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Es ist Samstag der 8. Mai 2010. Es ist etwa halb zwei in der Nacht.
Langsam zuckelt mein Fahrzeug im stopp and go - Verkehr über die
Autobahnbrücke der E 80. Ich befinde mich hoch über Istanbul, hoch über
dem Bosporus, genau in der Mitte zwischen Europa und Asien. Es ist
Samstag, es ist halb 2 in der Nacht und ich stehe im Stau, im
permanenten Stau einer Millionen Metropole. Die Aussicht ist grandios!
Die Batterien meines Fotoapparates sind leer. Rechts neben mir befindet
sich ein Fußgängerweg und mir haben alle erzählt man könne da nicht
rüber laufen. Aber dort, etwa 1m tiefer als die Kraftfahrzeugspuren,
dort ist ein Fußweg. Ich sehe es klar und deutlich. Morgen, morgen bei
Tageslicht. Gut 30 Minuten brauche ich für die Kanalüberquerung. Gut
30 Minuten befinde ich mich zwischen den Kontinenten. Irgendwo
zwischen Europa und Asien. Ist der Bosporuskanal eigentlich die
Kontinentgrenze weil es auf der Landkarte so schön aussieht? Oder
stoßen unter ihm tatsächlich zwei Kontinentalplatten aufeinander?
Hilfe! Ich will hier weg! Das ist Erdbebengebiet! Ich fahre eh ungern
über Brücken. Tunnel mag ich übrigens auch nicht. Aber bei dem
Gedanken, dass tief unter mir zwei dicke Steine auf einem Brei aus
glühender Lava schwimmen auf denen diese Brücke erbaut ist, wird mir
anders. Ohne Erdbeben erreiche ich das andere Ufer. Die Fahrspuren teilen sich, ich halte mich rechts. Ich will so schnell wie möglich von der Autobahn abfahren. Doch da ist es schon, das Mauthäuschen. Ich betrachte die Apparaturen. Das Ding kann gar keine Zettel ausdrucken! Es handelt sich um einen Magnetkartenleser! Ich steige aus und nehme einige dieser Karten an mich die auf dem Boden verteilt liegen. Anscheinend muss man erst so eine Karte kaufen bevor man auf die Autobahn auffahren darf. Ich habe keine, die gefundenen werden nicht akzeptiert. Hinter mir dröhnt ein Hup - Konzert, vor mir zeigt eine Ampel Rotlicht. Ich gebe Gas, niemand hält mich auf. Ich halte mich rechts und nehme die Ausfahrt. Der Stau liegt hinter mir. Vor mir liegt Asien! Ich bin da, ich hab`s geschafft. Noch nicht endgültig, aber immerhin! Mein Kilometerzähler zeigt: 476280; 7010 km seit meiner Abreise. 7010 km in über 3 Jahren! Das ist Weltrekord! Ich bin der langsamste Kraftfahrzeugreisende der Welt. Ich schreibe an den Guinness Verlag, mal sehen ob die mir das Gegenteil beweisen können. Ich fädele mich durch das Gewühl von Zubringern und Auffahrten. Grade eben stand ich noch im Stau, jetzt sehe ich kein einziges Auto. Am Bosporus biege ich links ab, rechts liegt das Zentrum, da werde ich wohl kaum `nen Parkplatz finden. Einige Minuten später parke ich am rechten Fahrbahnrand. Mehr aus Spaß und Neugier als aus einer Notwendigkeit heraus schalte ich den Computer an. Ich habe Internet! Nach dem Erwachen mache ich mich auf den Weg. Es ist grün, überall sind Bäume, Parks und Natur. Ich habe die Großstadt verlassen. Klar, ich bin in einer Stadt, aber das Ganze hat mehr Vorstadtcharakter. Der Verkehr ist ruhig, nur hin und wieder fährt ein Auto über die Uferpromenade. Ich will zurück nach Europa; und zwar zu Fuß! Schnell finde ich den Weg den ich vor wenigen Stunden gefahren bin. Ich kann die Brücke schon sehen, erkenne den Fußgängerweg. Der Stau ist verschwunden. Ich durchquere eine Grünanlage und folge der Ausschilderung „Busbahnhof“ (die Bildchen sind international), ich laufe vorbei an der Polizeistation die sich unmittelbar vor bzw. hinter der Brücke befindet und begebe mich auf den Fußweg von Asien nach Europa. Ich komme nicht weit. Kaum beginnt die eigentliche Brücke werde ich von einem Polizisten aufgehalten. Dieser hat dort ein kleines Wachhäuschen und scheint den ganzen Tag darüber zu wachen dass kein Fußgänger den Fußgängerweg benutzt.
Ich folge dem Wasser weiter südwärts. Nach etwas mehr als einer Stunde erreiche ich das asiatische Zentrum Istanbuls. Zentrum ist gut, wie ich es schon sagte, es handelt sich mehr um eine Kleinstadt. Zumindest empfinde ich so nachdem ich das Getümmel des europäischen Teils so lange besucht habe. Dennoch gibt es hier Bazare, Moscheen und natürlich eine grandiose Aussicht in die andere Richtung.
