Arbeiten für Flex Strom

Freitag, 21. Mai. Um 20 Minuten vor 9 treffe ich mich mit meinem türkischen Freund vor der Bushaltestelle. Ich bin deutscher Langzeitreisender und habe gerade meinen ersten Arbeitstag. Arbeiten in der Türkei. Arbeiten in Istanbul. Arbeiten in einem Cal Center welches mit dem deutschen Stromliefernaten Flexstrom kooperiert. Flexstrom sei einer der günstigsten Stromanbieter Deutschlands und die Aufgabe der Cal Agents sei die Kundenbetreuung. Mehr weiß ich bis jetzt noch nicht über meinen neuen Job.
Dass ein günstiger Stromanbieter seine Arbeitsplätze ins Ausland verlagert leuchtet mir ein. Wie will er bei deutschen Lohnnebenkosten auch noch günstig sein? Rund 20 Minuten dauert die Busfahrt durch den asiatischen Teil Istanbuls. Dann müssen wir entweder umsteigen oder noch ein Stück zu Fuß gehen. Wir entscheiden uns für den Fußweg. Unterwegs halten wir an einer Bäckerei um Frühstück zu kaufen. Um halb 10 klingelt mein Freund auf der mit Berlin com beschrifteten Klingel eines unscheinbar wirkenden Bürohauses. Der Türsummer ertönt, und wir betreten das Treppenhaus. Es riecht nach Bohnerwachs. Das Büro befindet sich in der ersten Etage. 16 Arbeitsplätze, ein jeder etwa 70 cm breit und links und rechts mit Spanplattenwänden vom Nachbarschreibtisch abgeschottet. Ähnlich der Blickschutzvorichtungen wie man sie von den Pissoirs der Herrentoilette kennt. Auf 6 der 16 Arbeitsplätze befindet sich ein hochwertiger HP Laptop mit Headset, externer numerischer Tastatur und Maus. Das ist alles! Außer dem Chef arbeiten hier noch 4 weitere Cal Agents, 2 Jungs und 2 Mädels, ich wäre der 5te.
Ich spreche mit dem Chef, erzähle ihm meine Geschichte. Erzähle ihm dass ich seit 3 Jahren reise, unterwegs immer wieder gearbeitet habe und es für mich einfach dazugehöre in einem Land auch zu arbeiten um die Kultur und Lebensweise möglichst realitätsnah wahrnehmen zu können. Ich spiele mit offenen Karten und gestehe gleich, dass ich an einem Arbeitsverhältnis länger als 6 Monate kein Interesse habe, weil ich im Grunde meines Herzens Reisender sei, und es irgendwann auch weitergehen müsste. „Mein Chef“ ist einverstanden. Wir sprechen über den finanziellen Teil. 810 Lira umgerechnet 405 Euro Fixlohn für eine 5 Tage Woche a 7 Stunden. Dann gibt es noch Provisionen. 5 Euro für den 70. bis 90. vermittelten Vertrag und 10 Euro für jeden wenn man mehr als 90 Verträge im Monat abschließt. 6 oder 7 Verträge pro Tag seien nach einer Einarbeitungszeit aber üblich wird mir versichert. Also nix Kundenbetreuung, sondern Kundenanwerbung. Mein Job heißt Telefonverkäufer. Ich soll etwas verkaufen das ich als langjähriger Fahrzeugbewohner noch nie bezogen habe, nämlich Strom. Mein Stromlieferant heißt Sonne und ich bin mit ihm mehr als zufrieden auch wenn er gerade im Winter hier und da mal einige Lieferschwierigkeiten hat.
Mittlerweile ist es 10 Uhr und ich nehme vor meinem PC Platz. Per E Mail erhalte ich alle nötigen Informationen. Auch meinen Leitfaden, ein grob niedergeschriebenes Schema wie so ein Verkaufsgespräch zu führen ist. Des weiteren erhalte ich eine Exel Tabelle mit der sich der für den Kunden zu zahlende Betrag ausrechnen lässt nachdem er mir seinen jährlichen Energieverbrauch genannt hat, und die Links zur Flexstrom Homepage und zu www.verivox.de einem unabhängigen Energiepreisvergleichsportal. Ich lese mehrfach den Leitfaden und besuche die Flexstrom HP. Empfohlen von N-TV, Testsieger bei Focus Money und idealo.de – Atomstromfrei. Dann besuche ich verivox. Nachdem man seine Postleitzahl und seinen jährlichen Energieverbrauch eingegeben hat erhält man eine Liste der günstigsten Anbieter. Ich teste mit verschiedenen Postleitzahlen und Verbrauchsangaben. Flexstrom steht in der Tat häufig an erster Stelle, zumindest aber bei den 3 günstigsten Anbietern. Alles hört sich gut an. Einem Kunden den zweit- oder dritt billigsten Anbieter zu verkaufen damit könnte ich leben. Die Wahrscheinlichkeit dass er dennoch spart ist ja recht hoch. Ich erkundige mich nach der weiteren Vorgehensweise. Woher erhalte ich die Telefonnummern der potenziellen Kunden? Wie funktioniert das wenn tatsächlich jemand Interesse zeigt? Wo schreibe ich dessen Daten nieder usw. Die junge Frau mir gegenüber verkauft gerade einen Vertrag. Ich höre gespannt zu. Name und Adresse des Kunden wird auf einem altmodischen Zettel notiert. Dieser wird an den Chef weitergereicht und der sendet die Daten umgehend nach Deutschland. Von Deutschland aus wird der Kunde von einem weiteren Cal Agent angerufen der den Vertrag überprüft und letztendlich auch abschließt. Was heißt abschließt? Der Kunde bekommt per Post Dokumente zugesandt die er unterzeichnen muss. Erst dann erfährt man, ob man seine Provision erhält, oder ob es nicht vielleicht doch ein „Storno“ war.
