Rumänien, das Land von Dracula und Peter Maffay. Jetzt ist es auch mein Land.
„I´m not a tourist, I live here“ Das steht schon auf meinem Wohnmobil. Ich bin
Rumäne! Vor einigen Monaten hätte ich das Land noch nicht einmal mit dem Finger
auf der Landkarte gefunden. Jetzt bin ich hier.
Rumänien begrüßt mich nicht nur mit Temperaturen um den Gefrierpunkt,
Sonnenschein und einem verschneiten Strand,
sondern auch mit
eigenartigen Gaststätten die ich gerne einmal betreten hätte, die allerdings
geschlossen haben.
Darüber hinaus begrüßt mich Rumänien auch mit
Straßenmaut. Diese musste ich beim Grenzübertritt entrichten. Für Fahrzeuge mit
einem zulässigen Gesamtgewicht von mehr als 3,5 Tonnen, und das hat mein
Wohnmobil ja, kann man glücklicherweise im Tagesrhythmus bezahlen. Für leichtere
Kraftfahrzeuge muss man gleich für eine ganze Woche latzen, genau wie in
Bulgarien. Ich erstehe ein Dokument das es mir erlaubt einen Tag zu fahren und
werde auch fast beschissen. Der englischsprachigen Preistafel entnehme ich, dass
für Fahrzeuge größer als 3,5 aber kleiner als 7,5 Tonnen 4 Euro tägliche Maut zu
entrichten sind. Frag mich jemand warum die Preise in Euro und nicht in Lei, der
Landeswährung, angegeben sind, aber es ist so. Ich übereiche der
Mauteintreiberin auf deren Wunsch meine Fahrzeugpapiere, halte den Daumen in die
Höhe und sage: „One day!“ Daten werden in den Computer eingegeben, dann rattert
ein Drucker. Ich erhalte zwei Zettel und die gute Dame fordert 12 Euro. Ich
schüttle den Kopf „No, no“ Ich deute auf die Preisliste, reiche den Zettel
zurück und zeige auf das zulässige Gesamtgewicht meines Wohnmobils in den
Fahrzeugpapieren. 7,49 Tonnen! Ich will den billigen Tarif. Die Dame flucht,
telefoniert und dann schiebt sie meine Zettel in den Aktenvernichter. Erneut
werden Daten eingegeben, erneut rattert der Drucker und ich zahle 10 Leva, immer
noch knapp einen Euro mehr als gefordert für zwei neue Zettel. Immerhin haben
die Leva akzeptiert.
Dann setze ich meine Fahrt fort. Mittlerweile hat die Sonne die Straßen geräumt.
Freie Fahrt für freie Touristen. Nach knapp 5 Kilometern erreiche ich Vama
Veche. Der Ort soll sehenswürdig sein, viele Freaks, haben mir andere Reisende
berichtet. Ich biege in eine Seitenstrasse ein, parke und mache mich auf, eine
Bank oder Wechselstube zu suchen. Auch wenn ich nur wenig Geld ausgebe, so ganz
ohne fühle ich mich unwohl. Der Ort ist wie ausgestorben. Die Gaststätte für
Freaks hat geschlossen und eine Wechselstube gibt es nicht. Ich gehe zurück zu
meinem Wagen und werde von einem Hundebabyrudel laut bellend begrüßt. Klar, dass
die hungrigen Kerlchen erst einmal was zu futtern von mir erhalten.
Gierig stürzen sie sich darauf. Als ich mit einer zweiten Schüssel Futter mein
Fahrzeug verlasse hält ein PKW neben den Kleinen. Der Fahrer steigt aus, holt
einen großen Beutel Futter aus dem Kofferraum und schüttet einen Berg davon auf
den Gehweg. Ich packe mein Futter wieder weg, starte den Wagen und fahre einer
Wechselstube entgegen. Schnell erreiche ich das Ortsschild Mangalia.
Unmittelbar hinter der Brücke, die über eine große Bucht führt, biege ich rechts
ab und parke meinen Wagen auf einer großen Fläche direkt am Wasser. Militärboote
liegen im Hafen, auf der anderen Uferseite eine Industrieanlage.
