeuginneren frühstücken.
"Du, Robert. Ich bin eigentlich hier her gefahren um an meinem Computer zu arbeiten. ..."
"Ah, keine Problem." unterbrach mich Robert. "Gehe ich in Wald Pilze sammeln."
Und schwups war er verschwunden. Etwa 3 Stunden lang. Dann stand er mit einer Tüte Pilzen wieder vor meinem Wagen.
"Hast du Messer und kleine Holz zum schneiden von die Pilze?"
Ich gab Robert das gewünschte.
"Brauche ich heiße Wasser für die Tomaten." Ich setzte einen Topf Wasser auf damit Robert seine Tomaten häuten kann. 5 Minuten später kochte das Wasser und ich reichte den Topf heraus. Abermals 5 Minuten später:
"Hast du kleines Schüssel für das Tomaten?"
Ich schaltete den Computer aus und half Robert beim Kochen. Immerhin hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen.
Während des Essens, oder spät in der Nacht bei einer Partie Schach, so genau weiß ich das nicht mehr, erfuhr ich dann das Roberts Urlaub am Sonntag endet.
Bis Sonntag komme ich jetzt auch noch ohne meinen Computer aus. Auf die 2 Tage mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an.
Doch am Montag war Robert immer noch da. Auch am Dienstag parkte sein Fuhrpark noch neben meinem Vehikel. Laut eigener Aussage ist Robert stolzer Besitzer einer eigenen Firma. Ich möchte das hier allerdings einmal in Frage stellen, denn Robert scheint nicht so genau zu wissen was seine Firma produziert oder verkauft. Jedenfalls dachte Robert nicht im Traum daran zur Arbeit zu gehen und so wiederholte sich unser Tagesablauf stetig.
Aufstehen, Frühstücken, Rumsitzen, Schwimmen fahren, Grillen, Schach spielen...
The same procedure as every day!
Ich hatte vorgeschlagen anstatt schwimmen zu fahren einmal die alte Atombunkeranlage zu besichtigen. Doch Robert hatte für meinen Vorschlag nicht viel übrig.
"Ist verboten!" Meinte er kurz und knapp.
Abwechslung kam in unser Leben erst am 22. Am späten Abend des 22. sollte ich nämlich gegen meinen Willen in die Notaufnahme des Warschauer Krankenhauses eingeliefert werden.