Ich glaube alles verstanden zu haben. Nach der Mittagspause will ich meinen ersten Kunden anrufen. Ich habe noch Zeit, lese noch ein paar mal meinen Leitfaden, bis ich ihn vollständig verinnerlicht habe, checke meine E Mails, schließlich sitze ich vor einem PC mit schneller Internetverbindung und dann, dann habe ich eine grandiose Idee. Ich füttere Google mit den Worten „
Flexstrom Forum“ und drücke auf Enter. Schon die Suchergebnisse erschrecken mich.
Vorsicht Trickdiebe: Flexstrom verschickt "trojanisches Pferd ...
Flexstrom: Vorsicht "Bonus- Falle
Finger WEG von Flexstrom?
Ich besuche einige der Links und beginne zu lesen. Gegen den Geschäftsführer läuft also eine Anklage wegen unlauteren Wettbewerbs. Wer bei Flexstrom die Preisgarantie gebucht hat bekommt irgendwann eine Werbemail, dass er einen Urlaub nach Mallorca gewonnen hat. Wer diesen Spam einfach löscht und nicht im Kleingedruckten nachliest dass es sich eigentlich um eine Preiserhöhung von Flexstrom handelt verwirkt sein Sonderkündigungsrecht. Im ersten Jahr spart man, dann zahlt man drauf so die weit verbreitete Meinung der Forenschreiber. Service sei ein Fremdwort, Mails würden nur selten beantwortet Briefe ebenso und die Telefonhotline sei teuer und hätte eine schier endlose Warteschleife. Nur selten liest man ein positives Wort. Ich besuche erneut die Flexstrom Homepage. Empfohlen von N-TV. Ich frage Google: „N-TV Flexstrom“ Enter. An erster Stelle die Flexstrom HP dann irgendwann die von N-TV. Und was lese ich da? „Gut getarnte Preiserhöhung: Wie Flexstrom seine Kunden neppt.“ Ich frage Google: „Focus Money Flexstrom“ Auch hier finde ich alles, nur keine Empfehlung. Zumindest nicht auf der Seite von Focus Money. Ähnlich sieht es für die Google Anfrage: „FlexStrom Stiftung Warentest“ aus. Kein Wunder dass gegen den Geschäftsinhaber eine Klage eingeleitet wurde.
Ich gehe zu „meinem Chef“ und konfrontiere ihn mit meinen Rechercheergebnissen. „Hier arbeite ich nicht, sorry! Weißt Du eigentlich was Du da verkaufst?“ „Ja, einen der günstigsten Stromanbieter Deutschlands.“ „Hast Du mal danach gegooglet? Ich meine auf unabhängigen Portalen?“ „Ach, im Internet schreiben immer nur die, die unzufrieden sind. Haste mal die gleichen Suchanfragen mit einem anderen Anbieter gemacht?“ Ich gestehe das nicht getan zu haben, setze mich vor meinen Rechner und füttere Google mit Begriffen wie „E.on Forum“ „Yellow Strom Stiftung Warentest und ähnlichem. Schnell bemerke ich das ciao.de eine große forenähnliche Plattform für Energieanbieter und Kundenmeinungen über sie ist. Hier eine kleine Linkliste zu ciao Meinungen über folgende Anbieter:
GENO Strom GmbH
Saale Strom
Oberhausen EVO Strom
Flexstrom GmbH
Eon Strom
Yellow Strom
Zugegeben, für jeden Anbieter finden sich unzufriedene Kunden. Aber außer bei Flexstrom liegt die Prozentzahl der unzufriedenen Kunden die ihre Meinung im www verbreiten bei keinem oberhalb der geschätzten 90% Marke.
Den Rest des Tages verbringe ich damit Informationen über Flexstrom und andere Energiedienstleister zu recherchieren. Einen Kunden rufe ich nicht an. Im Grunde arbeitete ich mit einem Flexstrom Rechner gegen Flexstrom, dafür schreibe ich diesen Report mit Solarstrom, gehostet wird er dann wahrscheinlich mit Atomstrom. Genug vom Strom! Ich lehnte diese Arbeit aus Gewissensgründen ab. Ich brauche jeden Cent, aber ich habe keine Lust einer alten Omi `nen Vertrag aufzuschwatzen wenn ich genau weiß, dass ich sie damit irgendwie über das Ohr haue, oder sie an Leute vermittle bei denen ich davon ausgehen kann das die sie über das Ohr hauen. Das ist schlecht fürs Karma, auch wenn ich absolut nicht an diesen esoterischen Hokuspokus glaube.
Um 5 Uhr war Feierabend. Ich verabschiede mich von meinen neuen Kollegen die durch die Bank weg sehr freundlich zu mir waren. Ich sage dem Chef lebwohl, über dessen Verhalten ich mich auch in keinster Weise beklagen könnte, und steige mit meinem Freund zusammen in die total überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel Istanbuls.

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Bild: Danke
Bei Icke von globsurfer.de für die Verlinkung meiner Reiseberichte aus seiner Blogrol. Icke ist seit dem 7. März 2012 für ein Jahr auf Weltreise. Sein Budget: 17000 Euro.


Kleine Häuser auf Rädern, auf dem Wasser und in Bäumen.



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