Als erstes gehe ich wechseln. Für 100 Euro erhalte ich 424 Lei. Eine lustige
Währung in deren Banknoten ein kleines Sichtfenster eingearbeitet ist. Es soll
wahrscheinlich dazu dienen es Fälschern möglichst schwer zu machen. Ich frage
mich allerdings wer Interesse daran hat einen Ein-Lei - Schein zu fälschen.
Dieses Stück Papier hat einen Wert von unter 25 Cent. Mit 5.28 Lei pro Liter
Diesel ist der Preis dem in Bulgarien sehr ähnlich, so dass ich mich nicht
darüber ärgern muss noch voll getankt zu haben. Der Schnee ist geschmolzen und
die Stadt wirkt auf den ersten Blick recht hässlich.
Nach einem ausgiebigen Frühstück mit Kaffee und Toastbrot das ich am Tag zuvor
beim nahen Lidl gefunden habe, gehe ich mir am 16. Dezember einen etwas
umfangreicheren Überblick über Mangalia verschaffen. Ereignislos laufe ich die
Straßen auf und ab. Ich finde noch nicht einmal ein Motiv bei welchem es sich
lohnt auf den Auslöser meines Fotoapparates zu drücken. Das Einzige was ich
fotografiert habe, ist ein ganz ordinäres Verkehrsschild. 12 Kilometer bis zum
dreiundzwanzigsten August kann man durch ein leichtes Schneetreiben darauf
lesen.
Zeitreisen! In Rumänien wird dieser Traum wahr. Nur 12 Kilometer
und man ist im Hochsommer.
Aber ich bin diese 12 Kilometer noch nicht gefahren, noch bin ich im Dezember
oder besser in Mangalia. Am nächsten Morgen sollte ich den Dezember ganz
deutlich spüren. In der Nacht hatte es geschneit, knapp 30 cm Neuschnee lagen
vor meinem Wagen, und nicht nur da, auch auf den Straßen. Es herrschte
Verkehrschaos! Räumfahrzeuge, in der Art wie ich sie aus Deutschland kenne,
scheinen hier unbekannt zu sein. Geräumt wird mit Traktoren oder großen LKW an
deren Front eine Räumschaufel befestigt wurde; wenn denn überhaupt geräumt wird.
Eisiger Wind peitscht mir das Schneetreiben ins Gesicht und ich bin froh, mich
am Morgen in meine Sibirienverkleidung eingepackt zu haben.
Bis zum
frühen Nachmittag schneite es ohne Unterbrechung. Die Sichtweite betrug
teilweise nur wenige hundert Meter, aber dann kam doch die Sonne heraus und mit
der weißen Pracht wirkt selbst Mangalia hübsch.
Unzählige Straßenhunde
ziehen in großen Rudeln auf Nahrungssuche durch die Gassen, meine mitgeführten
Leckerchenvorräte sind schneller verbraucht als die hungrigen Mäuler gestopft.
Einige Male helfe ich Autofahrern, die verzweifelt versuchen im Alleingang, oder
in kleinen Gruppen, ihre Fahrzuge auf einen Untergrund mit Reifenhaftung zu
schieben.
Am Abend klopft es an meine Türe. Draußen steht ein Herr im Tarnanzug. Ich hätte
ihn glatt nicht gesehen, wenn er nicht das Wort ergriffen, und mir erklärt
hätte, dass ich in einer „Militarien Zone“ parke und das nicht erlaubt sei. Ich
habe nirgendwo ein Schild „Durchfahrt oder Parken verboten gesehen“ erkläre ich
Mister Flecktarn. Aber mein Freund bleibt hartnäckig. Erst nachdem ich ihn
fragte ob er mir hilft meinen Wagen die verschneite Zufahrt, die zu diesem Punkt
hinabführt, hinaufzuschieben, gab er Ruhe und verzog sich mit einem gemurmelten
„tomorrow morning you go!“
Ich tat wie mir aufgetragen wurde. Ohne Probleme fanden meine Reifen Gripp und
ich fuhr über eine festgefahrene Schneedecke bergan.