Das war so:
Bereits kurz nachdem ich Roberts Mottorad gefahren war verschlechterte sich mein Gesundheitszustand. Meine Erkältung, die ich mir in Warschau zugezogen hatte, war zurückgekehrt. Bei mir schlägt so etwas ja immer auf die Lunge und so verwunderte es mich nicht weiter dass ich einen erhöhten Bedarf an meinem Inhalationsspray hatte. Bereits in Warschau hatte ich viel davon benötigt und bemerkt dass es sich dem Ende neigt. Deswegen war ich ganz enthusiastisch zu einer Apotheke gelaufen und wollte dort ein neues Erwerben. Noch in Zagropane schrieb ich ganz freudig das man das Zeug hier wieder rezeptfrei erwerben kann. Aber in Warschau wollten plötzlich alle Apotheker/innen ein Rezept von mir haben. Als nicht Krankenversicherter habe ich natürlich kein Rezept. Deshalb versuchte ich so ein Arzneimittel auf dem Schwarzmarkt zu erwerben. Alle möglichen und unmöglichen Leute mit denen ich in Kontakt kam, und die vertrauenswürdig aussahen, fragte ich ob sie eventuell an der gleichen Krankheit leiden wie ich und ob sie mir so eine Medizin übereignen können. Leider hatte ich Pech!
Am 22. war es dann so weit. Das Teil war alle!
Normalerweise ist das gar nicht so schlimm. Das Leben ist zwar schöner mit dem Zeug, aber man kann auch ohne leben - wenn man hart im nehmen ist. Das habe ich in den vergangenen 7,5 Jahren schon des Öfteren bewiesen. Aber diesmal wurde meine Atemnot von Stunde zu Stunde unerträglicher. Normal rasselt ein wenig der Atem und man kann nicht ganz so schnell bergan gehen, aber diesmal endete die ganze Kacke in regelrechten Erstickungsanfällen. Ich bekam keine Luft mehr. Wenn ich saß, dann konnte ich das ganz gut verbergen. Nur jedweige körperliche Anstrengung, wie etwa aufstehen, hieß es zu vermeiden wenn ich nicht wollte dass Robert von der Sache Wind bekommt. Und das wollte ich nicht!
Deswegen hatte ich eine tolle Idee. Ich erwärmte die Spraydose des Inhalierers auf meinem Gasherd. Dadurch erhöhte sich der Druck im Inneren und siehe da: Mann konnte noch einmal inhalieren. Mann konnte sogar noch 2 Mal inhalieren, auch 3 Mal. Aber dann war endgültig Schluss!
Gegen 10 Uhr am Abend war es dann so weit. Ich wollte nur aufstehen um pinkeln zu gehen, aber aufstehen ging nicht mehr.
Der Versuch mein Gesäß aus dem Campingstuhl zu erheben endete in einem Hustenanfall. Ich schaffte es noch bis an die Wand meines Wagens an der ich mich abstützte und röchelte.
"Was ist los?" fragte Robert. Doch ich hatte keine Luft mehr um ihm Antworten zu können.
"Alle. Asthma" Antwortetet ich als ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte und zeigte Robert das leere Inhaliergerät. "Kannst du mich zur Apotheke fahren?"
"Brauchst du nicht Rezepte?"
"Doch, normal schon. Aber so wie ich rumhuste bekomme ich das auch ohne."
"Wir fahren Krankenhaus, soll Arzt gucken was mit dir los ist."
"Robert, mach keinen Scheiß. Ich brauch nur so einen Inhalierer. Ich bin nicht Krankenversichert. Weißt du was das kostet?"
"Bezahle ich, ist sich Geschenk!" Robert schubste mich auf den Beifahrersitz seines VW. Viel Widerstand konnte ich nicht mehr leisten. Immerhin gelang es mir Robert meinen Schlüssel in die Hand zu drücken und ihm zu erklären wie man meine Karre abschließt. Stühle, Tisch, Grill ... all das blieb einfach vor dem Fahrzeug stehen.
20 Minuten später erreichten wir das Krankenhaus. Zügigen Schrittes ging Robert voran. Leider konnte ich ihm nicht folgen.
"Komme, soll Arzt gucke. Ich bezahle, keine Problem. Verdiene ich gut."
"Ich bekomme keine Luft, ich kann nur ganz langsam." Dann erreichten wir die Notaufnahme. Robert tat so als ginge die Welt unter. Leider kann ich seinen Redeschwall polnischer Worte nicht wiedergeben. Aber er war gewaltig.
Dann sprach ich mit der Dame von der Rezeption; und zwar auf Englisch. Robert konnte mir somit nicht mehr folgen.
"Vor 3 Tagen waren wir schwimmen. Ich habe meinen Inhalierer hinter der Windschutzscheibe von dem Wagen meines Freundes liegen lassen. Als wir zurück kamen war der Behälter geplatzt."
Ich zeigte den aufgeplatzten Druckbehälter des Inhalierers. In Wahrheit war er geplatzt als ich ihn mit der Gasflamme meines Herdes erwärmte.
"Ich dachte ich käme ohne das Teil klar, aber da habe ich mich wohl geirrt. Es ist immer schlimmer geworden. Ich brauche ein Rezept für so einen Inhalierer."
Erklärte ich der Frau am Empfang der Notaufnahme. Diese nickte verständnisvoll und fragte nach der "blauen Karte".
"I don´t have. I pay private. How much?" Die Frau schaute recht verdattert und beriet sich mit ihrer Kollegin. Unzählige polnische Worte wurden gewechselt. Dann sagte sie:
"50 Zloti"

