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Vater ist müde, also gehe ich alleine eine Runde mit meinen Hunden.
Die wollen ja schließlich auch mal raus. Ich begebe mich in den Taxim
Park. Etwas oberhalb des Springbrunnens haben Katzenfreunde einen
Pavillon errichtet. Unweit davon entfernt Katzenhäuschen und im
Schatten des Pavillons ein wenig Futter, Wasser und ständig um die 20
Katzen. Ein idealer Platz um meinen Hunden diese Tiere näher zu
bringen. Wenn ich mich mit ihnen langsam der Katzenstelle nähere, kann
ich sie dort bereits frei laufen lassen und mich dem Spiel mit
anderen Tieren hingeben.

Gegen Mittag des 13.4.2010 unternimmt Vater eine Stadtrundfahrt.

Für günstige 20 Euro, ja, die trauen sich nicht den Preis in Lira
anzugeben, darf man den Rundfahrtsbus betreten. Vorausgesetzt man hat
keine Hunde natürlich. Rund 90 Minuten dauert die Rundfahrt. Das
Ticket erlaubt es einem aber an unzähligen Stellen den Bus zu
verlassen um sich ein wenig die Stadt anzuschauen und mit dem nächsten
weiterzufahren. "Jump on, jump off" nennen das die Betreiber. Über
Kopfhörer erfährt man die wichtigsten Informationen in rund einem
halben Dutzend verschiedener Sprachen. Ich vertreibe mir die Wartezeit
im Park und wohne einem Türkischkurs bei, den Miriam, eine in Istanbul
lebende Deutsche, gerade einigen pakistanischen Flüchtlingskindern
zukommen lässt.
Am 14. nehmen wir unser Mittagessen bei dieser schwimmenden Fischbude zu uns.

Leckeres Fischbrötchen nebst kalter Cola 4 Lira. Da kann man nicht
meckern. Wir durchqueren die alte Stadt und gelangen zum alten Fischmarkt (41° 00.158N; 28° 57.888O).
Einige Stunden sind seit unserem Mittagessen vergangen, und Vater wird
von einem Inkicker angesprochen. "Leckere Fisch essen, kommen Sie
mit, gucken ist umsonst." Vater folgt dem Mann, ich warte. Kurz darauf
kommt er zurück: "Komm, wir gehen Fisch essen. Das sieht gut aus und
ist gar nicht teuer." Vater hatte die englische Speisekarte bereits
von einem Mitarbeiter auf Deutsch übersetzt bekommen und so
entschieden wir uns für 2 Mal Seebarsch. Schon bald kam unser Essen.
Den Teller zierte ein Fisch nebst Kopf und Flossen und als Beilage gab
es eine viertel Salzkartoffel, eine halbe Zwiebel und eine
Zitronenscheibe. Wir entfernten die nicht essbaren Teile des Fisches
und hatten jeder rund 90 Gramm Fischfleisch vor uns. Vaters Kartoffel
war leider faul, so dass wir das Lokal hungrig verließen. Ich verkneife
es mir den Preis zu nennen. Nur so viel, ich hätte über 100 km weit
damit fahren können, hätte ich das Geld in Diesel investiert. "Der
Fisch war aber nicht schlecht, der war besser als der heute Mittag,
der war nicht so fischig." meint mein Erzeuger. Ich habe dem nichts
entgegenzusetzen. Anscheinend ist es ein Qualitätsmerkmal von Fisch
wenn dieser nicht nach Fisch schmeckt.
Auf dem Rückweg stoppten wir für ein Fotoshooting in dem Park vor der
Blauen Moschee.
Am 15. machten wir die Gegend rund um Grand Bazar unsicher. Das sind
die "Rucksäcke" von Trägern.

Träger ist hier ein weit verbreitetes Berufsbild. Anders als durch
tragen lassen sich die schweren Lasten auch nicht durch die mit
Menschen bevölkerten Gassen der engen Bazare transportieren. In
kleinen Gruppen stehen die Träger beieinander, rauchen, spielen
Backgammon oder unterhalten sich einfach. Sie warten auf einen
eintreffenden LKW. Erreicht ein solcher "ihren" Platz stellen sie ihre
derzeitige Beschäftigung ein und tragen dessen Lieferung durch die für
Fahrzeuge unpassierbaren Gassen zu den einzelnen Geschäften.

Träger sind wahrscheinlich Kleinstselbstständige im wahrsten Sinne des
Wortes.
Ein unterqueren der Hauptsrasse durch die Unterführung "Schuhgeschäft"
scheitert einen Tag später aufgrund von Überfüllung.