Mein erstes Ziel
hieß Lidl. Es dauerte bestimmt 20 Minuten bis ich mein Fahrzeug durch das Chaos
auf dem Parkplatz in eine Parkbucht manövriert hatte. Nicht weil es dort
grundsätzlich zu eng für mein Wohnmobil gewesen wäre, nein, aber einer der
wenigen höchst intelligenten Räumfahrzeugfahrer hatte die Fahrspuren auf dem
Parkplatz von Schneemassen befreit. Diese Räumaktion hatte zur Folge, dass vor
den Parkbuchten jetzt überall so kleine Schneeberge lagen. Nahezu jedes Auto das
ein- bzw. ausparken wollte, blieb mit seinen Antriebsrädern an diesem Berg
hängen. Seine Vorder- bzw. Hinterfront stand somit auf der Straße und der Fahrer
brauchte Hilfe die ihn über dieses Hindernis hinweg schiebt. Ich hatte keinerlei
Probleme. Ich hatte ausreichend Bodenfreiheit und mehr als genug Gewicht das für
allerbeste Bodenhaftung sorgte. Ein kurzer Besuch des www, auf dem Lidl
Parkplatz gibt es W Lan, dann kaufe ich Zwiebeln und Eier. Zum Containern komme
ich einige Minuten zu spät, ich sehe nur noch wie ein älterer Herr mit seiner
Beute abzieht. Wahrscheinlich braucht er diese Nahrungsmittel eh nötiger als
ich, Hauptsache sie wandern nicht in den Müll.
Ich breche auf Richtung Norden. Die Strassen sind weiß, die Schneedecke
festgefahren und spiegelglatt wie ich immer wieder feststelle, wenn ich
aussteige um mich persönlich über den Zustand der Fahrbahnbeschaffenheit zu
informieren. Langsam aber sicher geht es nordwärts. Nach einer knappen Stunde
erreiche ich den 23. August. Trotz Zeitreise, auch hier liegt Schnee! Ich fahre
weiter und halte nach einer Möglichkeit Ausschau rechts abzubiegen. Weit kann
die Küste nicht entfernt sein, aber alle kleinen Stichstraßen sind so
verschneit, dass ich mich ein Befahren einfach nicht traue. Selbst der Blick
durch meine Windschutzscheibe den ich auf der „geräumten“ Hauptstrasse genieße
lässt mich erschaudern.
Schließlich finde ich dennoch eine Möglichkeit
zur Küstenlinie zu gelangen. Ich parke inmitten einer Baustelle. Ungezählte
Hotelrohbauten warten hier darauf, dass jemand an ihnen weiterbaut. Die
Schneedecke auf der Zufahrtsstrasse war von den Fahrzeugen der Arbeiter und
Lieferanten platt gefahren. Keine 300m von meiner neuen Heimat entfernt lag ein
gesunkenes Schiffswrack vor der Küste.
Augenblicklich war mir klar:
„Auch wenn es sonst keinen Grund gibt hier zu verweilen, aber zu dem alten
Schiff, da MUSST du hin.“
Aber es gab ohnehin noch weitere Gründe hier zu bleiben. Den Ersten bemerkte ich
kurz nachdem ich den Motor abgestellt und mit meinem Hund aufgebrochen war das
nähere Umfeld zu entdecken. Neben dem hässlichen Hotelrohbau lagen unzählige
Bauholzstückchen verteilt im Schnee. Brennholz! Schönes, viereckiges, gut
stapelbares Brennholz. Ich klemmte mir einige Verschnittstücke unter den Arm,
keines länger als 20cm. Ich hatte hier die freie Auswahl, warum sollte ich etwas
nehmen was ich erst zurechtschneiden muss? Gut gelaunt trug ich meine Beute
Richtung Wagen, mit der festen Absicht einen Rucksack zu holen und noch einige
Male hin und her zu laufen. Ich kam nicht sehr weit. Schreiend, fluchend und
schimpfend rannte ein Mann hinter mir her. Ich drehte mich um. „Sorry, english?
German? Tourist! Deutsch Englisch??“ Der Mann fluchte immer noch, riss mir einen
der Brennholzscheite aus den Händen und warf ihn verärgert zurück auf den Boden.