Ich war schneller als Robert so das ich selber bezahlen konnte. 50 Zloti, das ist ja bezahlbar.
Ich dachte jetzt bringt mir irgendjemand ein Rezept und das wars dann, aber da hatte ich mich getäuscht. Minuten später saß ich einem jungen Arzt gegenüber.
Während ich ihm das gleiche Lügenmärchen erzählte das ich schon der Dame am Empfang erzählt hatte lauschte er mit einem Stethoskop an mir herum und unterbrach meine Ausführungen immer wieder mit kurzen Zwischenfragen.
"3 days?"
"tak"
"You get no other Medicin from your Doc in germany?"
"No, just Salbutamol. I know my body, I have this siknes since I was 6 jears old."
"Just Salbutamol?"
"Jes!"
"Hm"
Irgendwie schien mir der Arzt meine Geschichte nicht wirklich zu glauben. Dabei war sie fast war. Als ich vor über 10 Jahren, also bevor ich meine Krankenversicherung verlor, das letzte Mal beim Arzt war, hat der mir wirklich nur ein Salbutamolspray verschrieben.
"I can´t let you go like this!" Der Arzt schob mich in einen weiteren Behandlungsraum und Minuten später hatte ich eine Inhalationsmaske im Gesicht.

Bild: Ich als Patient in einem poölnischen Krankenhaus

So etwas hatte ich als Kind. Ich glaube ich war in der zweiten oder dritten Grundschulklasse als ich das scheiß Ding das letzte Mal benutzt habe. Mit der Hilfe von Druckluft kann so ein Teil Salzwasser zernebeln. Wenn man das Einatmet, dann hilft das ein wenig. Noch heute baue ich mir so etwas aus einer leeren Fensterreinigungsflasche, Speisesalz und Wasser selber wenn mal wieder kein richtiger Inhalierer in Reichweite ist. Mann kann die Dinger aber auch haufenweise Chemie vernebeln lassen. Kortison und anders Zeug das süchtig macht. Ich wette in dem Teil das mir der Arzt da auf die Nase setzte war was anderes als Salzwasser.
Anstatt mich gegen den Dreck zu wehren atmete ich auch noch tief ein. Ich tat das mit dem Kram, was ich mit dem Kram tun sollte. Ich Inhalierte ihn! Medikamente jeglicher Art gehen voll gegen meine Prinzipien. Vor allem dann wenn ich die Packungsbeilage nicht lesen kann. Aber ich litt unter Erstickungsanfällen. Vielleicht würde es ja helfen.
Es half aber nicht!
Als ich nach 10 Minuten fertig war mit Inhalieren ging es mir noch genauso dreckig wie zuvor. Der Arzt lauschte wieder an mir, meinte das ich mich jetzt viel besser anhöre, und dann, dann bekam ich endlich das weswegen ich hergekommen war. Ein Rezept für ein Salbutamol Dosieraerosol!
Meine Sorge dass die Inahliererei den Preis unnötig in die Höhe treibt blieb ungerechtfertigt. Es blieb bei 50 Zloti, etwa 12,5 Euro. Zumindest dann wenn Robert nicht noch irgendwas bezahlt hat von dem er mir nix erzählte.
16,3 Zloti musste ich dann noch einmal in der Apotheke bezahlen zu der mich Robert fuhr.
Mir ging es noch immer dreckig. Aber dann, dann hielt ich das Produkt meiner Begierde in den Händen und kam mir ein wenig vor wie ein Drogenjunkie der kurz davor steht sich seinen Schuss zu setzen.
Ich Inhalierte. 1 Mal, 2 Mal ... 5 Mal, die Dame in der Apotheke schaute schon, 7 Mal. Dann bekam ich wieder Luft und als wir meinen Wagen erreichten wurde ein Feuer entzündet und wir ließen die Kronkorken knallen.
Ich kochte vor Wut. So ein Geschisse für ein einfaches Produkt! In Rumänien kann man das einfach kaufen, in Bulgarien auch. Ebenso in der Ukraine und in Montenegro. Angebot und Nachfrage ... warum muss da gesetzlich eingegriffen werden? Das kostet alles Unsummen. Ich weiß was ich brauche und gut ist. Warum werde ich gezwungen einen Arzt zu bezahlen?
Immerhin hatte ich was ich brauchte. Hatte es mir besorgt. Zwar auf legalem Weg, dennoch fühlte ich mich wie ein Drogenabhängiger der gerade seinen Dealer überredet bekommen hat ihm noch einmal Kredit zu gewähren.
"Nastrovije Robert!"
"Prost Stefan!"
Was will man nach so einem Erlebnis schon anderes tun als den Frust runterzuspülen. Da biste sterbenskrank, wirst in die Notaufnahme eingeliefert, musst irgendeinen Dreck inhalieren und das alles nur weil irgend so ein Neunmalkluger dir verbietet das zu kaufen was du brauchst.
Am nächsten Morgen bereitete ich Robert darauf vor das es für mich Zeit wird zu gehen.
"Du, der Arzt meint das sei so noch nicht in Ordnung. Ich denke es wird wohl das Beste sein wenn ich zurück nach Deutschland fahre. Da kenne ich mich aus, da habe ich Freunde. Da kann ich krank sein."
"Hast du mich, keine Problem!"
"Robert, wenn ich wirklich ins Krankenhaus muss, dann kostet das. Keiner von uns Beiden kann das zahlen. In Deutschland bin ich Versichert. Ich muss zurück!" log ich.
Was hätte ich sagen sollen? Du bist ein netter Kerl aber ich will meine Ruhe? Ich nahm die Krankheit als Vorwand mich zu verpissen ohne Robert zu kränken. Der Arzt hatte zwar gesagt das es mit einem neuen Inhalierer aller Wahrscheinlichkeit nach nicht getan ist und mich freundlich gebeten bzw. ermutigt, im Falle einer gesundheitlichen Verschlechterung zu ihm zurückzukommen, aber ich selber glaubte nicht daran. Ich hatte meinen Inhalierer und war wieder gesund.