Am Morgen des 10. Mai, ich hatte mal wieder nicht geschlafen und die Nacht in den Weiten des world wide web verbracht, weckte mich die Polizei. „Parken verboten“ Sieh mal einer an, die Jungs konnten Englisch! Was ich hier mache? Wurde ich gefragt. „Nun ja, ich bin Tourist und will mir die Stadt anschauen,“ antwortete ich. Der Ordnungshüter bot mir an, ihm ein Stück weit hinterherzufahren. Unweit von hier wolle er mir eine Stelle zeigen an der ich parken könne. Ich lehnte ab. „I was here 2 days, if I start my engine I go up to the Black See! I need a quiet point.” Ich erhandelte 20 Minuten Bleiberecht um meinen Wagen fahrfähig zu räumen und verließ kurz darauf meinen Parkplatz.
Gegen 15 Uhr parkte ich meine Wohnung auf diesem Gelände.
Zunächst parkte ich außerhalb des Zauns und ging mit Schecki die Gegend erkunden. Den Erstbesten den ich traf fragte ich ob ich hier wohl parken könne. Leider verstand er mich nicht. „Otto“, ich zeigte auf mein Fahrzeug, „park hehre?“, Ich zeigte auf ein Plateau das ich mir als Standplatz ausgeguckt hatte, „problema?“ „No problema! Achmed,“ mein Gesprächspartner zeigte auf sich. „Stefan“ auch ich zeigte auf mich. „Bira?“ Schon hielt ich eine kalte Büchse Effes in der Hand. „Brumm, brumm.“ Ich machte Lenkbewegungen „later first otto park“ „Tamam“ sagt mein Gegenüber. Tamam ist türkisch und bedeutet soviel wie gut, oder OK. Schnell hatte ich geparkt, schnell war ein Feuer entzündet und etwas langsamer rann das kühle Blonde unsre Kehlen hinunter. Wir redeten viel an diesem Abend. Aber bitte, fragt mich nicht über was, ich weiß es selber nicht. Mein neuer Freund hatte 3 Büchsen Bier im Angebot, anderthalb für jeden. Ich steuerte Kartoffelchips und die Endstufe meines Autoradios bei, die wir mit dem MP3 Player meines Bekannten koppelten. Die nächsten Tage ging ich viel spazieren. Haselnusssträucher wuchsen so dicht beieinander dass sie ein undurchdringliches Dickicht bildeten, schmale Viehpfade führten durch schattige Täler oder über sonnige Weiden. Ich ging der Nase nach, mal links mal rechts. Immer in die Richtung die mir interessanter aussah. Dabei verließ ich mich voll und ganz darauf dass mein GPS mir den Heimweg weisen würde. Das tat es auch, eine tolle Erfindung. Dabei entdeckte ich herrliche Strände an welchen man auch vollkommen alleine parken könnte.
Sprache hin oder her, die türkische Gastfreundschaft ist sprichwörtlich. Nicht nur auf diesem Platz, der ja irgendwie besetzten Charakter hat, - und auf besetztem Gelände sind Menschen ja immer zwei Stufen freundlicher als normal - auch während meiner Wanderungen. Kaum ein Tag vergeht wo ich nicht auf einen Tee eingeladen werde. Im nahen Dorf habe ich einen Freund. Er kann „What is your name?“ sagen und setzte dieses Wissen auch prachtvoll ein um mit mir ins Gespräch zu kommen. Leider waren das seine einzigen englischen Worte. Aber nicht schlimm, wir unterrichteten uns gegenseitig. Er mich in Türkisch und ich ihn in Englisch. Damit es keine Missverständnisse gibt brachten wir uns nur solche Wörter bei die man eindeutig zeigen kann. „Hose, Schuhe, Nase, Ohren …“ Außer T-Shirt, was auf türkisch T-Shirt heißt, hab ich mir leider mal wieder nix gemerkt. Ein alter Mann sprach sogar deutsch und lud mich für den Folgetag zum Frühstück ein. Leider habe ich sein Haus nicht wieder gefunden. Nach exakt einer Woche Aufenthalt reiste ich ab. Mein Weg führt mich zurück Richtung Istanbul City. Leider läuft mein Visa in etwas mehr als einem Monat ab und ich möchte mir noch ein bisschen mehr vom Land anschauen. Ursprünglich hatte ich geplant irgendwo zwischen Küste und City ein oder zwei Tage im Wald zu verbringen. Aber kurz nachdem ich aufgebrochen war traf ich auf einen Anhalter. Er wollte zur Autobahnauffahrt, also fuhr ich durch. Ich beschloss, dass es noch zu früh sei um nach Europa zurückzukehren also parkte ich vor einem Supermarkt. Ich brauche Kaffee! Ganz schön teuer hier, das Pulver das zur Zubereitung des türkischen Nationalgetränkes benötigt wird. 100 Gramm über 2 Lira. In Griechenland hatte ich 500g für umgerechnet 5,5 Lira gekauft. Ich entschied mich für Instandkaffee. 