„You need this?? Der Kram liegt im Schnee! That´s wast! You tell me you need it,
I give it back!” Ich warf mein schönes Brennholz zurück an den Ort von dem ich
es geholt hatte. Mein Kontrahent beruhigte sich. Körpersprachlich machte ich dem
Herrn begreiflich, dass ich jetzt ganz dolle frieren müsse. Dabei deutete ich
auf meinen Wagen aus welchem gerade beachtliche Mengen Rauch aufstiegen. Noch
einige, weniger emotional geladene, rumänische Worte drangen an mein Ohr während
ich den Rückweg Richtung Wagen antrat. Das Kaffeewasser kochte noch nicht
richtig als es an meine Türe klopfte. Draußen stand der Kerl, in seinen Händen
hatte er das Brennholz das er mir noch vor wenigen Augenblicken nicht geben
wollte. Ich solle ihm folgen, gab er mir zu verstehen während er die Scheite
säuberlich auf meiner Treppe stapelte. Kurz darauf befand ich mich in einem
notdürftig zusammengenagelten Holzschuppen, dem derzeitigen Zuhause von Petrick.
Zwei Betten standen am hinteren Ende der etwa 4 X 2 Meter großen, auf
Einwegpaletten errichteten und mit Styroporplatten isolieren Hütte. Dazwischen
ein aus ungehobeltem Bauholz gezimmerter Nachttisch. Rechts neben der
Eingangstüre, vor der Wolldecken hingen die gegen Zugluft schützen sollten,
stand ein Tisch mit drei Stühlen. Eine Baubohle diente als Regalbrett auf dem
ein Fernseher stand. Links auf dem Boden lag ein Ytonstein. In Schlangenlinien
war eine Rille darin ausgekratzt in welche die Heizspirale eines alten
Heizgebläses eingelassen war. Darauf stand ein Töpfchen Kartoffelsuppe. Diese
kombinierte Heiz- und Kochstelle erwärmte den Raum kaum über die 10 Grad Marke.
Ein Radio spielte rumänische Volksmusik. Ungefragt wurde mir ein Teller Suppe
serviert. Wenn ich unsre wortkarge Konversation mit vielen Bildern und
Handzeichen richtig interpretiere ist Petrick als Baustellenwächter angestellt.
Umgerechnet 100 Euro Lohn erhält er für seine Arbeit. Zum Sterben zu viel und
zum Leben zu wenig hätte ich gesagt. Vor allem in Rumänien, einem Land, in dem
entgegen meiner Erwartungen, alles sehr teuer ist. Später revanchierte ich mich
mit heißem Kaffee in meinem wohlig warmen Bus für Petrick´s Einladung. Wir
verbrachten unsere Zeit damit uns die Wochentage und Zahlen in unserer
jeweiligen Landessprache beizubringen. Erfreut stellte ich fest, dass ich in ein
Land eingereist war, in welchem die Menschen Schriftzeichen benutzen die ich vor
vielen Jahren einmal in der Schule gelernt hatte und somit lesen kann.
Am nächsten Morgen machte ich mich auf, die Gegend zu erwandern. Die Sonne
scheint, die Temperaturen liegen weit über dem Gefrierpunkt, der meiste Schnee
ist bereits geschmolzen. Ich folge der Küstenlinie. Nach kurzer Zeit erreiche
ich Costinesti und werfe einen Blick zurück auf die Stadt und „mein“ Schiff.
Mein Weg führt mich vorbei an ärmlich wirkenden Fischerhütten. Rauch
steigt aus den Schornsteinen, Treppen führen von den Hütten hinab zum Strand.
Wintertauglich verpackt und vertäut liegen hier kleine Fischerboote auf selbst
gebastelten Trockendocks. Ich gehe weiter und erreiche einen
Muschelschalenstrand. Gut und gerne einen Meter fünfzig hat die See hier die
Schalen von Mies- und anderen Muscheln aufgetürmt.
Mit jedem Schritt
knirscht und knartzt es unter meinen Füßen. Hier und da finde ich geschlossene
Häuschen. Ich werfe die Tiere zurück ins Wasser. Mit meinen Schuhen buddle ich
ein kleines Loch. Bestimmt 30cm tief. Alles Muschelschalen! Auf dem Rückweg gehe
ich durch die Stadt. Gespenstisch liegt die im Sommer sicherlich belebte
Touristensiedlung vor mir. Putz und Farbe blättert von Hotelfassaden, Türen und
Fenster von eingeschossigen Fast Food Tempeln und Souvenirläden sind mit
Holzbrettern vernagelt.