Robert, den Typ werde ich nie vergessen.
Ich habe während meiner Reise unzählige Menschen kennen gelernt. Die, die mir im Gedächtnis hängen geblieben sind, die kann ich dann aber doch noch zählen. Mit Robert ist es definitiv einer mehr geworden.
Ich habe keine Ahnung was mit Robert nicht stimmte, aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Die Geschichte mit der eigenen Firma war mindestens so erlogen wie meine offiziellen Gründe die mich zur Abreise bewegten. Ich hätte gesagt dass Robert bis vor kurzer Zeit noch ein ganz armer Schlucker war. Dann ist er irgendwie an Geld gekommen. Lottogewinn, Erbschaft ... was weiß ich. Er hat aber nie gelernt mit Geld umzugehen und jetzt haut er die Kohle mit vollen Händen raus und in kurzer Zeit ist er wieder Pleite. Ich glaube der war obdachlos, genau wie ich. Vielleicht haben wir uns deshalb so gut verstanden.
Als es ans Zusammenpacken ging kannte Robert jedenfalls sehr genau den Wert von leeren Aluminiumbüchsen.

Bild: Dosenpfand in Polen. Nur Schrottpreis :-(

So genau das er die Dinger aus den ekligen Abfallsäcken, in die ich sie hineingestopft hatte, wieder heraussortierte. Als er damit fertig war meinte er:
"Ich fahre das mal eben wegbringen!"
Dann startete er sein Auto, war für 40 Minuten verschwunden und als er zurückkam verkündete er stolz, 3 Zloti erhalten zu haben. 3 Zloti weniger als er an Diesel verfahren hat würde ich behaupten.
Auch als ich am naher Carrefour, zu dem wir abends häufig noch einmal zu Fuß gingen um Grillgut einzukaufen, mit den Worten "Mal gucken was es umsonst gibt" Richtung Mülltonnen davoneilte, wusste Robert sehr genau was ich da tue.
"Hier ist nicht gut. Auchan ist besser!" Am nächsten Tag stoppte er bei Auchan, wir gingen gemeinsam zu den Tonnen hinter dem Markt, und als wir zurückkehrten hatten wir ganz viele Bananen in den Händen.