Ich wähle mit meinen Tieren den Weg am Tageslicht und kämpfe mich
lieber durch die heranrollende Blechlawine. Vaters Fotoapparat hat die
gleiche Macke wie meiner hatte, die Objektivklappe öffnet nicht mehr
selbstständig. Allerdings geht Daddy die Sache ein wenig geschickter an
als ich. Er zerstört seine Kammara nicht vollends durch den Einsatz
von Sprühöl, sondern er lässt sie für umgerechnet 20 Euro in einer Sony
Niederlassung reparieren. 20 Euro wäre mir Meine auch wert gewesen,
aber jetzt ist es zu spät.
Am Abend des 17. kehren wir auf ein Bier in eine Gaststätte nahe des
Galata Towers ein. Der dort arbeitende Kellner ist Kanadier mit
türkischem Background, ein Langzeitreisender der hier den Sommer über
Arbeit gefunden hat. Augenblicklich freunde ich mich mit ihm an. Vater
zieht es vor sich mit einigen Deutschen zu unterhalten die bereits 5
Tage in Istanbul verweilen und felsenfest behaupten meine Hunde seien
die Ersten denen sie hier begegnen. Dafür können sie den Reiseführer
auswendig rauf und runter beten. Ich erhalte eine Einladung für den
frühen Morgen des kommenden Sonntags. Dann wollen unser Kellner und
sein Freund mit dem Jeep in den Wald fahren um dort ihren freien Tag
zu verbringen. Mein Vater und ich seien herzlich eingeladen die Beiden
zu begleiten. Ich spreche die Sache mit meinem Erzeuger ab. Aber 8 Uhr
in der Früh sei nicht machbar, da würde ich ja niemals wach. Ich
entschuldigte mich bei meinem neuen Freund und vertröstete diesen auf
nächstes Wochenende wenn ich wieder alleine sei.
Nach 3 oder 4 Bierchen schläft Vater felsenfest und vor allem sehr
lautstark. Anscheinend träumt er von seiner neuen
Waldarbeiteranstellung und imitiert das Geräusch der Kettensäge. Ich
hingegen drehe mich schlaflos von einer Seite auf die andere. Gegen 3
Uhr am Morgen habe ich die Faxen dicke und beschließe den Wagen zu
verlassen um mir die Stadt anzuschauen. Meine Hunde lasse ich zu
Hause, so dass ich mich vollkommen frei bewegen kann. Es sollte ein
erlebnisreicher Morgen werden.
Ohne meine Tiere habe ich beide Hände
frei zum Fotografieren. Ich knipse was das Zeug hält. Man beachte die
Tannenbaum haltenden Schneemänner in der Weihnachtsbeleuchtung eines
muslimischen Landes und die Tatsache das man hier morgens um halb 5
sowohl frisches Obst und Gemüse als auch asiatische Billignachbauten
der bekannten Zippo Feuerzeuge kaufen kann.
Es muss so gegen 5 gewesen sein. Der Muezzin rief zum Gebet und ich
lauschte seinen Worten als ein junges Mädchen hinter mir
vorbeitorkelte und mich fast anrempelte. Anstelle eines Kopftuches
trug sie einen sehr kurzen Minnirock und high-heels. In dieser
Aufmachung stolperte sie nun auf die Moschee zu, lehnte sich gegen
deren Mauern und übergab sich in Allahs Vorgarten. OK, ich hab auch
schon einmal gegen eine Kirche gekotzt, in Deutschland ist da ja auch
nicht viel bei. Aber hier hätte ich es nicht erwartet.
Es dämmerte bereits und ich beschloss mir den Taxim Park anzuschauen.
Vereinzelt waren noch einige Klebstoffschnüffler unterwegs als ich mich
auf einer Bank niederließ. Ich war nicht lange alleine. Neben mich
setzte sich ein Mann, rein optisch gehörte auch er der Gattung
Klebstoffschnüffler an. Er schaute mich an und begann genussvoll seine
Intimteile durchzukneten. Wortlos stand ich auf und ging davon. Mein
Verehrer folgte mir. Jetzt griff er nicht mehr in seinen Schritt,
sondern in den Meinigen. "Dont´ touch me." forderte ich ihn auf.
Selbstverständlich recht laut. Erschrocken wich er zurück. Aber nicht
für lange. Schon nach wenigen Sekunden hatte er sich von seinem
Schreck erholt und griff mir erneut zwischen meine Beine. Anstatt
seine Zärtlichkeiten zu erwidern rammte ich ihm mit voller Wucht mein
Knie in die Stelle die er sich noch vor wenigen Minuten genussvoll
durchknetete. Er krümmte sich vor Schmerzen und ich war ihn los.
Ich ging zurück in ein beleuchteteres Gebiet der Stadt und setzte mich
erneut. Vor mir lag der Prospekt eines Elektronikmarktes. Ich
blätterte ihn durch. Handys, Kameras, Computer und … ein W-Lan USB
Stick für sage und schreibe nur 7 Lira. Den muss ich haben. Ich
steckte den Prospekt ein, und machte mich auf Frühstück zu
organisieren.
Um viertel vor acht weckte ich meinen Vater mit frischem Kaffee, Brot und Belag.

Nach dem Frühstück gingen wir wie jeden Tag in die Stadt. Eine Gruppe
Männer war ganz angetan von meinen Hunden. Sie konnten sich nicht
entscheiden ob sie die zwei jetzt streicheln wollen oder doch lieber
vor Angst schreiend wegrennen sollten. Ob sie mal die Leine halten
dürften für ein Photo suggerierten sie uns. Aber selbstverständlich!
Sie dürfen!