Ein Geschäft in dem ich mir hätte ein Brot
kaufen können finde ich nicht. Am Abend setze ich den kleinen Sprachkursus mit
Petrick fort. Petrick findet meinen warmen Bus klasse, auch heute stand er mit
einigen Scheiten Brennholz vor der Türe die er gerne gegen einen warmen Kaffee
eintauschen wollte.
Von jedem Stellplatz kann man der Küste in zwei Richtungen folgen. Am 20.
Dezember lief ich bis Eforie Nord. Hotelruinen und Hotelneubauten stehen Tür an
Tür. Einen großen Teil des Weges nutze ich eine betonierte Strandpromenade.
Kabel schauen aus dem Boden, wahrscheinlich soll hier später einmal eine
Straßenbeleuchtung angeschlossen werden. Ein Bodenbelag fehlt gänzlich auf dem
gegossenen Betonfundament, dafür ist das Geländer bereits verrostet. Imbissbuden
und Umkleidekabinen befinden sich entweder noch im Bau oder sie sind so alt, das
man sie im Grunde nur noch abreißen und neu bauen kann. Die Übergänge zwischen
neu und alt sind fließend. Anscheinend ist es hier nicht möglich ein Bauwerk zu
vollenden so dass man sagen kann: „Das Gebäude ist neu.“ Ich habe den Eindruck,
dass das Dach eines Hauses bereits undicht ist, wenn die Fenster eingebaut
werden.
Besonderes Interesse widme ich einem Wohnmobil. Ein blauer Mercedes Bus. Sein
Besitzer hat darin anscheinend gefroren, deshalb hat er das Fahrzug kurzerhand
von außen mit Styropor verkleidet und verputzt. Leider ging die Sonne unter
bevor ich mein Wohnmobil erreichte.
Den nächsten Tag verwende ich zum
Brennholzschneiden. Petrick half mir tatkräftig Paletten, Bohlen und Balken zu
meinem Wagen zu tragen. Seit ich in Vaklino eine neue Zündkerze erworben habe
klappt auch meine Kettensäge wieder. Schnell sind alle Stauräume mit
Heizmaterial befüllt. Anschließend gibt es Pfannkuchen ohne Milch und Eier für
mich und meinen Freund. Den Abend verbringe ich vor dem PC, dessen Akku dank
Petrick´s Steckdose randvoll geladen war. Bemerkenswert finde ich noch meine
Beobachtung eines jungen Mannes. Genau wie am Tag zuvor saß er in seinem
Mercedes Sprinter. Wenn er nicht darin saß und wartete schöpfte er Wasser aus
einer Pfütze und wusch damit seinen Wagen. Gegen 16 Uhr stiegen einige
Baustellenarbeiter in seinen Bus und er fuhr ab. Ich kann keine andere Erklärung
dafür finden, als dass dieser Mann dafür bezahlt wird morgens die Arbeiter zur
Baustelle zu fahren, dann den ganzen Tag Däumchen zu drehen und sie am Abend
wieder nach Hause zu bringen. Arbeitskräfte müssen hier immens billig sein!
Es wird Zeit aufzubrechen. Beide Himmelsrichtungen sind erwandert, Brennholz ist
gesägt. Das Einzige was noch auf meinem Programm steht ist die Besichtigung des
Schiffwracks.
Also trage ich mein Boot zum Strand, pumpe es auf und steche zwei Tage vor
Weihnachten mit einer aufblasbaren Luftmatratze in See. Die Wasseroberfläche ist
spiegelglatt, nur in unmittelbarer Küstennähe brechen sich kleine Wellen. Da
müssen wir irgendwie drüber weg! Ich rudere wie ein Wilder, es sind nur wenige
Meter, doch schon nach wenigen Ruderschlägen bricht die erste Welle an dem Rumpf
meines Gummibootes. Eine geballte Ladung Wasser schwappt über die „Reling“,
Scheki flüchtet sich hilfesuchend auf meinen Schoß. So ist rudern unmöglich!