Bild: Blick in die Tonne: Containern in Polen

Ich denke so etwas bleibt hängen wenn man es einmal im Leben gemacht hat. Mittlerweile kann ich mir meine Bananen selber kaufen wenn ich das will. Aber ich habe das mal eine Zeit lang gemacht, und es tut mir auf irgendeine unbeschreibliche Art weh wenn ich sehe das so etwas weggeschmissen wird. Ich gehe nicht mehr abends um 10 Uhr los um nachzuschauen was es umsonst gibt, aber wenn ich einmal vor Ort bin riskiere ich noch immer einen Blick. Ich glaube da kann ich im Lotto gewinnen, ich werde niemals damit aufhören. Ähnlich wird es wohl bei Robert sein, auch wenn wir nicht darüber gesprochen haben.
Früher hätte ich mich über die Bananen gefreut und hätte sie gegessen. Heute habe ich zu Robert gesagt:
"Komm, gehen wir Milch kaufen. Ich habe einen Mixer im Auto!"
Auf dem Weg kaufte Robert dann noch einige Socken und T Shirts. "Habe ich nix mehr zum anziehen, alle dreckig!" Neukaufen statt waschen, aber Containern gehen :-)
Am Morgen des 24. war dann tatsächlich Lebwohl sagen angesagt. Wie jeden Morgen bereitete Robert sein Spezialfrühstück zu und dann, dann kramte er den original verpackten Tablet PC von seiner Ladefläche.
"Kannst du mir diese machen dass ich dir schreiben kann?" Ich hatte Robert erklärt dass ich kein Telefon besitze.
Ich zeigte Robert wie mein Kontaktformular funktioniert, richtete Ihm eine E Mail und eine Skype Adresse ein. Aber ich werde wohl nie wieder etwas von ihm hören. Ohne meine Hilfe, und ohne das WiFi meines Gerätes, kann er das bestimmt nicht bedienen. Dann fuhr ich ihm noch mit dem PKW hinterher als er das Motorrad wegbrachte. Wieder auf irgendeinen Parkplatz einer Wohnhausanlage. Aber ein anderer als beim letzten Mal.
Gegen 15 Uhr brummte mein Motor. Den kurzen Sandweg bis zur Hauptstrasse fuhren wir im Konvoi. Dann bog ich links, und Robert rechts ab.
Tschüß Robert. Alles Gute!

Ich fuhr bis Auchan. Um genauer zu sein bis zu den Containern von Auchan. Nicht um etwas dort herauszuholen, sondern um den ganzen Dreck der vergangenen Wochen dort hineinzuwerfen. Dann ging ich einkaufen und dann, dann zog ich weiter. Ich fuhr bis auf eine Parkfläche die ich während meiner einzigen nennenswerten Wanderung in diesem Gebiet entdeckt hatte. Aber man konnte meinen Wagen von der Hauptstrasse sehen. Über die Hauptstrasse fährt Robert und ich wollte auf keinen Fall das er mitbekommt das ich nicht zurück nach Deutschland gefahren bin. Dafür fand ich Kleiderbügel. Hervorragend! Ich hatte schon lange welche gesucht und diese hier lagen einfach in der Natur herum. Nachdem ich sie mir angeeignet hatte sah sowohl die Natur, als auch das Innenleben meines Kleiderschrankes viel hübscher aus. Das nenne ich: Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen *gg
Da ich an dieser Stelle nicht stehen bleiben wollte fuhr ich ein wenig Zick Zack. Fand allerdings keinen passenden Wohnort. Am Ende parkte ich mein Einfamilienhaus auf dem Rastplatz einer BP Tankstelle. Rechtsseitig der B7 der nördlichen Ausfallstrasse aus Warschau.
Am nächsten Morgen tat ich das was dieser Seite Ihren Namen gibt. Ich ging mir den Atombunker im Kampinoski Park Narodowy anschauen. Suchen musste ich den Bunker nicht. Neben den Bildern des Ortes hatten mir meine Freunde in Warschau auch die genaue geographische Lage auf googel maps gezeigt. Mittlerweile besaß ich ein passendes Endgerät um mit diesen Angaben auch während meiner Wanderung etwas anfangen zu können. Ich war wirklich erstaunt welch winzige Wege auf dem, aus dem Internet herunter geladenen Kartenmaterial, verzeichnet sind.