Na Jungs, mit dem Bild könnt Ihr bei euren Frauen angeben. Echte
Helden seid ihr, habt gleich zwei Hunde gleichzeitig festgehalten. Ein
wenig später besichtigt Vater eine Moschee. Ich nehme auf einer Mauer
Platz und warte. Schon bringt mir der Betreiber eines Straßenkaffees
einen Tee. Wie ich den verdient habe kann ich allerdings nicht
herausbekommen. Dieser Mann wollte wohl einfach mal `nen Tee
verschenken. Als Vater die Moscheebesichtigung beendet hatte nehmen
wir genau in diesem Kaffee Platz und bestellen eine Cola. Eine alte
Dame stützt sich auf ihren Krückstock und geht bettelnd von Tisch zu
Tisch. Vater lässt sich hinreißen und schenkt ihr zwei Lira. Anstatt
sich freundlich zu bedanken und das Weite zu suchen wird diese Dame
ein wenig aufdringlich und suggeriert uns, wie wenig 2 Lira doch seien.
Ich verscheuche Sie und beobachte ihr weiters Handeln. Innerhalb von 5
Minuten erhält sie an 3 weitern Tischen Münzen, dann verliere ich sie
aus den Augen. "Das ist schon `ne arme Sau, in dem Alter noch auf
Betteln angewiesen sein zu müssen." meint Vater. "Angewiesen sein?!
Die macht locker 30 Euro die Stunde. Die ist da nicht drauf
angewiesen, der Frau macht das einfach Spaß." Ein wenig später sehen
wir die Frau wieder. Sie sitzt auf einem Blumenkübel und schaufelt
händeweise Münzen aus ihren weiten Manteltaschen in eine Mülltüte.

Wenn ich anderen Reisenden, die Istanbul nach mir besuchen und ein
gutes Werk tun wollen einen Tipp geben darf, würde ich dazu raten
keinem Bettler etwas zu geben. Diese Menschen haben genug! Pauschale
Aussagen sind hier natürlich schwierig zu treffen, aber so sind meine
Erfahrungen und die Erfahrungen von Einheimischen mit denen ich
gesprochen habe. Die wirklich Bedürftigen sind viel zu stolz um
Touristen nach Geld zu fragen. Sie gehen einer ehrlichen Arbeit nach.
Sie sitzen am Straßenrand, vor ihnen eine Personenwaage und/oder ein
Verkaufskorb mit Tempotaschentüchern. Einige handeln auch mit
Mineralwasser. Wer also ein gutes Werk tun will, dem empfehle ich
einfach 3 Mal am Tag sein Gewicht zu ermitteln. Der "Geschäftsinhaber"
braucht mit Sicherheit jede Lira und er ist nicht aufdringlich. Auch
alte Frauen die ihre Strick- und Häkelwaren verkaufen sind sicherlich
für jeden Kunden dankbar und ihre Socken sind billig und von hoher
Qualität. Doch davon später mehr.
Wir verlassen das Gebiet mit Bettlern und Straßenhändlern und begeben
uns in noblere Gefilde. Der Stadtteil den wir besuchen heißt Roller.
Oder besser gesagt besuchen wir nur die Teppichbodenabteilung von
Roller. Hochwertige Teppiche zählen zu Vaters Hobbys und so kennt er
den Unterschied zwischen einem Kaschmir und einem Perser noch bevor
der Verkäufer ihn erklärt. Auch kann er mit einer ziemlich hohen
Treffsicherheit den Preis für so einen Fußabtreter vorhersagen. Dieser
hier:

kostet zum Beispiel: 45750 Euro erklärt uns der deutschsprachige
Verkäufer. Mit "um die 40000" lag Papa also gar nicht so verkehrt.
Doch nicht nur Teppiche gehören zu Papas Hobbys. Auch das
Herunterhandeln von Preisen. Bei Kleinstbeträgen hat er zwar keine
Freude an diesem Hobby aber wenn die Preise den 5-stelligen Bereich
erreichen, handelt Vater selbst ohne Kaufinteresse. Nach 20 Minuten
zäher Diskussion hätten wir das gute Stück zum Schnäppchenpreis von
20000 haben können. Versand nach Deutschland inklusive. Wer Interesse
hat, hier die E-Mail des Verkäufers: kadirecaner@hotmail.com.
Noch zwei weitere Tage verbrachten wir damit durch die Stadt zu
schlendern bevor Vater am 21.4.2010 um 5 Uhr in der Früh ein Taxi nahm
um pünktlich um 11 am Flughafen zu sein. Der Mitarbeiter von Türkisch
Airlines riet ihm, besser ein wenig früher da zu sein da es auf Grund
der durch die Aschewolke des isländischen Vulkans verursachten
Flugausfälle recht voll werden könne. Ah, gegenüber von Türkisch
Airlines befand sich dann auch das Elektronikgeschäft mit dem Wi-Fi
Stick. Der Preis betrug nicht 7 Lira sondern 32. 7 Lira war lediglich
die Anzahlung bei Ratenzahlung. Ich kaufte, bzw. Vater schenkte mir
das Gerät trotzdem. Danke!
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