18g im Portionsbeutel für 15 Kursu. Daneben der „Großpack“ 200g für 4,6 TL. Da spart man richtig, aber wie das hier mit dem Mengenrabatt läuft kenne ich ja schon von Vaters Zigarettenkäufen. Gut das ich nachgerechnet habe. Nach meinem Einkauf gehe ich das Umland entdecken. Im Rucksack sucht der Computer nach W-Lan. Doch bevor er Internet findet, finde ich ein Kaffee. Da ich nur ein kurzes Lebenszeichen an meine Eltern senden und nachschauen möchte, ob vielleicht doch noch jemand mein Möffchen gefunden hat, beschließe ich das Geschäft zu betreten. „Das sich mal ein Deutscher in unsre Gegend verirrt.“ Begrüßt mich Attila. Nein, nicht Attila der Hunnenkönig sondern Attila der Internetcafebesitzer. Schnell beginne ich einen Smalltalk, wir reden über dies und das, und dann gehe ich online. „Nur ganz schnell, brauch nicht länger als 10 Minuten.“ „Lass dir Zeit.“ Schecki liegt unangeleint vor dem Laden, da lasse ich mir bestimmt keine Zeit. E – Mail Eingang - nichts wichtiges, kurze Mail an meine Eltern: „Mir geht’s gut, bin wieder in Istanbul fahre morgen weiter Richtung Bulgarien. Grüsse Stefan.“ AdScence Konto: „Heutige Einnahmen 2,4 Euro; Einnahmen der letzten 7 Tage 10 Euro 64.“ Wow, das ist Rekord, soviel habe ich mit der HP noch nie verdient. Online Banking, jawohl es ist da, mein erstes Geld. 77 Euro seit Oktober. Mehr als die Hostingkosten für 2 Jahre. Von dem Rest kauf ich mir 3 Liter Diesel. Es geht bergauf, ich glaub an mich. Sollen die Anderen doch lachen. Ich schalte den Rechner aus und freue mich. Über 10 Euro in den letzten 7 Tagen. Mehr als 10 Euro, während ich mein Leben an der Schwarzmeerküste genossen habe. Dazu die Gewissheit dass das Geld auch tatsächlich ausgezahlt wird. Das Erste ist auf meinem Konto. Ich kann es fast anpacken, sehe nicht nur auf dem PC Bildschirm wie es mehr wird, nein, jetzt kann ich es auch ausgeben. Mit Attila stehe ich vor dem Laden: „Seit 3 Jahren bist du unterwegs, und wovon lebst du?“ Ich erzähle von den jüngsten Erlebnissen gestehe aber, es eigentlich immer durch normale Arbeit geschafft zu haben. „Mein Bruder arbeitet bei `ner Telefonhotline die suchen immer Leute die gutes Deutsch können. Haste Zeit? Der kommt jetzt gleich.“ Wenn es um `nen anständigen Job geht habe ich natürlich immer Zeit. Rund 2 Stunden warteten wir bei einigen Tee und Kaffee auf Attilas Bruder. Als dieser eintraf war die Sache schnell besprochen. Morgen fragt er seinen Chef und ruft um 12 im Laden an. Ich solle dann da sein. Ein Deal! Ich verabschiedete mich und ging mir die Gegend anschauen. Habe ich eigentlich schon von den Wachhäuschen erzählt die es in so ziemlich jeder Istanbuler Parkanlage gibt? Nach Einbruch der Dämmerung sitzt dort ein Wachmann und passt auf, dass keiner den Park klaut.
Also war Warten angesagt. `Nen Job kann man ja nicht laufen lassen. Erstmal wurde ich auf `nen Kaffee eingeladen. Ich betrete die Küche und erhasche einen Blick auf die Gasflasche. Ich hab sie ja schon in Geschäften stehen sehen, die türkischen Propangasbuddeln. Aber so live hab ich mir den Kram bis dato noch nicht beschaut. Es ist wieder mal ein anderes System. Diesmal ist es ganz anders.
An den beiden darauf folgenden Tagen laufe ich mehr oder weniger ziellos durch die Gegend. Diese Klingel
Am morgen des 21. Mai habe ich dann meinen ersten und letzten Arbeitstag. Ich hätte die Stelle tatsächlich bekommen, habe aber selber abgelehnt. Wen interessiert, welcher Teufel mich geritten hat einen gar nicht mal so schlecht bezahlten Job auszuschlagen, dem empfehle ich meinen Bericht: Arbeiten für Flexstrom. Am späten Nachmittag möchte ich abreisen. Aber meine neuen Freunde überreden mich noch zu bleiben. „Es ist Wochenende, wir wollen heute Abend ein paar Videos gucken, wir haben auch viele deutsche, bleib doch noch ne Nacht.“ Ich ließ mich überreden. Erst schauten wir einen Gruselstreifen, dann ein Since Fiction Movie und zu guter Letzt – Das Boot!
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