Bild: Wanderweg durch den Kampinoski Park Narodowy, der Weg zu den Atombunkern

Der blaue Punkt, das ist der exakte Ort an dem das Bild aufgenommen wurde.
Nur bei Dziekanowie, einem Krankenhauskomplex mitten im Wald, versucht mich mein elektronischer Begleiter durch ein eingezäuntes Areal zu führen. Aber schwierig war das Umgehen des Krankenhauses nicht, schließlich sind die Karten exakt, sie wissen nur nicht wo die Zäune stehen.
Dank der elektronischen Hilfe lege ich die 12.5 Kilometer Annweg sehr schnell und ohne größeren Zwischenfälle zurück. Dann erreiche ich das Gelände des Atomowa Kwatera Dowodzenia.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia

Auf einem roten, laminierten Papierzettel, der am Torpfosten befestig ist, steht: "Zakaz Wstep". Das heißt soviel wie: "Betreten bei Strafe verboten" übersetzt mir mein Taschencomputer noch vor Ort.
Ich gehe weiter, schließlich kann niemand von mir erwarten dass ich einen Taschencomputer bei mir trage.
Der Fahrweg den ich bewandere führt nach links. Dann verschwindet er zwischen 2 Betonwänden.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia

Ich gehe zuerst in diese Richtung und folge dem Weg in das Innere des Bauwerks.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Innenansicht

Riesige Hallen. Links und rechts gibt es vereinzelt kleine Nebenräume.
Aber das ist doch kein Atombunker! Die Betondecke ist doch höchstens 30 cm dick und unmittelbar über ihr befindet sich das Tageslicht. Irrtum ausgeschlossen, den immer wieder fallen Sonnenstrahlen durch Schächte und Öffnungen in der Hallendecke herab.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Innenansicht2

Viel zu sehen gibt es nicht in der riesigen Halle. Der Boden besteht größtenteils aus Sand. Die einzelnen Räume sind trist. Keine Ausstattung - nichts. Einfach nur eine große, noch nicht einmal richtig finstere Halle. Hier müssen in der Vergangenheit wohl die illegalen Konzerte und Partys stattgefunden haben von denen mir meine Warschauer Freunde berichteten.
Aber das kann es nicht sein! Drei Stockwerke soll der alte Atombunker unter die Erde führen. Drei Stockwerke, nicht eine Handbreit Moder der sich im laufe der Jahre auf der Betondecke der Halle angesammelt hat.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Geländeüberblick

Ich betrachte die oberirdischen Bauten. Ein Verwaltungskomplex zu meiner Rechten. Zwei etageig. Links daneben ein eingeschossiger Bau.
Die Bunkeranlage soll, so wurde mir erzählt, so angelegt worden sein das sie als Schule getarnt ist. Sollte ich gefragt werden, so würde ich sagen das die Bauherren, die den Gedanken hatten ein militärisches Ziel, eine Atombunkeranlage, in welcher die Mächtigen des Landes im Falle des Falles Schutz suchen sollen und von wo aus sie versuchen wollen die Machtstrukturen ihres zerstörten Landes aufrecht zu erhalten, als ziviles Objekt, als Schule zu tarnen, erst vor ein Kriegsgericht gehören und anschließend standesrechtlich erschossen werden sollten.
Aber mich fragt ja keiner.
Die Gebäude sind baufällig. Alles was man stehlen kann wurde gestohlen. Selbst die Steine aus welchen die Häuser errichtet wurden, wurden teils in liebevoller Handarbeit vom Mörtel befreit, abtransportiert und recycelt. Fenster gibt es nicht mehr, Türen ebenfalls nicht. Dafür findet sich das ein oder andere nette Graffiti an den Wänden der einstigen Befehlszentrale für den Fall des Atomkrieges.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Grafitti

Der Abgang in die Kommandozentrale, die Worte "Atomowa Kwatera Dowodzenia" bedeuten wörtlich übersetzt:
Atomowa = Atomar
Kwatera = Quartier, Wohnung
Dowodzenia = Befehl
also: "Befehlshaber Wohnung im Falle der atomaren Verseuchung" oder etwas freier übersetzt: "Atomarer Führerbunker", befindet sich ein wenig versteckt in dem eingeschossigen Flachbau.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Treppenabgang