„Hau ab, kusch, nach vorne!“ In letzter Sekunde gelingt es mir das Boot zu
drehen. Ein Brecher gegen die Breitseite und wir wären gekentert. Noch zwei oder
drei Wellen schwappen ins Boot, dann haben wir es geschafft. Mein Arsch ist
nass, aber die Gefahrenzone ist überwunden. Beim heranrudern an das Schiffswrack
erkenne ich das große Teile der Bordwand fehlen. Das Schiff ist in der Mitte
durchgebrochen! Durch ein rostiges Loch im Rumpf des Schiffes, groß genug um
auch meinen Truck hindurch zu fahren, rudere ich in dessen Inneres. Ich paddle
von einem Laderaum durch eine Luke in den nächsten. Von dort geht es durch ein
weiteres Rostloch weiter in den Maschinenraum. Hier ist Endstation! Es gibt nur
den Rückweg. Rostige Eisenträger ragen über die Wasseroberfläche und auch unter
Wasser verbirgt sich die ein oder andere scharfkantige Gefahrenquelle für
aufblasbare Gummiboote. Jedes mal wenn ich die Ruder los lasse um meinen
Fotoapparat in die Hand zu nehmen treibe ich auf eines dieser Hindernisse zu.
Gerne hätte ich irgendwo angelegt und versucht über Motorblock und Lüftungsrohre
auf eine Leiter zu klettern die mich auf Deck geführt hätte, aber ich habe mich
einfach nicht getraut. Zwar betrachtete ich das Risiko zurück schwimmen zu
müssen nicht als lebensgefährlich, allerdings auch nicht unbedingt als eine
spaßige Angelegenheit. Ich zog es vor aus dem Inneren des Wracks herauszurudern
und das Schiff in sicherem Abstand zu umrunden.
Mit nassem Hintern, aber
ansonsten trocken, erreichte ich das Ufer. Trockene Hose anziehen, Boot
zusammenpacken, mich von Petrick verabschieden und Motor starten. Schnell
erreichte ich Efori Nord und parkte an der Uferpromenade. Hier gab´s Internet im
Wagen, das wusste ich von meiner Wanderung.
Am 23. besichtigte ich die Stadt, nix los hier! Aber diese beiden Kerlchen
brachten mich fast zum heulen. Aus 5 Metern Abstand kann ich die Rippen
zählen, zittern tun sie vor Kälte und suchen essbares in den Abfällen der
Menschen. Ein erbärmlicher Anblick. Ich ging nach Hause, schaltete den Rechner
ein und fütterte Google mit Suchbegriffen wie „Tierhilfe Rumänien“. Schnell
gelangte ich auf die Seiten des Vereins „Smeura“, dem laut Guinness Buch der
Rekorde größten Tierheim der Welt mit ungefähr 3500 Hunden.
Ich schrieb in deren
Gästebuch (Eintrag 99) und bot meine Hilfe an. Da ich so schnell keine Antwort
erhielt machte ich mich am heiligen Morgen auf Richtung Constanta. Ich folgte
der Küste und befand mich nach wenigen Kilometern in einem riesigen
Industriehafen. Ich erreichte eine asphaltierte Straße und folgte ihr. Bald
darauf stand ich vor, oder besser gesagt hinter einer Schranke. Es dauerte
bestimmt 10 Minuten bis ein englischsprachiger Security Mitarbeiter gefunden
wurde der mich verhörte. „How you came in here?“ „I follow the beach!“ “Where do
you want to go?” “Constanta!” “What´s in your backpack?” “Take a look.” Genervt
überreichte ich dem Sicherheitsbeamten meinen Rucksack. Mein Pass wurde
überprüft, dann durfte ich den Hafen verlassen. Ich bewanderte eine Gleistrasse,
dann ging es über eine Eisenbahnbrücke. Ängstlich folgte mir mein Hund über die
klappernden Stahlplatten die neben dem Gleis so eine Art Fußgängerweg bildeten.
Zwischen den einzelnen Platten befand sich ein je ca. 5cm breiter Spalt durch
welchen man in die Tiefe schauen konnte. Gewissenhaft musste jede Spalte
beschnüffelt werden bevor ganz langsam und behutsam jedes Pfötchen einzeln
darüber gehoben wurde.