Ein rauchig- rußiger Geruch steigt einem in die Nase während man den kurzen Gang entlang spaziert. Schon bald erreicht man Türrahmen die so ausschauen als hätten sie einstmals massive Stahltüren beherbergt. Doch das kostbare Metall der schweren Türen ist schon lange gestohlen.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Bunkereingang

Wie ich es von Bunkern gewöhnt bin gibt es auch hier mehrere Türen kurz hintereinander. Sie sind im Winkel zueinander angeordnet. Wahrscheinlich um hohen Druckwellen zu trotzen oder um die tödliche Strahlung besser abschirmen zu können.
Kaum hat man diese Türen durchschritten findet man zu seiner Rechten einen kleinen Raum. Die sterblichen Überreste eines Regals sind zu erkennen. Ob dieser Winzige Raum dazu gebaut wurde sich seiner radioaktiv kontaminierten Bekleidung zu entledigen wenn man die Bunkeranlage betritt?
Es folgt noch ein kurzes Stück Gang und dann führt auch schon eine weitere Treppe abwärts.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Zweites Tiefgeschoss

Über Sie erreicht man Ebene 2 des Führerbunkers. Der rauchig- rußige Geruch wird stärker. Die Farbe, die einstmals die Bunkerwände zierte, blättert in verbrannten Placken vom Beton.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Verbrannte Bunkerwand

Dann steht man mitten darin, in der geplanten, und nie fertig gestellten Kommandozentrale für den Atomkrieg. Ein riesiger Raum erstreckt sich über 2 Etagen. In der Mitte klafft ein Loch. Die obere Etage des Raumes besteht fast ausschließlich aus Loch. Ein schmaler Betonsteg führt um dieses Loch herum. Nicht breiter als 2 Meter.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Die Komandozentrale

Blickt man nach unten, so blickt man auf verkohlte Holzpaletten. Einstmals dienten sie jungem Partyvolk als Sitzgelegenheit. Heute sind es nur noch verkohlte Überreste die an eine vergangene Zeit erinnern. Blickt man nach oben so blickt man auf verschmorte Deckenpanelen. Aller Wahrscheinlichkeit nach Styroporplatten in Stuckoptik. Oder besser: Ehemalige Styroporplatten in Stuckoptik. Es gibt noch wenige weitere Räume, doch auch sie sind gänzlich ausgebrannt. In den Gängen stehen Holzlatten. Sie sind nicht verbrannt, sie wurden hier her getragen nachdem das Feuer gewütet hat. Auf diese Holzlatten sind Zielscheiben in Menschenoptik getackert. Ich betrachte eine solche Zielscheibe und stelle an den Einschusslöchern in der Latte fest, das sie von einer Schusswaffe stammen müssen die man nicht so ohne weiteres bei Aldi kaufen kann. Dann befinde ich mich beim nächsten Treppenabgang den ich nutze um in die dritte Ebene des Atombunkers zu gelangen. Von Unten ist die Gegend Fotogener.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Die Komandozentrale Bild2

Obgleich mein kleines Blitzlicht in dem großen Raum völlig überfordert ist. Eine Bierflasche steht halb gefüllt auf einer verkohlten Palette. Auch sie wurde erst nach dem Feuer hier herunter getragen.
Alles ist verbrannt, auch der hinter der Kommandozentrale gelegene Aufenthaltsraum.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Aufenthaltsraum

Ich suche lange, ich finde noch einen bis auf die Grundmauern niedergebrannten Technikraum und einige weitere kleine Räume. Was ich nicht finde, das sind Toiletten und Räume die eine Form haben als hätten sie als Schlafräume gebaut worden sein können. Überhaupt hatten die Bilder die ich im Internet gesehen hatte einen falschen Eindruck von der Gegend erweckt. Wo ist der riesige runde Gang? Wo die Schaltzentrale? Und überhaupt, auf den Bildern im Netz war das alles nicht so verbrannt. Da gab es noch so eine Art Zaun um das Bodenloch in der Kommandozentrale. Eine Brüstung!
Aber eine Brüstung kann gestohlen werden, ein Gang wohl eher weniger.
Enttäuscht verlasse ich den ausgebrannten Bunker und schaue mich noch ein wenig in der näheren Umgebung um. Vielleicht gibt es einen weiteren Eingang den ich noch nicht gefunden habe?
In der Tat finde ich unweit der eigentlichen Bunkeranlage noch Betonsockel und Schächte die in die Tiefe führen.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Belüftungsschächte

Aber sie sind mit Unrat zugeschüttet. Ein Abstieg ist unmöglich.
Dann finde ich hinter dem Gelände noch so etwas wie Gräber.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Gräber

Aus der auf Holz geschnitzten Inschrift werde ich aber nicht schlau.
Anschließend begebe ich mich auf den Rückweg. Meine elektronische Landkarte lasse ich im Rucksack. Über Jahrzehnte hinweg habe ich meinen Weg mit Hilfe des Sonnenstandes gefunden, und das hat immer Spaß gemacht. Warum um alles in der Welt sollte ich diese Angewohnheit ändern?
Anfänglich folgte ich breiten Wirtschaftswegen. Hundebesitzer fragte ich sogar einmal nach dem Weg. Dann gelangte ich auf einen schmalen, deichartigen Pfad. Links und rechts von mir befand sich Sumpfland und in der Mitte ein Wall, der Teils mit Sandsäcken geflickt war, und der den Weg bildete. Nur aus Spaß schaute ich nach ob meine elektronische Landkarte diesen Weg kennt. Und siehe da - Sie kannte ihn nicht!
Wenn ich nicht von so vielen Mücken umschwirrt worden wäre, hätte ich behauptet das ist richtig schön gewesen ist.

Bild: Atombunker Polen. Auf polnisch: Atomowa Kwatera Dowodzenia. Sumpfgebiet

Aber diese Mücken machen einen ja verrückt und ich frage mich ob die Viecher taub sind. Die müssen taub sein! Andernfalls würden sie von ihrem eigenen "bzzzz, bzzzz, bzzz" total meschugge.
Gegen 20 Uhr erreichte ich meinen Truck und gegen 21 Uhr wurde ich von einem deutschen Trucker auf ein Feierabend Bier eingeladen. Jetzt fährt der schon seit Jahren die Strecke Hamburg - Warschau. Aber dass er dabei jedes Mal an alten Atombunkern vorbeifährt, das wusste er nicht.
Am nächsten Morgen war ich früh auf den Beinen. Ich wollte hier weg, wollte endlich zu einer Stelle an der ich die Ruhe finde die ich brauche um meinen Warschaubericht zu schreiben. Mit der Hilfe von modernster Computerelektronik hatte ich ein hübsches Plätzchen am Wislarufer entdeckt. An dieser Stelle wird die Wislar von einer Insel geteilt und in den Satellitenbildern schaut es so aus als gäbe es einen schmalen Fahrweg am Ufer. Doch bevor ich sinnlos Diesel verbrenne wollte ich die Sache zunächst einmal zu Fuß in Augenschein nehmen.
Der Weg war befahrbar, wenn auch schwer, und die Stelle hielt auch in der Realität was sie im virtuellen Raum versprach. Am frühen Nachmittag parkte ich am Wislarufer.

Bild: Wohnmobilstellplatz am Wislaufer

Ein rotes Schild stand neben meinem Truck. "Reservat Przyrody" Was das wohl schon wieder heißt? Ich schätze es bedeutet "Wohnmobilreservat", Reserva, das steht doch da.
An diesem Ort wollte ich all das tun von dem mich Robert im Kampinoski Park Narodowy abgehalten hat.
Doch ...

Weiter geht es mit schwerer Krankheit.

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Bild: Danke
Bei meinem Leser Lutz. Er empfiehlt meine Reiseberichte von seiner Seite: buchhandlung-lutz-heimhalt.de. Völlig selbstlos wie ich finde, schließlich verschenke ich ein riiiiieeesen Buch :-)



Kleine Häuser auf Rädern, auf dem Wasser und in Bäumen.



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